Seltene Selbstverständlichkeiten

Wenn man die Resonanz auf die Stellungnahmen des Publizisten und Schriftstellers Ralph Giordano zur geplanten Großmoschee im Kölner Westen noch einmal Revue passieren lässt, ergibt sich ein geradezu groteskes Bild. „Dass ausgerechnet er, der als Jugendlicher in den Kellern der Gestapo gefoltert wurde, nun das Geschäft der Ultranationalisten betreibt, ist eine ausgesprochen bizarre Wendung im Islam-Diskurs“, hielt beispielsweise Sonja Zekri in der Süddeutschen Zeitung den Nationalsozialismus offenbar für das Programm einer überdimensionalen Besserungsanstalt und Giordano für einen besonders ungelehrigen Insassen. In der taz wiederum kofferte Eberhard Seidel: „Ralph Giordano […] vertritt heute ein undifferenziertes Freund-Feind-Denken, und seine Auslassungen sind gefährliche Brandreden, die in der Tradition des Anti-Asyl-Diskurses zu Beginn der neunziger Jahre stehen. Eine wichtige moralische Instanz demontiert sich selbst.“ Giordano (Foto) fordere ein „Zweiklassenrecht“ und wolle „verbriefte Grundrechte der muslimischen Minderheit von der Gnade der (christlichen) Mehrheitsgesellschaft abhängig machen“. Das sei „ein Aufruf zum Rechtsbruch und zur Diskriminierung einer religiösen Minderheit“.

Solche Auslassungen sind typisch für den verbreiteten Unwillen und die Unfähigkeit, zwischen einer politischen Kritik des Islam und ordinärem Rassismus zu unterscheiden. Dass Ralph Giordano die Zustimmung von Pro Köln erhielt – einer kleinen ultrarechten Gruppierung, die im Rat der Domstadt vertreten ist –, widerspricht dem nicht. Wie bei solchen Vereinigungen üblich, gibt sich auch Pro Köln lammfromm und „bürgernah“, doch spätestens beim Blick auf ihr Parteiprogramm wird deutlich, was der Sinn dieser Übung ist: Man fürchte, der „rheinische Charakter unserer Stadt“ gehe „durch ungebremste Masseneinwanderung verloren“, heimattümelt es da; es wird gegen den „hohen Ausländeranteil in vielen Veedeln [Vierteln] und Schulen“ zu Felde gezogen und schließlich unverblümt gefordert: „Kriminelle Ausländer missbrauchen unser Gastrecht und gehören unverzüglich ausgewiesen. Aufenthaltsbeendende Maßnahmen sind konsequent durchzusetzen. Es darf keine nachträgliche Legalisierung des Aufenthalts Illegaler geben. Erkannte Schein-Asylanten gehören umgehend abgeschoben.“ Giordano wehrte sich denn auch gegen die durchsichtigen Umarmungsversuche: „Wenn die zeitgenössische lokale Variante des Nationalsozialismus könnte, wie sie wollte, würde sie mich in eine Gaskammer stecken“.

Bei den Rechtsradikalen ist der Umgang mit den Islamisten umstritten; die einen sehen sie als antijüdische Bündnispartner, die anderen schlicht als „Ausländer“, die in Deutschland nichts zu suchen hätten. Ralph Giordano auch nur in die Nähe von Neonazis zu rücken, ist absurd. Er hat ein Plädoyer gegen die antiwestliche Indoktrination des Islam, gegen den „skandalösen Anachronismus“ namens Sharia und für eine säkulare Gesellschaft gehalten, in der „Koedukation, Sexualunterricht, gemischter Sport, Klassenfahrten und Geschlechtergleichheit“ Standard sind. Er hat sich gegen Zumutungen verwahrt, „die jede Kritik in Beleidigungen umfälschen, selbst aber höchst verschwenderisch mit Verbalinjurien gegen Andersgläubige zur Hand sind“. Und er hat das selbstverständliche Recht eingefordert, den Koran und die Biografie Mohammeds genauso einer kritischen Betrachtung zu unterziehen wie das Alte und das Neue Testament. Auch sein deutliches Urteil zur Integrationspolitik und zum Multikulturalismus hat mit einer „Ausländer raus“-Politik nichts gemein: Es zielt vielmehr gegen eine Verständnisinnigkeit, die noch die übelsten Verbrechen als kulturelle Eigenheiten durchgehen lässt und deshalb mit einem aufgeklärten Universalismus nicht viel am Hut hat, umso mehr dafür jedoch mit der nicht bloß heimlichen Bewunderung der edlen Wilden, als die man sich nicht zuletzt die Muslime vorzugsweise zurechtlegt.

Für seine Interventionen erhielt Giordano wie zum Beweis ihrer Richtigkeit Morddrohungen. So war es vor ihm in Deutschland auch schon Hans-Peter Raddatz, Seyran Ates, Ekin Deligöz und anderen ergangen, die es gewagt hatten, das Kind beim Namen zu nennen. Necla Kelek machte in der FAZ deshalb noch einmal deutlich, warum Giordano Recht hat: „Moscheen sind selbst nach muslimischer Lesart keine Sakralbauten wie Kirchen oder Synagogen, sondern ‚Multifunktionshäuser’“, schrieb sie. „Der Islam begreift sich nicht nur als spirituelle Weltsicht, sondern als Weltanschauung, die das alltägliche Leben, die Politik und den Glauben als eine untrennbare Einheit sieht.“ Deshalb sei „die Frage des Moscheebaus auch keine Frage der Glaubensfreiheit, sondern eine politische Frage“. Auch der Zentralrat der Ex-Muslime (ZdE) wandte sich „gegen den expansiven Bau von Großmoscheen in Deutschland, weil diese nicht einfach nur Gotteshäuser“ seien, sondern „symbolträchtige Zeichen einer gezielten Islamisierungsstrategie“, „Orte politisch-weltanschaulicher Indoktrination und zum Teil auch antiwestlicher Konspiration“ sowie „Stätten einer rigiden Geschlechtertrennung“.

Doch solche Stellungnahmen waren und sind eher selten. Nicht zuletzt deshalb sind nun 21 Erstunterzeichner – darunter die Juristin Seyran Ates, der Orientalist Hans-Peter Raddatz und die stellvertretende ZdE-Vorsitzende Arzu Toker – mit einem Aufruf an die Öffentlichkeit getreten und haben sich mit Ralph Giordano solidarisiert. „Auch wir sagen: ‚Nein und dreimal nein!’“, heißt es in dem Appell, dessen Initiatoren betonen: „Wir werden das Recht auf freie Meinungsäußerung nicht der Sharia unterwerfen! Für Morddrohungen, Antisemitismus und die Leugnung des Holocaust darf es nirgendwo einen Platz geben!“ Der Aufruf – der auch ins Englische und Französische übersetzt wurde – richtet sich an Politik und Medien und kann online unterzeichnet werden.

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