Ein einziger Friedhof

An Zufall mag man da eher nicht glauben: Erst publizierte eine polnische Zeitung einen Beitrag, demzufolge israelische Jugendliche in Polen Hotelzimmer verwüsten, Fluggäste demütigen und die Einheimischen „traumatisieren“. Kurz darauf beschwerte sich die Leitung des Auschwitz-Museums bei der israelischen Botschaft in Polen: Israelis benutzten „selbst in den Gaskammern“ ihre Mobiltelefone und erhöhten durch das Aufstellen von Kerzen die Brandgefahr; darüber hinaus zögen sie „in israelische Fahnen“ gekleidet durch polnische Straßen. „Es ist schwer zu glauben, dass man sich hier nicht abgesprochen hat“, befand denn auch Noah Klieger in Yedioth Ahronoth, und er ergänzte: „Jetzt sind wir bei der Wurzel des Problems angelangt.“ Die sieht so aus:

„Nicht die Anrufe aus den Gaskammern, sollten diese wirklich stattgefunden haben (ich war über 100 Mal in Auschwitz und habe auch kein einziges solches Telefongespräch gesehen), auch nicht die Angst vor einem Feuer in einem der ‚Blocks’ (die Gefahr ist sehr gering, denn die Blocks sind hohe und breite Gebäude, und die Schüler stellen die kleinen Kerzen auf den Fußboden) veranlassten die Leiter des Museums dazu, sich zu beschweren. Was sie so richtig geärgert hat, war der Anblick hunderter junger Menschen, die, in israelische Fahnen gehüllt, stolz und aufrecht durch die Straßen ziehen. Das hat dem Museum und der Zeitung den Rest gegeben.“

Dass der unvermeidliche Moshe Zimmermann erklärte, die Israelis sähen „die Polen als zweitklassige Menschen an“ und behandelten sie „als potenzielle Feinde“, widerspricht dem gerade nicht. Vielmehr scheint es für nicht wenige Polen schlicht und ergreifend unerträglich – wo nicht gleich das besagte Trauma – zu sein, selbstbewusste Israelis gewärtigen zu müssen, zumal wenn letztere im Rahmen ihrer Reise den Eindruck gewinnen, „Polen sei nicht mehr als ‚ein einziger, großer Friedhof“. Dazu müsse, so Noah Klieger,

„zunächst einmal gesagt werden, dass diese Definition durchaus zutrifft. Für das jüdische Volk ist Polen ein einziger, großer Friedhof, wenn das auch nicht Polens Schuld ist. Es waren die Deutschen, die die Vernichtung der Juden Europas auf polnischem Boden geplant und umgesetzt haben. Die Deutschen suchten die Weiten dieses Landes aus, dem ersten, das sie im Krieg erobert haben, um dort ihr Vernichtungsnetz zu spannen.“

So schwer kann diese Erkenntnis eigentlich nicht sein. „In der Regel benehmen sich die über 30.000 Israelis, die Jahr für Jahr nach Polen fahren, völlig normal. Ausnahmefälle sind übrigens kein israelisches Monopol“, stellte Klieger so nüchtern wie zutreffend fest. Dass nun trotzdem so getan wird, als wären die Angehörigen des jüdischen Staates ein beispiellos übler Pöbel, der das Andenken der Ermordeten schändet, folgt zweifellos politischer Motivation. Manchmal ist Geschichtspolitik eine ziemlich durchsichtige Angelegenheit.

Hattip: AFA Kiel

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