No dope, no hope

„Wiedervereinigung ungültig: Kohl war gedopt!“, schlagzeilte die Titanic im April 1992 auf ihrer Titelseite. „T-Mobile feuert Patrik Sinkewitz nach Doping-Geständnis“, hieß es nun, nach der Tour de France, in großen Lettern. Das erstgenannte Beispiel: eine Satire, deren Komik nicht zuletzt dadurch zur Entfaltung kommt, dass der Gedanke, politische Entscheidungen könnten durch die Einnahme bestimmter Substanzen irregulär werden, allgemein als absurd empfunden wird. Das zweite Beispiel: eine ernste Meldung, die helles Entsetzen hervorrief, weil vorausgesetzt wird (und werden kann), dass Sportler grundsätzlich keine unerlaubten Mittelchen zu sich nehmen. Aber warum würde niemals eine Tarifvereinbarung für nichtig erklärt werden, obwohl Gewerkschafter wie Unternehmer die Nachtsitzung nur unter Zuhilfenahme von Aufputschmitteln überstanden haben, während bei der Frankreich-Rundfahrt ein Radsportler nach dem anderen aus dem Verkehr gezogen wurde? Weshalb käme niemand auf die Idee, erkennbar unter Drogeneinfluss verfasste Bücher vom Markt zu nehmen, während gedopten Athleten ihre Erfolge aberkannt werden und sie mindestens mit einer langjährigen Sperre rechnen müssen?

So abwegig, wie es auf den ersten Blick vielleicht scheint, sind diese Fragen nicht. Denn es versteht sich keineswegs von selbst, dass eine durch Hilfsmittel herbeigeführte Leistungssteigerung im einen Fall als akzeptabel gilt, im anderen jedoch als Betrug gehandelt wird. Der amerikanische Sportsoziologe John Hoberman ist der Ansicht, dass der Konsum von Pharmaka „für die menschliche Art fast genauso ‚natürlich’ ist wie die Nahrungssuche oder die Suche nach Obdach“. Der Sport sei dabei die „einzige Leistungsform, von der angenommen wird, dass sie durch pharmakologische Intervention verdorben wird“. Das liege vermutlich daran, dass die Gesellschaft „vom Sportler einen unverfälschten und genauen Ausdruck des menschlichen Potenzials“ verlangt – im Unterschied etwa zu Orchestermusikern. Und das, so Hoberman, obwohl diese Berufsgruppe physisch und psychisch dauerhaft unter extremem Stress leide, ihre Lebenserwartung etwa 22 Prozent unter dem gesellschaftlichen Durchschnitt liege und sie daher häufig zu Betablockern greife, die auf der Dopingliste stehen. Dennoch ist kein Mensch der Ansicht, ihre Leistung sei deshalb weniger wert.

Doch sobald es um Zeiten, Weiten oder Treffer geht, ist die Aufregung groß, wenn jemand der Einnahme nicht offiziell zugelassener Präparate auch nur verdächtigt wird. Was Hoberman zurückhaltend als das gesellschaftliche Verlangen nach einem „unverfälschten und genauen Ausdruck des menschlichen Potenzials“ umschreibt, ist, weniger vorsichtig formuliert, nicht selten pure Ideologie. Jörg Hahn beispielsweise entdeckte in der FAZ „die Abgründe“ eines „kommerziellen Sports, bei dem Gewinn alles und Ethik nichts zählt“, der „seine traditionellen Werte und sein Ethos selbst zerstört“ habe und „durch dauerndes Regelübertreten von innen heraus verfault“ sei. Seine Kollegin Evi Simeoni geißelte die „Scheinheiligkeit und Gier“ namentlich des Profiradsports und klagte: „Die Zukunft ist düster: Einen sauberen Hochleistungssport wird es nicht geben.“ Die bayerische Sozialministerin Christa Stewens sah trotz ihrer Parteizugehörigkeit nicht ganz so schwarz: „Wir dürfen nicht zulassen, dass der Sport durch leistungssteigernde, unnatürliche Mittel kaputt gemacht wird“, ließ sie just gestern verlautbaren. Der Sport müsse „seine Attraktivität für die Jugend erhalten“, ergänzte Stewens: „Der Reiz, sich zu bewegen und sportlich zu betätigen, darf nicht durch die aktuelle Doping-Verschmutzung leiden.“ Daher müsse es „eine echte Stunde Null im Leistungssport“, also lebenslängliche Sperren für Dopingsünder und die Annullierung aller Rekorde geben: „Jeder Sieg in einem fairen Wettkampf ist ein bejubelnswertes Ereignis. Nicht der Rekordhalter ist das Idol der Zukunft – sondern der schnellste Ungedopte, der ‚primus inter faires’, der Erste unter den Fairen.“

Nicht zuletzt die Wortwahl, die weit mehr als nur die Verpackung des Inhalts ist, lässt aufhorchen: Zerstörung traditioneller Werte, ungehemmtes Gewinnstreben, Beschiss, Fäulnis, Widernatürlichkeit, Dreck. „In diesem Jargon offenbart sich ein Ressentiment, das dem antisemitischen verwandt ist“, schrieb Thorsten Fuchshuber in konkret: Wo sich der Antisemit den Kapitalismus „als ominöse Einrichtung zwecks betrügerischer Vermehrung des Geldes“ vorstelle und dabei „den jüdischen Wucherer“ halluziniere, „um diesem ‚raffenden Kapitalisten’ den im Schweiße seines Angesichts ‚schaffenden Kapitalisten’ entgegenzustellen“, so Fuchshuber, fantasiere man „in der aktuellen Debatte über die betrügerische Vermehrung der Kräfte des Sportlers durch Dopingmittel und die dadurch ausgelösten biochemischen Prozesse“.* Nun ist gewiss nicht jeder ein veritabler Judenhasser, der sich darüber geärgert hat, dass seine Tour-Favoriten ihrem Leistungsvermögen etwas nachgeholfen haben. Aber das Vokabular, mit dem gegen die Delinquenten zu Felde gezogen wurde und wird, weist nicht zufällig Parallelen zum Arsenal des Antisemitismus auf: Es ist vielmehr konsequenter Ausdruck eines Hasses gegen jene, die die Dinge nicht uneigennützig um ihrer selbst willen, also für etwas Ideelles tun, sondern im eigenen Interesse handeln, dadurch eine alle Gegensätze einebnende Gemeinschaft in ihrer Befindlichkeit stören und so zum Feind werden.

Als Deutscher hat man gefälligst anständig und sauber zu bleiben, für Volk und Vaterland aufs Rad zu steigen oder auf die Laufbahn zu gehen und sich aufrichtig zu quälen; von nichts kommt schließlich nichts: „Deutsche Spitzenleistungen wurden auf überragende Trainingsmethoden, Pferdelungen, unglaubliches Talent zurückgeführt, während man bei der Konkurrenz plötzliche Leistungssteigerungen durchaus auf unerlaubte Substanzen schob“, beschrieb Elke Wittich in der Jungle World, wie sich die Welt bei der Tour de France hierzulande einmal mehr in die Deutschen und die Verdächtigen teilte – bis das Gegenteil nicht mehr zu leugnen war, woraufhin die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten sozusagen antizyklisch handelten und ihre Übertragung abbrachen. Den Vorwurf, es gehe nur ums Geld, fürchtet man nämlich wie die Radfahrer die Dopingprobe. Dabei erfülle das Doping „stets auch einen sozialen Zweck“, meinte Georg Paul Hefty in der FAZ. Schließlich ernährten „die Doper von heute“ mit ihren Siegen „ihre Familien, ihre Betreuer, ihre Manager, die Fahrradhersteller, und sie geben auch noch den Berichterstattern, den Werbeträgern und den Millionen Zuschauern Beschäftigung“.

Ob es einem nun passt oder nicht: So ist es. Und so ist es nicht nur im Sport: „Doping ist in der Leistungsgesellschaft immer wieder und überall, nur heißt es nicht überall und immer so. Das Geschehen ist stets das gleiche: Jemand verschafft sich mit eigentlich unerlaubten Mitteln eine Kraft – auch Wettbewerbsvorteil genannt –, die er eigentlich nicht hat.“ Der professionelle Sport, schrieb Martin Krauß schon vor vier Jahren in der Wochenzeitung Jungle World, funktioniere dabei lediglich so „wie die Gesellschaft, die ihn hervorgebracht hat“. Und gedopt worden sei in dieser schon immer: „Die Idee, dass man durch die Einnahme von besonderen Wirkstoffen seine Leistungsfähigkeit steigern kann – sei es bei der Arbeit oder bei der Sexualität –, ist so alt wie die Menschheit selbst.“ Das habe Gründe wie Vorteile: „Es unterscheidet den Menschen vom Tier, dass er gezielt und wählerisch Nahrung zu sich nimmt und sich die Nahrung selbst zubereitet. Indem der Mensch arbeitet, durch seine Arbeit die Natur beherrscht und sich durch arbeitsteilig produzierte Nahrung ernährt, verwandelt er sich, und so entwickelt sich auch sein Körper. Der menschliche Körper wird vergesellschaftet.“ Dennoch habe sich diese Vergesellschaftung im Laufe der Zeit verändert: „Der Sport, der mit der bürgerlichen Gesellschaft entstand, führte Menschen […] in die Grenzbereiche ihrer Leistungsfähigkeit. Eine gern als ‚normal’ bezeichnete Nahrungsaufnahme reicht bei Spitzensportlern, die extreme körperliche Belastungen eingehen, nicht aus. Ein Sportler muss mehr und spezielle Nahrung zu sich nehmen. Und so mancher Sportler will, um eine höhere Leistung zu erzielen, die Möglichkeit einer gezielten Nahrungs- oder Pharmakaeinnahme nicht unbeachtet lassen.“

Die als Allheilmittel gepriesenen und unisono geforderten Dopingkontrollen seien dabei reichlich fragwürdig, konstatierte Krauß: „Eine verbotene Substanz muss nicht unbedingt etwas mit Leistungssteigerung zu tun haben; auch Gesundheitsschäden sind kein Kriterium für die Aufnahme in die Liste. Es gibt schlicht keine solchen Kriterien, nach denen ein Stoff verboten gehört oder als erlaubt gilt. So gelangen etwa auch Wirkstoffe auf die Liste, die für sich genommen völlig dysfunktional sind und beispielsweise, wenn sie überhaupt nennenswert wirken, einen Läufer langsamer und einen Werfer schwächer machen.“ Daraus folge: „Die Dopingregeln, die sich gerne objektiv und naturwissenschaftlich begründet geben, sind ein Paradebeispiel für eine Norm, die nur im gesellschaftlichen Diskurs entsteht und durch den Diskurs ständig verändert wird.“ Dieser verletze mit seinem Ruf nach Einschränkungen und Strafen zudem die formelle Gleichheit aller Teilnehmenden, die „der Ideologie bürgerlicher Menschenrechte“ entspreche („Alle sind frei geboren, was sie daraus machen, ist ihre Sache“) und damit auch die Voraussetzung sportlicher Wettkämpfe sei.

Diese formelle Gleichheit bestehe „exakt darin, dass nur Menschen antreten: Was sie essen, wie sie trainieren, ob sie, um ihren Sport ausüben zu können, schwer schuften müssen oder ob sie sich alles vom Erbe oder vom Lottogewinn leisten können, hat nichts zu besagen“. Also habe es auch nichts zu besagen, „ob und in welchem Ausmaß sie Medikamente einnehmen. Im Sport wie im Recht treten sie sich als Gleiche gegenüber“. Anders formuliert: Wer mit anderen Widersprüchen und Limitierungen der bürgerlichen Gesellschaft lebt, braucht sich auch nicht über angebliche Wettbewerbsverzerrungen bei der Ausbeutung des menschlichen Körpers im Sport zu beschweren. Es jammert schließlich auch kaum jemand darüber, dass die Trainingsbedingungen im globalen Maßstab sozialen, politischen und geografischen Unterschieden ausgesetzt sind, obwohl das die Chancengleichheit letztlich weit stärker beeinflusst als die Frage des Zugangs zu pharmazeutischen Produkten.

Vor nicht allzu langer Zeit galt es hierzulande noch als undenkbar, dass Sportler mit ihren Fähigkeiten Geld verdienen. Die Fußball-Bundesliga beispielsweise wurde erst 1963 eingeführt – damit war die Bundesrepublik Deutschland eines der letzten großen westeuropäischen Länder, das eine Profiklasse zuließ. Bis dahin wurde das Amateurideal gehegt und gepflegt; es war verpönt, sich für das Kicken offiziell entlohnen zu lassen. Man hatte für die körperliche Betätigung gegen den Ball zu treten und nicht wegen der Kröten. Anfangs durften deshalb Grundgehalt und Prämien die Grenze von 1.200 Mark nicht überschreiten – was zum einen bedeutete, international nicht konkurrenzfähig zu sein, und die Berufsfußballer zum anderen animierte, nach extralegalen Verdienstmöglichkeiten zu fahnden. Nicht zuletzt das führte 1971 zum so genannten Bundesliga-Skandal. Infolgedessen wurden die Gehaltszahlungen gewissermaßen liberalisiert und der Fußball professionalisiert; heute wird es – zu Recht – nicht mehr kritisiert, wenn jemand mit Sport seinen Lebensunterhalt bestreitet. Möglicherweise widerfährt den Widerständen gegen das Doping eine ganz ähnliche Entwicklung. Schlechter würde die Welt dadurch nicht.

* Thorsten Fuchshuber: Quäl dich, du Sau!, in: konkret 7/2007, S. 55

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