Methadonticker

Live-Blogging ist eine prima Sache. Fast ist man geneigt, von einem Trend zu sprechen. Denn das Ganze gibt es nicht nur zu Sportereignissen, sondern auch im Rahmen altgedienter Samstagabendshows, bei Naturkatastrophen oder anlässlich der Lektüre von Bestsellern. Einem solchen Hype kann und will sich natürlich auch dieses Weblog auf Dauer nicht verschließen. Und deshalb gibt es heute Abend eine Direktübertragung des zweiten Semifinalspiels im Methadonpokal zwischen dem amtierenden Deutschen Meister VfB Stuttgart und seinem Nachfolger FC Bayern München. Anstoß im Stuttgarter Gottlieb-Daimler-Stadion ist um 20.30 Uhr; Lizas Welt geht bereits eine halbe Stunde vorher online. Man liest sich.

Live-Blog: VfB Stuttgart – FC Bayern München

[20.00] Live-Blogging kann zum Verlust des Presseausweises führen, wenn zwei Voraussetzungen erfüllt sind: 1. Man besitzt einen solchen Presseausweis. 2. Man bloggt während eines Baseballspiels im Stadion von Louisville. Ohne Ausweis und im eigenen Wohnzimmer dürfte die Gefahr ungleich geringer sein.

[20.02] Der VfB Stuttgart ist es selbst schuld, dass ihm die Bayern am Ende der kommenden Saison die Meisterschale wieder abnehmen werden: Ohne sein 2:0 Ende April hätten sich die Münchner nämlich nachweislich nicht in solche Unkosten gestürzt. Aber VfB-Trainer Armin Veh betreibt Understatement: „Einen Franck Ribéry sehe ich sehr gerne spielen, auch wenn ich ihn natürlich lieber hier hätte.“ Hat er jetzt ja. Nur nicht im eigenen Team.

[20.07] Aus der Abteilung „Statistiken, die niemand braucht“: „Nur der FC Bayern wurde als Ligapokal-Sieger auch Meister“, schrieb der kicker vergangene Woche. Fünfmal haben die Bayern diesen Wettbewerb gewonnen, nur einmal (nämlich 1997) reichte es anschließend nicht für die Meisterschaft. Dafür wurden sie zweimal Erster, ohne vorher den Ligapokal geholt zu haben.

[20.09] Den VfB haben die Bayern bei ihrer Einkaufstour in Ruhe gelassen. Gomez ist immer noch da. Deshalb ist eine Pausenunterhaltung wie beim Viertelfinalspiel der Münchner gegen Bremen wohl nicht zu erwarten. Es sei denn, Meira tritt Ribéry so aus dem Spiel, wie er das im DFB-Pokalendspiel mit Mintal gemacht hat.

[20.15] „Kahn zieht Training vor“, begründet der kicker das heutige Fehlen des Bayern-Torwarts. So weit ist es schon, dass Sepp Maier und Walter Junghans bessere Sparringspartner sind als der Deutsche Meister. Dafür steht Michael Rensing im Kasten. Er soll „Spielpraxis sammeln“. Statt Briefmarken, vermutlich.

[20.19] Hitzfeld im Interview bei SAT.1. Keiner sagt so schön „Läwwerkusen“ und „Fitzemeister“. Schade, dass er dazu gerade keine Gelegenheit hat.

[20.28] „Wie man sich gerne erinnert, wurden die Bayern hier noch vor geringer Zeit geradezu gedemütigt“, holpert es aus dem Liveticker des VfB Stuttgart. Immerhin: Eine schöne Alliteration.

[20.30] Bayern nun doch ohne Klose, dafür mit Amateur Sandro Wagner (19). So schnell gehen einem die Stürmer aus.

[20.32] Anpfiff. Schiri ist Babak Rafati aus Hannover.

[20.38] Marcel Reif kommentiert bei SAT.1. Das verspricht zumindest keine größeren Nervereien.

[20.40] Tor für den FC Bayern. 0:1 durch Ribéry (8. Minute).

[20.42] Und so fiel der Führungstreffer für die Gäste: Absatzkick von Wagner (wer sagt’s denn?), trockener Linksschuss von Ribéry. „Der hat Spaß am Fußball“, meint Marcel Reif. Kann man wohl sagen.

[20.52] Die Nerven von Raphael Schäfer im VfB-Tor flattern ungefähr so heftig wie der Ball. Bei Ribérys Tor sah er dumm aus, bei Altintops 30-Meter-Schuss ebenfalls, und soeben hätte fast Sandro Wagner treffen dürfen. Bayern deutlich überlegen.

[20.58] Altintop an den Pfosten. Das kann nicht der sein, der letzte Saison noch bei Schalke gespielt hat. Wahrscheinlich ist es ein Klon oder ein Drillingsbruder.

[21.02] Wagner macht sich im Bayern-Angriff gar nicht mal übel. Ist zwar ein bisschen hektisch vor der Kiste und guckt immer ganz traurig, aber das treibt ihm Hermann Gerland auch noch aus.

[21.11] Stuttgart erstarrt förmlich in Ehrfurcht und lässt die Bayern spielen. Hitzfeld schaut trotzdem aus der Wäsche, als hätte er Sodbrennen.

[21.16] Beim VfB spielt Peer Augustinski mit. Oder sein Sohn. Jedenfalls trägt er die Nummer 2 und heißt angeblich Andreas Beck.

[21.17] Pause.

[21.25] Die ganz große Nummer ist es (noch) nicht. Die Stuttgarter konzentrieren sich vor allem auf Schadensbegrenzung, während die Bayern das Bällchen vor allem im Mittelfeld munter laufen lassen, ohne sich zu verausgaben. „Des is a Wahnsinn“, kommentiert Bayern-Präsident Franz Beckenbauer. Allerdings nicht das Spiel, sondern den Hauptsponsor des VfB, EnBW. Halbzeitwerbung eben.

[21.33] Nach gefühlten 50 Werbespots geht es weiter. Keine Auswechslungen. Die Statistik notiert 8:2 Torschüsse für die Bayern und 60 Prozent Ballbesitz. Kommt hin.

[21.38] Der VfB ist jetzt mutiger. Rensing darf gegen Cacau zeigen, dass er ein würdiger Nachfolger von Oliver Kahn ist, wenn der in sechs bis acht Jahren aufhört.

[21.42] Gelbe Karte für van Bommel und Meira, die sich herzlich beharken. Irgendwie logisch, dass es gerade diese beiden trifft. Mal sehen, ob van Bommel es in der kommenden Saison schafft, den Rekord an Verwarnungen zu brechen. Der steht bei 16, aufgestellt von Tomasz Hajto. Müsste zu schaffen sein.

[21.52] Van Bommel steht kurz vor dem Platzverweis und wird nun in „Schutzhaft“ genommen, wie Marcel Reif es ausdrücken zu müssen meint. Für ihn spielt jetzt Ottl. Der VfB hat Peer Augustinski ausgewechselt; statt seiner darf Ewerthon ran, dem das weiße Trikot fast genauso gut steht wie früher das schwarz-gelbe. Ist aber noch etwas ungewohnt.

[21.54] Tor für den FC Bayern. 0:2 durch Wagner (66. Minute).

[21.57] Genialer Pass von Ribéry und anschließend von Jansen; Wagner vergisst diesmal, dass er eigentlich hypernervös ist, und zimmert den Ball humorlos an Schäfer vorbei ins Tor. Fünf Euro ins Phrasenschwein, aber das ist es wert: Spaßfußball.

[22.01] „Da hat die 7 wirklich einen großartigen Nachfolger bekommen“, schreibt Waldorf soeben per E-Mail. In der Tat: Die Rückennummer, die der unvergleichliche Mehmet Scholl jahrelang trug, hätte nicht besser angelegt werden können als bei Franck Ribéry. Was für ein grandioser, begnadeter Fußballer.

[22.07] Ebenfalls herausragend bei den Bayern: Zé Roberto. Nichts sagt mehr über Felix Magath aus, als dass dieser Spieler unter ihm keine Lust mehr auf Fußball hatte.

[22.11] Wagner an die Latte. Wer war nochmal Roque Santa Cruz?

[22.16] Der Stuttgarter Arthur Boka sieht ein bisschen aus wie Didier Drogba. Aber das war’s auch schon an Gemeinsamkeiten. Vor ein paar Minuten hätte er flanken können, entschied sich dann aber für einen Diver kurz vor der Außenlinie. Vielleicht war das aber auch eine Verneigung.

[22.18] Feierabend.

[22.21] Im Daimler-Stadion spielen sie den Stern des Südens, die Bayern-Hymne, sehr zum Missvergnügen des Stuttgarter Publikums. Als Pfiffe einsetzen, bricht der DJ ab und legt den Karnevalsschlager Und dann die Hände zum Himmel auf. Strafe muss sein.

[22.29] Ottmar Hitzfeld spricht von „Sommerfußball“ seiner Bayern. Was für eine Demütigung für den Gegner.

[22.35] Im Finale des Methadonpokals trifft Bayern nun auf Schalke. Die Ersatzdroge ist doch gar nicht so schlecht wie gedacht. Stuttgarts Liveticker hingegen steht noch sichtlich unter Schock: „Der VfB ist mit schlechten Vorzeichen in diese Begegnung geangen, die bewiesen hat, dass in den zwei Wochen bis zum Bundesligastart der ein oder andere zurückkommen.“ So ungefähr.

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