Skandalnormalität

Es ist schon bezeichnend, dass man über einen letztlich handfesten diplomatischen Skandal hierzulande so gut wie nichts erfährt: Israel feiert den Yom Yerushalaim (Jerusalem Day) und lädt dazu die Botschafter aus aller Herren Länder ein – doch es hagelt Absagen, nicht zuletzt von der Europäischen Union und den USA. Denn diese internationale Gemeinschaft erkennt Jerusalem nicht als Hauptstadt des jüdischen Staates an; der Status der Stadt sei strittig und müsse Gegenstand von Verhandlungen mit den Palästinensern sein, wird zur Begründung geraunt. Nicht wenige israelische Politiker reagieren sehr deutlich: Wer Jerusalem nicht als israelische Kapitale akzeptiere, erkenne Israel in seiner Gesamtheit nicht an. Dazu zählen praktisch alle; kein einziges Land hat mehr seine diplomatische Vertretung in der Stadt, die 1967 im Sechstagekrieg wiedervereinigt wurde.

Dieser Skandal war im Grunde aber nie einer, denn er stellt die Normalität dar, die selten als Skandal sui generis begriffen wird. Manche finden sich deshalb einfach mit ihr ab: „Überraschend an dem diplomatischen ‚Boykott’ der Knesset-Zeremonie [der Hauptfeierlichkeit im Rahmen des Jerusalem Day] zum 40. Jahrestag der Wiedervereinigung Jerusalems ist, dass jeder davon überrascht war“, kommentierte Anshel Pfeffer in der Jerusalem Post. Und er ergänzte: „Man kann es Heuchelei, Zynismus oder sogar Antisemitismus nennen, doch Israel hat nicht die diplomatische Schlagkraft, um wenigstens seine Alliierten zur Legitimation der umstrittenen Hauptstadt zu zwingen.“ Die Absagen seien also zu erwarten gewesen, deshalb möge man nicht so ein Theater um sie machen, sondern der schmerzhaften Tatsache ins Auge sehen, dass man in Israel nun mal in einem Paralleluniversum lebe. Er verstehe nicht, weshalb man so auf die internationale Anerkennung von etwas warte, bei dem man seit jeher auf sich allein gestellt war, schrieb Pfeffer. Das Demografieproblem sei zudem nicht so gravierend wie vielfach behauptet, und abgesehen davon stellten die palästinensischen Bewohner Jerusalems nicht gerade eine Hamas-Hochburg dar.

Am Jerusalem Day, der in kurzem Abstand auf den Yom Ha’atzma’ut folgt und nach dem jüdischen Kalender jährlich am 28. Iyar ansteht, wird in Israel die Wiederherstellung jüdischer Souveränität durch Fallschirmjäger in der Altstadt Jerusalems gefeiert. Das Land hatte 1948 den Unabhängigkeitskrieg gegen die arabischen Staaten gewonnen, die es gleich wieder auslöschen wollten; Jerusalem jedoch – das unter internationale Verwaltung gestellt werden sollte – wurde geteilt: Seine westlichen Stadtteile gingen an Israel; Jordanien hatte den Ostteil der Stadt besetzt, die dort lebende jüdische Bevölkerung vertrieben und das jüdische Viertel in der Altstadt zerstört. Der Zugang zur Klagemauer war Juden nicht mehr möglich. Dieser Zustand fand nach dem Sechstagekrieg sein Ende; gleichwohl akzeptiert Israel bis heute die Kontrolle der Muslime über den Tempelberg.

Dennoch ruft es allenthalben nach einer erneuten Teilung der Stadt, und so verweigerten sich auch die EU und die USA der Einladung zum Feiertag. Die USA gaben dabei keine Begründung; ihr Botschafter und dessen Sekretär waren nicht zu erreichen. Von Seiten der EU – die qua Ratspräsidentschaft durch den deutschen Botschafter in Israel, Harald Kindermann, vertreten wird – hieß es, die Entscheidung, nicht am Jerusalem Day teilzunehmen, sei „nicht nur unsere Position, sondern die weiter Teile der internationalen Gemeinschaft, und sie liegt auf einer Linie mit unserer Position im palästinensisch-israelischen Konflikt“. Das war ganz gewiss nicht gelogen, sondern eine kaum verklausulierte Offenherzigkeit. Entsprechend fielen die Reaktionen aus: „Israel ist das einzige Land der Welt, das es anderen Ländern erlaubt, seine Hauptstadt zu boykottieren und ihre Botschaften nicht in der Stadt anzusiedeln“, sagte beispielsweise der Jerusalemer Bürgermeister Uri Lupolianski.

Noch deutlicher wurde Yoel Hasson von der Regierungspartei Kadima, der dem deutschen Botschafter die Hauptverantwortung zuwies und dessen Absage als „Schande“ qualifizierte. Wenn der Diplomat nicht die Hauptstadt der jüdischen Nation würdigen könne, möge er nach Berlin zurückkehren, ergänzte Hasson. Das konnte Anshel Pfeffer gar nicht verstehen: „Ihre Repräsentanten zum Jahrestag in die Knesset einzuladen, brachte Israels wenige Freunde unnötig in Schwierigkeiten, ganz zu schweigen von dem Pathos, mit dem Deutschlands historische Schuld benutzt wurde, um die Rolle zu kritisieren, die der derzeitige Präsident der EU bei der Koordinierung der Positionen der EU-Botschafter spielt.“ Das war, um es vorsichtig zu formulieren, ziemlich entgegenkommend formuliert. Denn selbst wenn man den Status quo nüchtern als Realität begreift, die nun mal von weiten Teilen der Welt rundum bestritten wird, heißt das längst noch nicht, dass es nicht kritikabel wäre, wenn sich vermeintliche Freunde als veritable Knallchargen erweisen.

Daher war es auch richtig von Premierminister Ehud Olmert, im Sinne der Siebenundsechziger deutlich zu machen: „Wir werden diese Stadt immer unter unserer Souveränität behalten, vollständig und vereint und von der ganzen Welt akzeptiert. Das ist unser Ziel.“ Es ist wohl eher eine Utopie, aber keine, die nicht genannt zu werden verdiente. Denn ihre Preisgabe würde – zumal angesichts des 40. Jahrestages des Sieges im Sechstagekrieg – ein Zugeständnis bedeuten, das fatale Konsequenzen haben könnte.

Fotos & Übersetzungen: Lizas Welt – Hattips: Simone & Rowlf_the_Dog. Exklusive Bilder vom Jerusalem Day gibt es bei Spirit of Entebbe.

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