Bruderstaat

Die Frage, warum derzeit so viele Flüchtlinge aus dem Sudan auf keinen Fall in Ägypten bleiben wollen, sondern weitaus lieber nach Israel kommen, erfährt täglich eine prägnante Antwort: Vor wenigen Tagen erschoss die ägyptische Polizei zunächst eine Frau und verwundete vier andere Sudanesen bei deren Versuch, die Grenze zum jüdischen Staat zu überqueren; Verhaftungen und Polizeiprügel sind ohnehin schon an der Tagesordnung. Am späten Mittwochabend trafen Sicherheitskräfte dann neuerlich zwei sudanesische Flüchtlinge tödlich, wie der israelische Fernsehsender Channel 10 TV berichtete. Zwei weitere schlugen sie vor den Augen israelischer Soldaten tot, die zuvor versucht hatten, den Menschen auf israelisches Territorium zu helfen und dafür von den ägyptischen Polizisten mit gezogener Waffe bedroht worden waren. So viel zum Thema „Bruderstaat“: In Ägypten mag man diejenigen, die dem blanken Horror vor allem in Darfur mit knapper Not entkommen sind, überhaupt nicht haben; dass sie aber nach Israel weiterziehen wollen, wird dennoch als ultimativer Verrat an der arabisch-islamischen Sache aufgefasst und entsprechend geahndet. Auf Seiten der sudanesischen Regierung sieht man das genauso.

Die glaubt nämlich ganz genau zu wissen, wer schuld daran ist, dass immer mehr Flüchtlinge sich auf den Weg Richtung Feindesland begeben: „Das Darfur-Problem wird von 24 jüdischen Organisationen angeheizt, die den größten Lärm darum machen und dabei den Holocaust für ihre Kampagne benutzen“, giftete Verteidigungsminister Abdel Rahim Mohamed Hussein in einem Interview mit einer saudi-arabischen Tageszeitung. Gefragt, ob diese Gruppen die Rebellen finanziell unterstützten, antwortete er: „Ja, sie leisten politische und materielle Hilfe durch ihre Kontrolle über die Medien und durch ihren Einfluss auf amerikanische und britische Kreise.“ Zudem seien westliche Berichte falsch, nach denen es bereits 200.000 Tote im Sudan gegeben habe: „Wir sprechen über 9.000 Tote als Folge von Handlungen entweder der Regierung oder der Rebellen.“

Hussein ist nicht der erste sudanesische Politiker, der solche Ansichten öffentlich zu Protokoll gab. Vor einigen Tagen hatte schon Innenminister Zubair Bashir Taha behauptet, Israel nutze die Flüchtlingskrise, um das internationale Ansehen des Sudans zu beschädigen und ein „unnötiges Drama“ heraufzubeschwören. Die Flüchtlinge würden von den israelischen Behörden ermuntert, in den jüdischen Staat einzureisen. Aber man werde „einen geeigneten Weg finden“, mit jenen zu verfahren, „die es wagen, nach Israel auszuwandern“. Zu diesem Zweck seien in Zusammenarbeit mit den ägyptischen Behörden bereits Ermittlungen eingeleitet worden. Bereits im Juni letzten Jahres hatte der sudanesische Präsident Omar al-Bashir „jüdische Organisationen“ bezichtigt, hauptverantwortlich für die Forderung nach einer UN-Truppe im Land zu sein und in die dortigen Auseinandersetzungen intervenieren zu wollen.

Die Vereinigungen, die da in originär antisemitischem Duktus der angeblich unzulässigen Einmischung geziehen werden, sind israelische Menschenrechtsgruppen, denen im Unterschied zu ihren europäischen, vor allem auf Attacken gegen den jüdischen Staat spezialisierten Pendants nicht entgangen ist, was sich im Sudan zuträgt. Viele von ihnen gehören der Save Darfur Coalition an – einem Zusammenschluss von mehr als 170 humanitären Organisationen – und fordern internationale Unterstützung für die in Darfur Lebenden wie für die Flüchtlinge. Unterstützt werden sie beispielsweise vom Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel und dem Direktor der Anti-Defamation League, Abraham Foxman. Letzterer konterte bereits vor mehr als einem Jahr die antijüdischen Attacken aus dem Sudan, indem er sie einfach gegen ihre Urheber wendete: „Die jüdische Gemeinschaft ist stolz auf ihre führende Rolle bei der Opposition gegen diesen Genozid und bei dem Ruf nach einer internationalen Intervention. Die Tiraden des sudanesischen Führers sind eine Auszeichnung für uns. Er spielt ein altes Spiel, wenn er mit dem Finger auf die Juden zeigt, die auf den Genozid in Darfur hinweisen. Diejenigen, die an letzterem beteiligt sind oder ihn tolerieren, versuchen immer, die Aufmerksamkeit von ihren Handlungen abzulenken. Juden zu beschuldigen, ist dabei das bevorzugte Mittel.“

Über den weiteren Weg der Immigranten ist unterdessen noch nicht entschieden. Oft gelangen sie im Gefolge von beduinischen Schleppern nach Israel, die dafür 200 bis 500 Dollar verlangen und ihnen erzählen, im gelobten Land sei alles für sie bereitet. Dass letztere das gerne glauben, auch wenn es mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat, liegt nahe. Doch kein Staat der Welt hält automatisch Unterkünfte und Arbeitsplätze für den Fall parat, dass die Zuwanderung von Kriegsflüchtlingen plötzlich steigt. Trotzdem – oder gerade deshalb – gibt es in Israel zurzeit eine rege Diskussion darüber, wie mit den Neuankömmlingen zu verfahren ist. Das Dilemma brachte dabei Aliza Olmert, die Ehefrau des israelischen Premierministers, auf den Punkt: „Eine Nation, die um ihre Existenz kämpft, ist gezwungen, sich mit dem Desaster in Afrika zu beschäftigen.“ Es sei schwierig, alle Einwanderer aus dem Sudan aufzunehmen; gleichzeitig dürfe man sie definitiv nicht in ihr Ursprungsland ausweisen und letztlich auch nicht nach Ägypten zurückschicken. Die Aufnahmebereitschaft in Israel ist derweil besonders in Regionen groß, deren Bewohner selbst wenig zu lachen haben: Im unter palästinensischem Raketenbeschuss stehenden Sderot beispielsweise machte ein Internat bereitwillig Platz für Flüchtlinge.

Hierzulande werden diese Geschehnisse übrigens kaum zur Kenntnis genommen. Und wenn doch, dann nicht ohne den impliziten Verweis darauf, dass doch gerade die Juden wissen müssten, wie das ist mit der Verfolgung. So wird selbst der Krieg im Sudan in das gewohnte Nahost-Schema eingefügt. Alles andere wäre aber auch eine Überraschung.

Übersetzungen: Lizas Welt – Hattip: Extrasystole

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