Zeichen der Barbarei

In Italien tobt sich derzeit einmal mehr der Antisemitismus aus, und seine Adepten demonstrieren dabei neuerlich den Variantenreichtum des Judenhasses: Während Linke mit Unterstützung arabischer Schriftsteller gegen die Einladung israelischer Schriftsteller zur Turiner Buchmesse zu Felde ziehen, haben italienische Neonazis auf einer Internetseite eine „schwarze Liste“ mit den Namen von 162 Hochschullehrern veröffentlicht, denen sie vorwerfen, jüdisch zu sein und Israel zu unterstützen.

Eigentlich ist das, was die Veranstalter der im Mai stattfindenden Internationalen Buchmesse in Turin getan haben, eine schiere Selbstverständlichkeit: Anlässlich des kommenden sechzigsten Geburtstags Israels luden sie Schriftsteller aus dem jüdischen Staat als Ehrengäste ein. Doch es kam, wie es kommen musste: Sofort protestierten Linke gegen diese Ehrerbietung. „Sechs Jahrzehnte Unterdrückung der Palästinenser!“, tönten sie, unterstützt vom Literaturnobelpreisträger des Jahres 1997, Dario Fo (Foto oben, links). Es folgte eine erregte Debatte in Politik und Medien, die zusätzlich dadurch befeuert wurde, dass auch arabische Autoren unter dem Vorsitz des Holocaustleugners Mohammed Salmawi die Einladung der israelischen Schriftsteller als „Provokation gegenüber der arabischen Welt“ bezeichneten und dass Tariq Ramadan (Foto oben, rechts) neuerlich zu einer Fatwa gegen Israel aufrief, weil es „unanständig“ sei, „einen Staat zu feiern, dessen Regierung die Menschenrechte nicht im geringsten respektiert und täglich das palästinensische Volk erniedrigt“.

Die italienischen Neonazis waren in dieser Angelegenheit zwar eher unterrepräsentiert. Aber das lag nicht daran, dass sie deren antiisraelischer Stoßrichtung nicht folgen mochten. Vielmehr landeten sie ihren eigenen Coup: Auf ein Weblog (1) mit dem kurzen und bündigen Namen „Re“ („König“, Screenshot rechts) und dem zutiefst christlichen Motto „Via – Veritá – Vita“ („Der Weg, die Wahrheit, das Leben“) stellten sie eine „schwarze Liste“ mit den Namen von 162 an italienischen Universitäten lehrenden „docenti ebrei“ („jüdischen Dozenten“), die von den katholischen Rechtsextremisten bezichtigt werden, „Propaganda für Israel zu machen und ihre Interessen auf Kosten des italienischen Volkes zu verteidigen“. Bereits Mitte November des vergangenen Jahres hatten die namentlich bislang nicht bekannten Betreiber des Blogs eine solche Aufstellung publiziert; damals umfasste sie 84 Hochschullehrer (2). Die Vereinigung der Jüdischen Gemeinden Italiens erstattete nun Anzeige; Innenminister Giuliano Amato ließ das Internet-Tagebuch umgehend schließen. Auch Schulminister Giuseppe Fioroni war entsetzt: „Es ist eine Schande. Es ist unannehmbar, dass eine Art von digitalem Ku-Klux-Klan der Moderne solche Listen veröffentlichen kann, mit denen Juden verunglimpft werden.“

Zu den von den Neonazis ins Visier genommenen Dozenten gehört auch Donatella Di Cesare (Foto). Sie ist Professorin für Sprachphilosophie an der Sapienza, der größten Universität Europas in Rom; außerdem lehrt sie Jüdische Philosophie am Collegio Rabbinico Italiana der Hebräischen Universität Jerusalem. In einem offenen Brief (3) wendet sie sich nun an die Öffentlichkeit und bittet um deren Unterstützung, beispielsweise in Form von Solidaritätsschreiben an Ihre E-Mail-Adresse; diese wird sie anschließend publizieren. Lizas Welt dokumentiert im Folgenden Di Cesares Appell.

Liebe Freunde, liebe Kollegen, liebe Studenten!

Viele von euch, in Italien und im Ausland, werden schon wissen, dass am 8. Februar 2008 in einem neonazistischen Blog eine Liste von „docenti ebrei“ („jüdischen Dozenten“) veröffentlicht worden ist, die dort als „jüdische Lobby“ bezeichnet werden. Von diesen Dozenten wird behauptet, sie monopolisierten die italienischen Universitäten. Es sind etwa 160 (manche sind nichtjüdisch). Auf Initiative des Innenministers Amato ist das Blog von der italienischen Polizei geschlossen worden. Zugleich hat das Ministerium für die Universität Nebenklage erhoben. Das Gleiche hat auch die Vereinigung der Jüdischen Gemeinden Italiens getan.

Die stigmatisierten Dozenten werden beschuldigt, Juden, Zionisten und Israelfreunde zu sein; außerdem werden sie beschuldigt, in Italien zu leben, aber die Gesetze einer „supranationalen Gemeinschaft“, das heißt Israels, zu befolgen, und deshalb die Jugend zu korrumpieren. Die Liste war von Parolen gesäumt, die zum Boykott Israels, aber auch der „jüdischen Gemeinden Italiens“, aufforderten.

Ich hätte nie gedacht, meinen Namen in einer solchen Liste zu sehen, mehr noch: Ich hätte nie gedacht, je in meinem Leben überhaupt eine solche Liste zu sehen, schon gar nicht in Italien. Einen Augenblick lang dachte ich, ein Stück aus den dreißiger Jahren zu lesen. Aber neben meinem Namen fanden sich auch diejenigen vieler Freunde und Kollegen.

Leider hat sich das politische und kulturelle Klima in Italien schon seit langem verschlechtert. Für diejenigen, die im Ausland leben, ist das kaum vorstellbar. In Italien war all das, was die Kontroverse um die Buchmesse in Turin und um den „Boykott Israels“ dort begleitet hat – nachdem Israel aus Anlass der Staatsgründung vor sechzig Jahren eingeladen worden war –, ein deutliches Zeichen. Ein prominenter Philosoph unterstützt offiziell diesen Boykott. Der neue Antisemitismus kommt von weit her, aber er ist eben neu. Er ernährt sich vom Nahostkonflikt und zieht Gewinn aus der Tragödie zweier Völker. Wer den Boykott gegen Israel unterstützt, muss sich der Wirkungen bewusst sein, die das hat, und sie verantworten.

Der Hass, der einst gegen die Juden gerichtet war, wendet sich heute gegen den Staat Israel, der zum Pariastaat, zum Symbol für alles Böse in der Welt geworden ist. Am Remembrance Day als Opfer erinnert, werden die Juden an dem nächsten Tag zu israelischen „Vollstreckern“ gemacht. Die Anklagen gegen die jüdischen Professoren auf der Neonazi-Website sind sehr eloquent.

Die jüngsten Stellungnahmen der katholischen Kirche, die in keiner Weise den Gedanken und Gefühlen der Katholiken entsprechen, und vor allem die letzten Erklärungen von Papst Benedikt XVI. und seine reaktionären Initiativen (etwa die zur Wiedereinführung des Karfreitagsgebets für die Bekehrung der Juden) fördern den Dialog überhaupt nicht. Im Gegenteil haben sie dazu beigetragen – und tragen sie dazu bei –, ein Klima nutzloser, schädlicher Feindseligkeit und Gegensätzlichkeit zu erzeugen.

Es ist dann auch kein Zufall, dass Universitätsdozenten ins Visier genommen worden sind – vor allem diejenigen, die an der Universität La Sapienza in Rom arbeiten. Die Aggression gegen Intellektuelle ist das erste Zeichen der Barbarei.

Wir bitten um eure und Ihre Solidarität. Ein Wort, eine Geste können wichtig sein. Wir haben es aus der Geschichte gelernt. Ich habe euch und Ihnen diesen Brief geschickt, damit ihr und Sie Freunde und Kollegen informieren könnt.

Donatella Di Cesare


Anmerkungen:

(1) Die Website ist nicht mehr aufzurufen, aber im Speicher von Google wird man noch fündig: http://tinyurl.com/2bb44r
(2) Im Google-Cache: http://tinyurl.com/yufcwy
(3) Eine englische Fassung des offenen Briefes hat Hannes Stein auf der Achse des Guten online gestellt; die italienische Version findet sich unter anderem bei der Federazione lavoratori della conoscenza.

Hattips: barbarashm, Olaf K.

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