Und täglich grüßt das Murmeltier

Beim Blick auf die Geschehnisse in den palästinensischen Gebieten und die deutsche Berichterstattung dazu fühlt man sich immer ein bisschen wie Bill Murray alias Phil Connors am Groundhog Day in Punxsutawney: Jeden Tag der gleiche Albtraum. Erneut liefern sich Hamas und Fatah tödliche Schießereien, und erneut warten die Medien hierzulande mit weitgehend kenntnisfreien Einschätzungen auf.

Wolfgang Günter Lerch beispielsweise konstatiert in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die „sozialen und menschlichen Bedingungen im Westjordanland und im Gazastreifen“ seien „immer mehr zerrüttet“ worden, was allemal „zum Ausbruch der jüngsten blutigen Kämpfe beigetragen haben dürfte“. Denn die „Strukturen in diesem heterogenen, geografisch getrennten und räumlich zersplitterten Kryptostaat sind noch weitgehend zerstört“ – und zwar, na klar, „nicht zuletzt auch durch Israels frühere Vergeltungsschläge“. Das habe sogar Folgen über den Gazastreifen und die Westbank hinaus: „Radikalisiert haben sich jetzt auch die Palästinenser in den libanesischen Flüchtlingslagern, wo sogar Al Qaida mitmischen soll.“ Solche abstrusen Deutungsmuster, die noch die übelsten Bürgerkriegsverbrechen und Terrorattacken allen Ernstes zur Spätfolge israelischen Handelns erklären, verlacht in Deutschland kaum jemand, und es ruft auch keiner „Rassismus!“, wenn die Palästinenser in einer als seriös geltenden deutschen Tageszeitung als Subjekte dargestellt werden, die scheinbar per se nicht über genügend Hirnwindungen verfügen, um für ihr Tun auch verantwortlich zu sein.

In der Süddeutschen Zeitung wiederum darf sich einmal mehr Thorsten Schmitz an einer Beurteilung der Lage versuchen. Und auch der drischt gleich zu Beginn erst einmal ein paar Phrasen aus dem unerschöpflichen Repertoire des Antiimperialismus: „Der Gazastreifen ist ein Gefängnis mit Meerblick. Alle drei Ausgänge werden von Israel kontrolliert, jener im Süden zusätzlich von EU-Beamten und ägyptischen Polizisten. Die 1,5 Millionen Einwohner des Gazastreifens haben weder Arbeit noch genug zu essen. Sie leben auf dem dichtestbesiedelten Gebiet der Welt, der Ausbruch der jüngsten Gewalt ist also auch ein Ausdruck der Hoffnungslosigkeit.“ Man kennt dieses Argumentationsmuster bereits von den Selbstmordattentaten, die, zu Verzweiflungstaten verniedlicht, ein irgendwo doch verständlicher Reflex auf erlittenes Unrecht sein sollen. So ist es auch diesmal im „Gefängnis mit Meerblick“, dessen Insassen offenbar völlig ohne Grund an ihrer Bewegungsfreiheit gehindert werden.

Doch der SZ-Korrespondent geht anschließend auch mit der Hamas ins Gericht, die sich „dem Projekt Wiederbewaffnung“ gewidmet habe, statt „in Schulen und Universitäten zu investieren, in Kanalisation, Krankenhäuser und Müllverbrennung“ – als ob das für die Gotteskriegertruppe gleichberechtigte Alternativen wären. Schmitz aber bleibt unbeirrt und befindet gar maßlos enttäuscht: „Der Bruderkrieg löst Zweifel aus, ob die Palästinenser überhaupt zu einem eigenen Staat fähig sind, wenn sie sich noch nicht einmal untereinander auf einen Modus Vivendi einigen können.“ Ja, mehr noch: „Seit vier Jahrzehnten fordern die Palästinenser einen eigenen Staat. In den vergangenen zwei Jahren hatten sie im Gazastreifen die Gelegenheit, dies in Umrissen zu schaffen und ihren Alltag danach auszurichten. Stattdessen wählten sie die Hamas an die Regierung, jene Organisation also, die Israel zerstören will und die Menschen im Gazastreifen mit Waffen versorgt statt mit Büchern und Brot.“ Hätte er nicht „stattdessen“, sondern „deshalb“ geschrieben, man hätte glatt von einer Erkenntnis sprechen können.

Eine andere Idee, woher die neuerliche mörderische Eskalation kommen könnte, hat Yassin Musharbash auf Spiegel Online. Es sei „Augenwischerei zu ignorieren, dass der Ausbruch der Gewalt mit dem Boykott der Hamas-geführten Regierung durch die internationale Gemeinschaft und Israel zusammenhängt“, schreibt er. Schließlich gelte: „Frustration, seit Monaten ausstehende Gehälter und eine schwere ökonomische Krise haben die Situation angeheizt. Das Nahostquartett und Israel hatten gehofft, die Hamas zu zermürben – das hat nicht funktioniert. Im Gegenteil: Die Hamas hat nach wie vor eine Mehrheit, und die Nicht-Hamas-Anhänger wurden durch den Boykott ebenso hart getroffen wie alle anderen. Das hat die Glaubwürdigkeit des Nahostquartetts leiden lassen. Und die verarmten Millionen von Gaza haben längst nichts mehr zu verlieren.“ Eine nachgerade bestechende Logik, die nur ein kleines Häkchen hat, wie die Welt – die damit eine der raren Ausnahmen darstellt – deutlich macht: „Von einem Boykott kann keine Rede sein: Denn die internationalen Zuwendungen haben sich laut UN im vergangenen Jahr von 349 Millionen Dollar auf 900 Millionen fast verdreifacht. Allerdings erreichen sie, vorbei an den militanten Islamisten der Hamas, nur einen Teil der Bevölkerung. Gleichzeitig rüsten Hamas wie Fatah ihre bewaffneten Kräfte auf, und die Straßenkämpfe nehmen immer gewaltsamere Formen an.“ Sich vorzustellen, was geschähe, würden sämtliche zurückgehaltenen Mittel freigegeben, bedarf daher keiner allzu großen Fantasie.

Im Epizentrum dieses Konflikts, wie auch der anderen in der Region, „steht der eigentliche Unruhestifter: Iran“, schrieb Yaacov Katz in der Jerusalem Post. „Die Hamas, der Islamische Djihad, die Hizbollah und Syrien werden alle von Teheran finanziert, das internationalen Druck weiterhin ignoriert, während es sein Atomprogramm vorantreibt.“ Eigentlich keine so fern liegende Einsicht, aber für deutsche Medienschaffende ganz offensichtlich von einem anderen Planeten. Und so fühlt man sich auch in Bezug auf das Mullah-Regime wie Punxsutawney Phil: Und täglich grüßt das Murmeltier.

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