Unheilbare Mediziner

Eine Gruppe von 130 britischen Ärzten rief kürzlich in einem Brief an die britische Tageszeitung The Guardian dazu auf, die Israel Medical Association (IMA) zu boykottieren und sie aus der Dachorganisation World Medical Association (WMA) auszuschließen. Zur Begründung hieß es unter anderem, die israelische Armee setze sich „systematisch über die Vierte Genfer Konvention hinweg, die der Zivilbevölkerung ungehinderten Zugang zu medizinischer Versorgung und dem medizinischen Personal Immunität garantiert“, und sei damit zu behandeln wie weiland der Apartheidstaat Südafrika. Man sei sich daher mit „achtzehn führenden palästinensischen Gesundheitsorganisationen“ einig, die die Ansicht verträten, Israel habe „sein Recht auf Mitgliedschaft in der internationalen medizinischen Gemeinschaft verwirkt“. Der IMA-Vorsitzende Yoram Blachar wies die Vorwürfe entschieden zurück: Mehrere Dutzend palästinensische Krankenwagen hätten Sprengstoff nach Israel transportiert, und nur wenige seien dabei gestoppt worden. Das mache strengere Kontrollen erforderlich. Auch der American Jewish Congress (AJC) protestierte nun: Die WMA solle den Boykottaufruf unmissverständlich zurückweisen.

Die Doktoren um den notorisch antiisraelischen Derek Summerfield, Dozent am Londoner Institut für Psychiatrie, hatten schweres Geschütz aufgefahren: „In mehreren hundert Fällen wurde auf Krankenwagen geschossen und deren Besatzung getötet. Unheilbar Kranke und Säuglinge starben an den Checkpoints, weil Soldaten den Weg zum Krankenhaus versperrten. Die öffentliche Infrastruktur, inklusive Wasser und elektrischer Versorgung, wird willkürlich bombardiert und der Transport lebenswichtiger Medikamente blockiert. In der Westbank hat die Apartheidmauer das Gesundheitssystem zerstört. UN-Berichterstatter beschreiben die Situation in Gaza als humanitäre Katastrophe; 25 Prozent der Kinder sind unterernährt.“ Yoram Blachar mochte diese Ausführungen nicht näher kommentieren: „Das ist ein weiterer Ausschnitt aus der Fantasiewelt, in der Herr Summerfield lebt.“ Die IMA habe die medizinische Versorgung für Zivilisten in den Autonomiegebieten stets sichergestellt und von der WMA unterstützte Richtlinien formuliert; die Palestinian Medical Association sei jedoch zu einer darauf basierenden Zusammenarbeit nicht bereit gewesen und habe darüber hinaus die Annahme von Medikamenten und Dialyselösungen aus Israel verweigert.

Der Präsident des American Jewish Congress, Richard Gordon, forderte die WMA daher in einem Brief an ihren Präsidenten Nachiappan Arumugam auf, den Boykottantrag abzuweisen, da er „auf sachlichen und juristischen Verzerrungen“ basiere. Es bestehe eine Vereinbarung zwischen dem Internationalen Komitee des Roten Kreuzes (ICRC), dem israelischen Roten Schild Davids (MDA) und der Palästinensischen Rotkreuzgesellschaft (PRCS), die Krankenwagen an den Checkpoints ungehindert passieren zu lassen, sofern eingetragene Fahrer die Fahrzeuge steuern. Der Boykottaufruf unterschlage zudem, warum PRCS-Ambulanzen an israelischen Grenzsperren kontrolliert würden: Es gebe einen fortgesetzten Missbrauch der Krankenwagen durch palästinensische Terroristen. Das bestätigte auch Christoph Harnisch, der Verantwortliche des ICRC für den Nahen Osten. Nach der Genfer Konvention verlieren medizinische Einheiten ihren geschützten Status bei solchen Verstößen. Richard Gordon befand daher: „Israel hat weder eine rechtliche noch eine moralische Verpflichtung, einen solchen Missbrauch humanitärer Gesetze zu tolerieren, vor allem, wenn dieser Missbrauch die Bevölkerung einem erhöhten Risiko aussetzt.“

Und genau das war in der Vergangenheit häufiger so. Am bekanntesten ist dabei wahrscheinlich der Fall der 28-jährigen Wafa Idris aus Ramallah (im Foto rechts, mit ihrer Mutter), die als erste Selbstmordattentäterin in die Geschichte einging. Idris war Sanitäterin beim palästinensischen Roten Kreuz und schaffte es gemeinsam mit dem Fahrer und einem weiteren Begleiter der Hilfsorganisation, am 27. Januar 2002 den Sprengstoff für einen Mordanschlag im Rettungswagen durch den Checkpoint Kalaniya nördlich von Jerusalem zu schleusen. In der Hauptstadt jagte sie sich schließlich in die Luft, tötete dabei einen 81-jährigen Mann und verletzte einhundert Menschen. Doch sie war bei weitem nicht die einzige, die die medizinische Infrastruktur auf diese Weise nutzte. Nach den ersten mörderischen Zweckentfremdungen verstärkte Israel die Kontrollen der Rotkreuzfahrzeuge. Dass es dabei zu Härten für die Palästinenser kam und kommt, stellt Richard Gordon nicht in Frage. „Aber diese Maßnahmen wären weitgehend unnötig, wenn keine von der Hamas ermutigten Palästinenser, die nicht einmal vor dem Missbrauch medizinischer Einrichtungen zurückschrecken, an Terrorangriffen auf Israelis beteiligt wären“, sagte er. „Indem sie diese Sicherheitsbestimmungen ihres Kontextes entkleiden, zeigen die Befürworter des Boykotts ihr wahres Gesicht und demonstrieren die Haltlosigkeit ihrer Forderungen.“

Martin Sugarman, der Verantwortliche einer Partnerschaft zwischen dem Londoner Homerton Hospital und dem Rambam Hospital im israelischen Haifa, fasste die Situation prägnant zusammen: „Wenn sich die Selbstmordattentäter aus Gaza und der Westbank nicht als Schwangere oder Kranke verkleidet und auf diese Weise versucht hätten, in israelische Krankenhäuser zu gelangen, um diese in die Luft zu sprengen, und wenn palästinensische Krankenwagen nicht Terroristen und Waffen transportiert hätten, dann gäbe es vielleicht nicht die Notwendigkeit eines Sicherheitszauns und von Checkpoints, sondern freien Zugang zu medizinischer Versorgung für friedliche Bürger“, sagte er. Und stellte klar: „Trotzdem werden palästinensische Zivilisten mit schweren Krankheiten in israelischen Krankenhäusern weiterhin versorgt.“

Bei den Boykotteuren wird er damit jedoch taube Ohren predigen. Denn die dürften unbelehrbar sein, wie zuvor schon die organisierten britischen Akademiker und Journalisten. Oder die Ärzte ohne Grenzen.

Übersetzungen: Lizas WeltHattip: barbarashm

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