Arik zum Achtzigsten

Wäre Ariel Sharon noch bei Bewusstsein und hätte er die heutigen nassforschen Aufforderungen der deutschen Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul an die israelische Regierung zu kommentieren gehabt, er hätte nur das zu wiederholen brauchen, was er bereits zu Beginn des Jahres 2002 in seinem ersten Interview mit einer deutschen Zeitung sagte: „Was sollen wir tun? Kapitulieren? Ich bin ein Jude. Zum ersten Mal seit 2000 Jahren haben die Juden ein winzig kleines Land, 15-mal kleiner als Deutschland. Israel ist das einzige Land in der Welt, wo die Juden das Recht haben, sich selbst zu verteidigen. Und dieses Recht werden wir nie aufgeben. […] Wir wissen, was den Juden im Zweiten Weltkrieg angetan worden ist. Sie in Deutschland oder Europa sollten deshalb nicht einmal versuchen, uns zu Konzessionen zu bewegen. Solche Ratschläge werden wir nicht akzeptieren. Vielleicht würde das mit einem anderen Premier funktionieren. Aber nicht mit mir. Nicht mit mir.“ Doch Sharon ist nicht mehr zu Bewusstsein gelangt, seit er am 4. Januar 2006 infolge starker Hirnblutungen in ein künstliches Koma versetzt wurde, das bis heute fortdauert.

1942 trat Ariel Sharon, Sohn eines polnisch-deutschen Vaters und einer russischen Mutter, als gerade einmal 14-Jähriger der Haganah bei; im Alter von 20 Jahren kommandierte er bereits eine Infanteriekompanie im israelischen Unabhängigkeitskrieg von 1948. Er prägte die Geschichte Israels vom ersten Tag an entscheidend, sowohl militärisch – etwa während der Suezkrise, im Sechstagekrieg und dem Yom-Kippur-Krieg – wie auch als Politiker, beispielsweise in seiner Funktion als Verteidigungsminister (zweimal), Außenminister, Vorsitzender des Likud, Gründer der Kadima und als Premierminister, der er seit 2001 war. Es muss letztlich Spekulation bleiben, wie sich die israelische Innen- und Außenpolitik in den letzten beiden Jahren entwickelt hätte, wenn Sharon Regierungschef hätte bleiben können. Aber dass er mit seinem Weitblick, seiner Entschlusskraft und seinem Durchsetzungsvermögen vor allem in Israel schmerzlich vermisst wird, ist gewiss, so umstritten er stets gewesen sein mag.

Heute wird Ariel Sharon achtzig Jahre alt.* Aus diesem Anlass sei hier das letzte Interview dokumentiert, das er gegeben hat. Es erschien am 3. Januar 2006 – einen Tag, bevor Sharons Dauerkoma begann – in der japanischen Zeitung Nikkeinet (und in englischer Sprache drei Tage später in der Yediot Ahronot). Sharon äußerte sich darin über die Frage einer Teilung Jerusalems, die Road Map, den palästinensischen Terror, das iranische Atomprogramm, die Zukunft der Golanhöhen und die Situation in Syrien. Nichts davon hat an Aktualität und Dringlichkeit verloren. Lizas Welt hat das Gespräch ins Deutsche übersetzt.

„Die Zeit arbeitet nicht für diejenigen, denen der Iran Sorgen bereitet“

Interview mit Ariel Sharon

Nikkeinet/Yediot Ahronot,
3./6. Januar 2006

Ist es für die Palästinenser möglich, die Hauptstadt zu teilen?

Für uns ist Jerusalem nicht verhandelbar. Und wir werden deshalb nicht über Jerusalem verhandeln. Jerusalem wird immer die vereinigte und unteilbare Hauptstadt Israels bleiben.

Glauben Sie, es wird in die Geschichte eingehen, dass die Palästinenser in Camp David eine Chance verpassten, als sie das Angebot des damaligen Premierministers Ehud Barak ablehnten, Jerusalem zu teilen?

Ich glaube nicht, dass sie das in die Praxis hätten umsetzen können. Ich denke auch nicht, dass das jüdische Volk bereit ist, Jerusalem zu teilen. Ich glaube, dass die Palästinenser viele Fehler gemacht haben, aber hauptsächlich als Ergebnis des Terrors, des Mordens und des Blutvergießens. Ich habe mit dem Rückzug [aus dem Gazastreifen] einen harten und schmerzlichen Schritt unternommen, aber nachdem wir Gaza verlassen hatten, hörte der Terror nicht auf. Ich sah, dass der Terror nach dem Rückzug nicht gestoppt wurde.

Gestern wurden zehn Kassam-Raketen aus Gaza nach Israel abgefeuert. Wie wird Israel reagieren?

Es ist die oberste Pflicht der Palästinensischen Autonomiebehörde, den Terror zu stoppen. Das Problem ist, dass sie keinerlei Schritte in diese Richtung unternehmen. Die Road Map sieht eindeutig vor, dass der Terror vollständig aufhören muss, wenn es Fortschritte geben soll. Ich war bereit, für einen dauerhaften und wirklichen Frieden schmerzhafte Kompromisse einzugehen. Aber ich habe auch sehr deutlich gemacht, dass Israel in Sicherheitsfragen keinerlei Kompromisse machen wird, nicht jetzt und nicht in der Zukunft.

Sie sagten, der Terrorismus haben auch nach Israels Rückzug aus Gaza nicht aufgehört. Gibt es Vorstellungen über einen einseitigen Rückzug aus der West Bank, die vergleichbar mit dem Abzug aus dem Gazastreifen sind?

Nein, nein, die Antwort ist nein. In Samaria und Judäa ist die Road Map der Plan. Wir haben weder jetzt noch in der Zukunft einen einseitigen Rückzug aus diesen Gebieten vor.

Was geschieht, wenn die Hamas in diesem Monat die palästinensischen Wahlen gewinnt?

Die Hamas ist eine Terrororganisation, in deren Programm von der Auslöschung des jüdischen Volkes und des Staates Israel die Rede ist. Sie ist keine Partnerin für Verhandlungen. Wenn sie entwaffnet und ihr Programm verboten würde, dann wäre die Situation eine andere. Aber ich erkenne diesbezüglich keine wie auch immer gearteten Schritte, die Mahmud Abbas unternimmt. Wir werden deshalb mit den Terroristen der Hamas so verfahren, wie wir immer mit ihnen verfahren sind.

Was denken Sie über das iranische Atomprogramm?

Der gewählte iranische Präsident legt sich mutwillig mit dem Westen an und nimmt größere Risiken auf sich als seine Vorgänger. Er entwickelt sein Atomprogramm weiter und baut es aus, womit er das Pariser Abkommen verletzt, und er fährt mit der Urananreicherung fort. Sowohl seine wiederholten Bemerkungen und jüngsten Stellungnahmen zu Israel als auch seine Handlungen zeigen, welche Gefahren Israel durch ein solch radikales iranisches Regime droht, das weiterhin das Ziel verfolgt, über atomare Kapazitäten verfügen zu können. Was Israel betrifft, lautet die Frage nicht, ob der Iran seine nuklearen Ziele erreicht oder nicht – das kann immer noch ein paar Jahre dauern. Die Frage lautet vielmehr, wann er die technologische Fähigkeit haben wird, um die Atombombe zu bauen. Unserer Einschätzung nach kann er das innerhalb eines Jahres. Die Zeit arbeitet jedenfalls nicht für diejenigen, denen der Iran Sorgen bereitet.

1981 veranlasste der damalige israelische Premierminister Menachem Begin Luftschläge gegen den Irak, um die atomare Aufrüstung dieses Staates zu verhindern. Werden Sie angesichts der drohenden nuklearen Gefahr durch den Iran wie Begin 1981 handeln, wenn der kritische Punkt erreicht ist und diplomatische Lösungen nicht greifen?

Ich war Mitglied des Kabinetts, als damals die Entscheidung getroffen wurde, und ich habe 1981 eine wichtige Rolle bei der Entscheidungsfindung gespielt. Zunächst einmal glaube ich, dass die Rahmenbedingungen damals andere waren als heute. Ich glaube, wir befinden uns heute immer noch in der Phase diplomatischer Fortschritte. Der Iran sollte vor den UN-Sicherheitsrat gebracht werden, und ich glaube, es können immer noch Sanktionen erlassen werden. Das Ganze ist noch zu stoppen.

Wie sehen Sie die Situation in Syrien?

Zunächst einmal müssen Sie wissen, dass Syrien gemeinsam mit dem Iran die terroristische Hizbollah deckt. Syrien ist das Zuhause von Terrororganisationen, das Zuhause etwa der Hamas, des Islamischen Djihad und der PFLP. Es gibt ungefähr zehn oder elf palästinensische Terrororganisationen – die radikalsten von ihnen haben ihr Hauptquartier und Aufmarschgebiet in Damaskus. Terroristen werden in Syrien ausgebildet, und die Waffen kommen von dort und aus dem Iran. Ich glaube, das ist etwas, das gestoppt werden sollte.

Glauben Sie, dass die Golanhöhen für immer unter israelischer Souveränität bleiben werden?

Ich kann mir keine Situation vorstellen, in der Israel nicht auf den Golanhöhen sitzen wird. 19 Jahre lang befand sich dieser nördliche Teil Israels in einem schweren Abnutzungskrieg. Wir werden nicht mehr in diese Lage kommen, obwohl Israel niemals Syrien angreifen wird.

Der japanische Premierminister Junichiro Koizumi brannte darauf, Sie nach Japan einzuladen. Zudem wird Koizumi voraussichtlich den Nahen Osten einschließlich Israel besuchen. Was erwarten Sie von dem bilateralen Treffen mit ihm?

Israel sieht eine große Wichtigkeit und Bedeutung darin, die Beziehungen zwischen den beiden Ländern auszubauen, und es ist sehr wesentlich, dass sich diese Bindungen weiterentwickeln. Außerdem ist für uns die Rolle Japans im Nahen Osten von großem Gewicht. Japan kann mit Sicherheit dabei behilflich sein, die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) in ihren Reformbemühungen zu unterstützen. Seit den Osloer Verträgen hat Japan die PA bereits mit 800 Millionen Dollar unterstützt. Ich werde mein Versprechen erfüllen und Japan nach den Wahlen besuchen – als israelischer Premierminister.


* Nach dem gregorianischen Kalender wurde Ariel Sharon am 27. Februar 1928 geboren.

Hattips: Franklin D. Rosenfeld, Mark G., Heinrich K., Wind in the Wires

Im Jerusalemer Sender infolive.tv ist ein 33-minütiger Filmbeitrag zu sehen, der sich mit Ariel Sharon, seinem Leben und seinem Wirken befasst: Sharon At 80 – The Legend Behind The Man. – Lesetipp: Warrior. The Autobiography of Ariel Sharon.

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