Der freundliche Skinhead

Einen „Popstar wider Willen“ nannte ihn die Zeit, den „Popstar unter den Geistlichen“ der Focus, und die Nachrichtenagentur Associated Press verbreitete einen Beitrag über den derzeitigen Deutschlandbesuch des Dalai Lama unter der Überschrift „Spiritueller Popstar“. Kaum eine große deutsche Zeitung, die den offenbar so begehrten wie beliebten Obertibeter nicht zum Interview gebeten hätte, und gäbe es Christiansen noch, er wäre ganz gewiss auch bei ihr gelandet. Denn „er lebt, was er predigt, und das macht ihn zum wirkungsvollen Exilvertreter Tibets“, räsonierte Uwe Jean Heuser in der Zeit über die Gründe für den Hype um den drahtigen und asketischen Mann mit der dicken Brille: „Er macht schlichte Scherze wie den, der nächste Dalai Lama könne eine Frau sein, aber bitte ein hübsche, wegen der Aufmerksamkeit. Aber er verlässt nie seine Linie der Gewaltfreiheit und des Mitgefühls, die er für das Zentrum des Buddhismus hält. Er zeigt Verständnis und auch Achtung für hungerstreikende Landsleute. Doch dass sie zum Selbstmord bereit sind, lehnt er als Gewalttat ab. Er gibt die Hoffnung nicht auf, dass China zur Einsicht kommt. Und falls er noch einmal in seine Heimat darf, so sagt er, ‚will ich etwas tun, damit die Tibeter und die Chinesen Freundschaften entwickeln’. Manche Tibeter hielten ihn wegen seiner freundlichen Haltung für zu weich, sagt er – und lacht besonders lange.“

Das hört sich alles harmlos und nicht unsympathisch an; das Problem dabei ist nur: Die Dinge liegen doch etwas anders. Der Psychologe und Autor Colin Goldner veröffentlichte bereits 1999 eine kritische Würdigung des Dalai Lama* und präsentierte dabei zahlreiche Tatsachen, die so gar nicht zum Selbstbild des Gottkönigs und zu der nicht nur unter seinen Anhängern verbreiteten Auffassung passen wollen, nach der das bis 1951 existierende „alte Tibet“ eine Oase des Pazifismus und der spirituellen Reife gewesen sei, bis die Chinesen diesem Paradies mit roher Gewalt ein Ende gesetzt hätten. Der tibetische Buddhismus ist jedoch vielmehr die vernunftwidrige, gegen die Aufklärung gerichtete Religion einer autoritären Sekte, die im 15. Jahrhundert den Kult um den Dalai Lama hervorbrachte, sich den Weg an die Spitze mit brutaler Gewalt und Intrigen bahnte und dabei mit Rivalen alles andere als zimperlich umsprang, um es zurückhaltend zu formulieren. Demokratisch legitimiert war die Lama-Dynastie nie; abwählbar ist sie dementsprechend auch nicht. Die Zeit, in der sie in Tibet unumschränkt herrschte, war für die Bevölkerung nicht von Sanftmütigkeit und Toleranz, sondern im Gegenteil von äußerster Armut, rabiater Unterdrückung und barbarischer Ausbeutung bei einer Alphabetisierungsquote von ganzen zwei Prozent geprägt. Das Justizsystem der feudalen Mönchsdiktatur stammte zudem aus grauer Vorzeit, wie Goldner schrieb:

„Das tibetische Strafrecht leitete sich aus einem Gesetzeswerk Dschingis Khans des frühen 13. Jahrhunderts ab und zeichnete sich durch extreme Grausamkeit aus. Zu den bis weit in das 20. Jahrhundert hinein üblichen Strafmaßnahmen zählten öffentliche Auspeitschung, das Abschneiden von Gliedmaßen, Herausreißen der Zungen, Ausstechen der Augen, das Abziehen der Haut bei lebendigem Leibe und dergleichen. Obgleich der 13. Dalai Lama 1913 das Abhacken von Gliedern unter Verbot gestellt hatte, wurden derlei Strafen noch bis in die 1950er Jahre hinein vorgenommen. […] Selbst die ansonsten gänzlich unkritische Autorin Indra Majupuria weist in ihrem Buch Tibetan Women auf historische Belege dafür hin, dass im ‚alten Tibet’ eine Frau bei Ehebruch völlig legal von ihrem Ehemann getötet werden konnte.“ (S. 24 f.)

Dessen ungeachtet gab es in Deutschland bereits zu Beginn der 1920er Jahre einen regelrechten Tibet-Boom mit zahlreichen Abenteuerfilmen, Büchern und Ausstellungen über das „Dach der Welt“. Auch die Nationalsozialisten zeigten großes Interesse an Tibet; sie gingen dort nicht zuletzt einer angeblichen Ur-Verwandtschaft zwischen der „indo-arischen“ und der „germanischen Menschenrasse“ nach. Heinrich Himmler – ein Verehrer der Theosophin Helena Blavatsky und ihrer „Rassenlehre“ – finanzierte 1938 sogar eine Expedition in das Schneeland und stellte sie unter seine persönliche Schirmherrschaft. Federführend war dabei der Biologe und Tibetforscher Ernst Schäfer; begleitet wurde er unter anderem vom „Rassekundler“ Bruno Beger, der an hunderten Tibetern Schädelvermessungen durchführte (und diese Tätigkeit ab 1943 als Arzt im Konzentrationslager Auschwitz fortsetzte; der Dalai Lama pflegte zu Beger noch in den 1990er Jahren enge Kontakte). Es kam zu einem Treffen mit Vertretern des tibetischen Regimes, dessen Verlauf und Ergebnisse nie öffentlich gemacht wurden. Goldner: „Der Dalai Lama, dessen Regent und persönlicher Tutor Jamphel Yeshe Gyaltsen, bekannt als Reting Rinpoche, im Jahre 1939 eine SS-Delegation offiziell im Potala empfangen hatte, weigert sich bis heute, irgendwelche Auskunft zu den damaligen Unterredungen zu geben; auch aus den Aufzeichnungen des Delegationsleiters Ernst Schäfer, der mehrfach mit dem Regenten sowie hochrangigen Regierungsmitgliedern zusammengetroffen war, geht kaum etwas über deren Inhalt hervor.” (S. 87)

In diesen Kontext passt auch die unverbrüchliche Freundschaft des Dalai Lama mit dem österreichischen Bergsteiger Heinrich Harrer (Foto, links) bis zu dessen Tod im Januar 2006. Harrer war einer der bekanntesten Tibet-Autoren; seine Biografie Sieben Jahre in Tibet wurde 1997 sogar verfilmt. 1950 war er ein halbes Jahr lang der persönliche Lehrer des damals 15 Jahre alten Dalai Lama; er schaffte es in den Rang eines Ministerialbeamten und wurde später in den tibetischen Adelsstand erhoben. 1997 wies ein österreichischer Journalist nach, dass Harrer SA- und NSDAP-Mitglied sowie SS-Oberscharführer war. „Natürlich wusste ich, dass Heinrich Harrer deutscher Abstammung war – und zwar zu einer Zeit, in der die Deutschen wegen des Zweiten Weltkrieges weltweit als Buhmänner dastanden“, sagte der Dalai Lama, mit diesen Erkenntnissen konfrontiert – und verteidigte die intensiven Beziehungen zu Harrer und anderen Nationalsozialisten: „Wir Tibeter haben traditionsgemäß schon immer für die Underdogs Partei ergriffen und meinten auch, dass die Deutschen gegen Ende der vierziger Jahre von den Alliierten genügend bestraft und gedemütigt worden waren. Wir fanden, man sollte sie in Ruhe lassen und ihnen helfen.“ (zitiert nach Goldner, S. 83)

Marcus Hammerschmitt hob in einem lesenswerten Beitrag hervor, dass es beileibe nicht bloß diese groteske Form von Hilfsbereitschaft und auch nicht nur die Suche nach „rassischen“ Gemeinsamkeiten waren, die den tibetischen Buddhismus für die Nationalsozialisten so attraktiv machten. Sie interessierten sich zudem stark für dessen Karma-Lehre, nach der „das gegenwärtige Geschick eines Menschen unmittelbar mit dem Verhalten in einem früheren Leben zusammenhängt und seinerseits wiederum Art und Qualität noch folgender Wiedergeburten bestimmt“. Das bedeutet, „dass jeder Mensch für jede Art von Unglück aufgrund ‚böser’ Handlungen in einem früheren Leben selbst verantwortlich sei“. Die Konsequenz liegt auf der Hand: „Dehnt man diese Interpretation auf ganze Gruppen von Menschen aus, ist es nur noch ein kleiner Schritt dahin, die Diskriminierung und Unterdrückung dieser Gruppe als das Wirken karmischer Gesetze zu lesen: Sie hätten eben früher nicht so böse sein sollen.“

Folgerichtig erscheint die Vernichtung der Juden als Strafe für schlechte Taten in früheren Epochen – eine Ansicht, die Heinrich Himmler vertrat und später auch der in der Esoterikszene hoch gehandelte „Reinkarnationstherapeut“ Trutz Hardo (bürgerlich Tom Hockemeyer). Die Karma-Ideologie wird darüber hinaus „sehr gezielt als individuelle und soziale Zuchtrute“ eingesetzt, wie Hammerschmitt schrieb: „Mit surreal gesteigerten Bestrafungsfantasien werden die Gläubigen vor dem Abweichen vom Pfad der Tugend gewarnt. In diesen Bestrafungsfantasien wimmelt es nur so von Teufeln, Dämonen und Höllen. Die genau ausgemalten Qualen, denen der karmisch unzuverlässige Buddhist in einer künftigen Wiedergeburt, oder in der Phase zwischen den verschiedenen Inkarnationen […] ausgesetzt ist, wirken wie die Fieberfantasien von Sadisten.“

Was bleibt, sind die Klagen des Dalai Lama und seiner Anhängerschar über die chinesische Unterdrückung und ihre Folgen. Ungeachtet aller Berechtigung und Notwendigkeit einer deutlichen Kritik an der ausgesprochen repressiven Tibet-Politik Chinas sind auch in dieser Hinsicht Zweifel an der Darstellung des „Ozeans der Weisheit“, wie der Gottkönig von seinen Verehrern genannt wird, angebracht. Inwieweit etwa Tibet zwischen 1913 und 1951 – dem Jahr des Einmarschs der chinesischen Volksbefreiungsarmee – tatsächlich staatlich unabhängig war, ist umstritten und nach wie vor ungeklärt. Im Mai 1951 schlossen die Herrscher in Tibet nach aussichtslosen militärischen Kämpfen schließlich ein 17-Punkte-Abkommen mit China, in dem Tibets Zugehörigkeit zum chinesischen Staatsgebiet geregelt und ein Autonomiestatus vereinbart wurde, der die Funktionen und Machtbefugnisse der Lama-Dynastie unangetastet ließ. Heute werfen sich beide Seiten gegenseitig vor, diese Abmachung gebrochen zu haben.

Nicht zuverlässig belegbar sind darüber hinaus die von tibetischer Seite immer wieder kolportierten Opferzahlen. Als fragwürdig darf beispielsweise die Darstellung der Niederschlagung des antichinesischen Aufstands in Lhasa 1959 gelten: 87.000 Tote habe es damals gegeben, behauptet der Dalai Lama; „eine Differenzierung nach Kampfparteien unterlässt er wohlweislich, was die Suggestion nährt, es habe sich ausschließlich um tibetische Opfer gehandelt: Laut Report des US Joint Publications Research Service in Washington waren indes drei von vier der insgesamt 65.000 Toten Chinesen” (Goldner, S. 142 f.). Und last but not least ist auch die beständig wiederholte These eines „kulturellen Genozids“ durch „Sinisierung“ nicht haltbar, wie Goldner nachwies:

„Die Argumentation des Dalai Lama [bezieht sich] stets auf das ‚ethnografische’ Tibet, das heißt auf den gesamten großtibetischen Siedlungsraum. Er unterschlägt, dass das zwischen 1913 und 1951, dem Zeitraum tibetischer ‚de-facto-Unabhängigkeit’, von Lhasa kontrollierte ‚politische’ Tibet im wesentlichen der nur etwa halb so großen heutigen Autonomen Region Tibet entspricht. Die darüber hinaus reichenden östlichen Territorien (mithin Amdo und Kham) unterstehen bereits seit 1720 (!) mandschurischer (ab 1912 nationalchinesischer) Kontrolle, sie waren nicht Teil des ‚politischen’ Tibet, für das 1913 die ‚Unabhängigkeit’ erklärt wurde. […] Der han-chinesische Bevölkerungsanteil in der Autonomen Region Tibet [ART] liegt einschließlich militärischen Personals bei maximal 14 Prozent; rechnet man die rund 100.000 chinesischen Siedler allein, liegt er bei unter fünf Prozent. Seit Beginn der 1990er ist die zivile Migrationsbilanz (aller ethnischen Gruppen) in die ART sogar negativ. […] Die Behauptung der tibetischen Exilregierung, es habe sich seit Ende der 1980er ‚eine Million Chinesen, nicht einbezogen militärisches Personal’ in der ART ansässig gemacht, ‚davon einige hunderttausend Händler und Siedler allein in Lhasa’, ist barer Unsinn.“ (S. 196)

Das alles ficht die Tibet-Fans jedoch nicht an; sie feiern weiter ihren Guru und träumen von einem „wundersamen Shangrila über den Wolken, bewohnt von lauter lächelnden, friedfertigen Buddhisten“ (Marcus Hammerschmitt). Die Autorin Claudia Barth bemerkte zu den Gründen für diesen unerschütterlichen Romantizismus in ihrem Buch Esoterik und Leitkultur:** „Die Idee des alten Gottesstaates [ist] das faszinierende Moment für zahlreiche westliche Unterstützer. Sehnsüchte nach einem einigen, widerspruchsfreien Gemeinschaftsleben in vor-industrialisiertem Zustand kristallisieren sich im hierzulande herrschenden tibetischen Wunschbild. Die Sicherung des Friedens auf der Welt wird in der Rückkehr zur Religion, in der Ablehnung moderner Technik und Medizin, in der Unberührtheit der ‚ursprünglichen’ Kulturen von westlicher Zivilisation erblickt.“ (S. 144) Die Initiative Aktion 3. Welt Saar hieb in die gleiche Kerbe: „Der Dalai Lama bedient mit seinen mediengerecht inszenierten Botschaften von Frieden, Liebe und Toleranz eine verbreitete Zivilisationsmüdigkeit. Für viele seiner Zuhörer/innen verkörpert sein marketingmäßig aufgebautes Image die romantische Sehnsucht nach einem einfachen Leben, das von der Unbill der Moderne unberührt ist.“

Hinter der Botschaft des Dalai Lama verberge sich bei näherer Betrachtung „eine durch und durch unfriedliche und undemokratische Praxis“: „Einerseits ist das so genannte geistige und politische Oberhaupt der Tibeter nie demokratisch gewählt worden. Als kleiner Junge wurde er auf Grund eines okkultistischen Rituals zum Staatsoberhaupt erkoren. Zum anderen billigte der ‚gewaltfreie’ Dalai Lama den von 1958 bis 1973 gegen die Chinesen geführten bewaffneten tibetischen Untergrundkampf und begrüßte die indische Atombewaffnung.“ Weiterhin schlössen „die ‚sexualmagischen, spirituellen’ Praktiken des tibetischen Tantra die Vergewaltigung junger Frauen und sexuellen Kindesmissbrauch ein“, und die „freundschaftlichen Beziehungen der buddhistischen Herrscher Tibets zu den Nationalsozialisten“ fänden ihre Fortsetzung in den guten Beziehungen des Dalai Lama zu Vertretern rassistischer und antisemitischer Esoteriksekten: „So war Shoko Asahara, Gründer der japanischen AUM-Sekte und Hauptverantwortlicher für den tödlichen Giftgasanschlag auf die U-Bahn von Tokio im März 1995, ein Schützling des Dalai Lama.“

Möglicherweise wissen die Lama-Anhänger und Esoterik-Freaks davon nichts, möglicherweise billigen sie all dies aber auch oder nehmen es zumindest in Kauf. Das Ergebnis bleibt jedoch das gleiche; Claudia Barth brachte es auf den Punkt: „Der Tibet-Boom ist ein eindrucksvolles Beispiel, wozu die grundsätzliche Ablehnung der erkennenden Ratio, also der Wissenschaft, führen kann. Wer das wissenschaftliche, vernünftige Denken verwirft, wendet sich gegen die Grundwerte der Aufklärung und damit gegen die Grundidee der modernen bürgerlichen Gesellschaft. Die Anhängerschaft des Dalai Lama landet im Ergebnis ihrer linear-historischen Rückwärtsgewandtheit wieder in der vor-demokratischen Gedankenwelt des Feudalismus.“ (S. 149) Und in der haben durchaus auch Popstars ihren Platz.

* Colin Goldner: Dalai Lama. Fall eines Gottkönigs, Aschaffenburg (Alibri Verlag) 1999
** Claudia Barth: Über alles in der Welt – Esoterik und Leitkultur. Eine Einführung in die Kritik irrationaler Welterklärungen, Aschaffenburg (Alibri Verlag) 2003

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