Alter Schwede!

Mehr als eineinhalb Jahre nach dem so genannten Karikaturenstreit gibt es nun eine Art Remake, diesmal im dänischen Nachbarland Schweden: Eine Regionalzeitung veröffentlicht eine Zeichnung, die den Propheten Mohammed als Hund zeigt. Schwedische Muslime demonstrieren gegen diese vermeintliche Kränkung, wollen das Blatt verklagen und verlangen die Bestrafung der Verantwortlichen. In Pakistan verbrennt ein wütender Mob schwedische Fahnen und eine Puppe, die den schwedischen Ministerpräsidenten darstellen soll; etliche islamische Staaten geißeln den Cartoon mit markigen Worten. Eine Plastik des Künstlers wird zerstört. Es gibt Morddrohungen gegen ihn, und eine der al-Qaida verbundene Terrorgruppe will demjenigen, der den Zeichner oder den Chefredakteur der Provinzzeitung tötet, ein Kopfgeld zahlen. Der schwedische Premierminister jedoch setzt auf den Dialog: Er trommelt Vertreter der schwedischen Muslime und die Botschafter aus 22 islamischen Staaten zusammen, um sie zu beruhigen. Gestern nun musste der Karikaturist untertauchen – auf dringenden Rat der Polizei und des Geheimdienstes.

Vor einem Monat hatte die schwedische Tageszeitung Nerikes Allehanda einen Leitartikel publiziert, der den Titel „Das Recht, eine Religion lächerlich zu machen“ trug. Illustriert war der Beitrag mit einer Karikatur des Zeichners Lars Vilks. Sie zeigt einen Hund mit einem menschlichen Kopf sowie Bart und Turban (Bild oben). Dem Künstler zufolge stellt die Karikatur Mohammed dar. Im dazugehörigen Artikel hieß es, es müsse zulässig sein, sich über die höchsten Symbole aller Religionen lustig zu machen, auch über die des Islam. Die Veröffentlichung hatte eine bemerkenswerte Vorgeschichte: In der schwedischen Provinz werden nachts seit einiger Zeit Verkehrsinseln mit selbst gebastelten Hundefiguren bestückt. Das veranlasste einen Kunstverein in der Region Värmland dazu, eine Ausstellung zu den so genannten Rondellhunden ins Werk zu setzen. Lars Vilks schickte den Organisatoren daraufhin drei Zeichnungen solcher Fabeltiere, die den Kopf von Mohammed trugen. Doch der Kunstverein lehnte die Karikaturen ab, wie auch die Museen, die Vilks ebenfalls angeschrieben hatte. Zur Begründung hieß es mal, man wolle gläubige Muslime nicht gegen sich aufbringen, und mal, die Kreationen hätten keinen künstlerischen Wert. Die Redaktion von Nerikes Allehanda vermutete Selbstzensur hinter diesen Argumenten und druckte schließlich eine der Zeichnungen ab.

Ende August demonstrierten deshalb etwa 300 Muslime vor dem Gebäude der Zeitung in Örebro und forderten eine Entschuldigung. Chefredakteur Ulf Johansson wies dieses Ansinnen zurück: „Wir wollten niemanden verletzen. Aber die Demonstranten verlangen von mir das Versprechen, nie wieder ein ähnliches Bild zu veröffentlichen. Und das kann und will ich nicht.“ Die Vereinigung der schwedischen Muslime kündigte daraufhin eine Klage gegen das Blatt an: „Es macht unsere Religion lächerlich“, sagte ihr Sprecher Mahmud Aldebe. „Das ist diskriminierend und beleidigend für uns.“ Wie zu erwarten war, blieb das Ganze nicht auf Schweden beschränkt: Das Mullah-Regime im Iran beispielsweise übersandte eine offizielle Protestnote. Die Regierungen Afghanistans („Provokation für die gesamte Bevölkerung Afghanistans und feindlich gegenüber der muslimischen Welt“), Pakistans („blasphemisch“), Ägyptens („unverantwortlich und beleidigend“) und Jordaniens („unakzeptabel, abzulehnen und verdammenswert“) sowie die 57 Staaten umfassende Islamische Konferenz erregten sich ebenfalls über den Abdruck der Strichzeichnung. In Pakistan blieb es zudem nicht bei verbalen Attacken: Dort gab es mehrere „Kundgebungen“, auf denen schwedische Fahnen verbrannt wurden*; zudem ging eine Puppe in Flammen auf, die den schwedischen Premierminister Fredrik Reinfeldt darstellen sollte.

Dabei gab dieser sich alle Mühe, nicht unter Beschuss zu geraten: Er lud von sich aus 22 in Stockholm stationierte Botschafter aus islamischen Staaten zum Gespräch ein und traf sich darüber hinaus mit Vertretern der rund 400.000 in Schweden lebenden Muslime in einer Moschee. Schweden werde ein Land bleiben, in denen Religiöse wie Nichtreligiöse jeglicher Herkunft in gegenseitigem Respekt leben könnten, versuchte er zu beschwichtigen. Man werde jedoch gleichzeitig die Freiheit des Wortes verteidigen und auch nicht in die Arbeit von Zeitungsredaktionen eingreifen. Für sein Entgegenkommen erntete Reinfeldt Lob vom iranischen Vertreter in Stockholm. Das schwedische Außenministerium arbeitete derweil an der Versicherung, die entstandenen Verletzungen, nicht jedoch die Publikation der Zeichnung zu bedauern. Lars Vilks hingegen hatte nichts zurückzunehmen, und auch Nerikes Allehanda verteidigte die Karikatur. Kurz darauf wurde eine sieben Meter hohe Plastik in Brand gesetzt, die der Künstler gemeinsam mit Studenten gestaltet hatte. Zudem gab es Morddrohungen gegen ihn.

Eine davon war sogar mit einer Prämie verbunden: „Wir rufen zur Tötung des Karikaturisten Lars Vilks auf, der es gewagt hat, unseren Propheten – Friede sei mit ihm – zu beleidigen, und wir setzen im großzügigen Monat Ramadan eine Belohnung von 100.000 Dollar für denjenigen aus, der diesen Verbrecher tötet“, verkündete die Gruppe „Islamischer Staat Irak“, eine der al-Qaida verbundene Terrororganisation. Wer Vilks „schlachte wie ein Lamm“, bekomme sogar 150.000 Dollar. 50.000 Dollar wurden zudem auf Nerikes Allehanda-Chefredakteur Ulf Johansson ausgesetzt. „Wir haben hier ein echtes Problem“, sagte Vilks der Nachrichtenagentur AP. „Wir können nur hoffen, dass sich die Muslime in Europa und in der westlichen Welt von diesem Aufruf distanzieren und den Gedanken der Meinungsfreiheit unterstützen.“ Einige muslimische Verbände gingen tatsächlich auf Distanz zu dem Mordaufruf und forderten seine Rücknahme. Gleichzeitig wies die Firma Ericsson ihre Filialen in islamischen Ländern an, die Fahnen mit Firmenlogo einzuholen: Die irakische Terrorbande hatte ihr wie auch anderen schwedischen Firmen Repressalien angedroht, wenn sich die schwedische Regierung nicht für die Zeichnungen entschuldige.

Doch während ein Boykott in muslimischen Ländern schwedische Konzerne eher wenig treffen würde – nur einen geringen Teil ihres Umsatzes erwirtschaften sie im Nahen Osten –, ist die Situation für Lars Vilks ungleich ärger: Gestern tauchte er auf den eindringlichen Rat der Behörden hin unter. Ein Sprecher des Geheimdienstes Säpo sagte der Zeitung Svenska Dagbladet, man habe diese Maßnahme weniger mit Blick auf einen möglichen Anschlag von al-Qaida ergriffen, sondern fürchte vor allem diejenigen, die sich in Schweden bemüßigt fühlen könnten, die Todesfatwa in die Tat umzusetzen. Ulf Johansson bleibt derzeit noch in seiner Wohnung in Örebro.

Wäre abschließend die Frage zu klären, wie ein möglicher Vollstrecker an sein Geld käme. Überweisungen scheiden vermutlich aus. Aber vielleicht kann Jan Egeland bei der Übermittlung Amtshilfe leisten, unter Skandinaviern gewissermaßen. Der frühere Staatssekretär im norwegischen Außenministerium ist nämlich erstens Vizegeneralsekretär für Humanitäre Angelegenheiten sowie Koordinator für Nothilfe der Vereinten Nationen. Und er möchte zweitens dringend mal mit Bin Laden und den Seinen reden: „Wenn ich an einem Treffen mit al-Qaida teilnehmen könnte, bei dem sie sich davon überzeugen ließe, dass sie die größte antiislamische Kraft ist: warum nicht?“, sagte er kürzlich. So einer wäre ohne Zweifel der ideale Botschafter für die selbst ernannte Religion des Friedens. Man würde ihm daher aufmerksam-nachdenklich zuhören und anschließend ein Köfferchen in die Hand drücken, in dem sich zwischen 50.000 und 200.000 Dollar befinden. In kleinen Scheinen und für eine gute Sache.

* Das Foto zeigt Demonstranten in Lahor, Pakistan, beim Abfackeln einer selbst gemachten schwedischen Fahne. Die Farbe blau war offenbar entweder ausverkauft, oder die Demonstranten wussten es nicht besser.

Übersetzungen: Lizas Welt – Hattips: Niko Klaric, Urs Schmidlin

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