Keine Schale für Schalke?

Eines kann man den Bayernfans in der Regel eigentlich nicht nachsagen: dass sie missgünstig wären. Sie sind es ja gewohnt, dass ihr Lieblingsklub zumindest die nationalen Titel in schöner Regelmäßigkeit abräumt. Und wenn dann alle Jubeljahre doch mal eine Saison so richtig misslingt und man anschließend nicht Real Madrid, sondern Amica Wronki oder die Hearts of Midlothian in der Allianz-Arena zu Gast hat, merken die Anhänger des Fußball-Rekordmeisters in erster Linie, was ihnen fehlt. Dies umso mehr, wenn sie sehen müssen, wer da an ihrem Verein vorbeigerauscht ist und die Schale entwendet hat. Aber Neid ist dabei nicht ihr bestimmendes Gefühl, sondern eher so etwas wie ein gewisser Zorn. Und der ist beizeiten kein schlechter Antrieb.

Der Anbieter Arena, der die Bundesligaspiele live überträgt, hat gestern beschlossen, die Partie des FC Bayern bei Energie Cottbus nicht in der Konferenz zu zeigen. Die nachvollziehbare Begründung: Es gehe um nichts mehr. Das ist so ziemlich das Schlimmste, was dem Klub widerfahren kann: sportliche Bedeutungslosigkeit, und äußere sie sich nur in solchen Momentaufnahmen. Diesen Zustand zu beenden, sind das Präsidium, der Manager und der Trainer nun angetreten; das Vorhaben gestaltet sich jedoch zäh, nicht zuletzt deshalb, weil die Bayern in der nächsten Saison nur im Uefa-Pokal spielen werden – das ist nicht gerade das Pfund, mit dem man wuchert. Die ersten Prominenten – etwa Franck Ribery oder Wesley Sneijder – haben denn auch bereits abgesagt, und man darf gespannt sein, ob der Coup mit Luca Toni wirklich klappt und ob sich zu den eher mäßig sensationellen Neuerwerbungen Schlaudraff, Altintop und Sosa noch das eine oder andere wirkliche Sternchen gesellt.

Derweil wird die Meisterfrage ohne die Bayern geklärt; das ist ungewohnt, und deshalb mag irgendwie niemand so recht prognostizieren, wer denn diesmal die Saison ausnahmsweise mit dem ersten Platz abschließend wird. Schalke – Stuttgart – Bremen, lautet vor den letzten beiden Spieltagen die Reihenfolge; die drei sind lediglich durch jeweils einen Punkt voneinander getrennt. Schwer zu sagen, wer da letztlich die Bierduschen inszenieren darf. Folgender Ausgang ist jedoch zumindest denkbar:

Schalke 04: Seit 1958 ist dieser Klub nicht mehr Deutscher Meister geworden – bis auf die berühmten vier Minuten 2001 –, und den fünfzigsten Jahrestag dieses Ereignisses werden die Schalker auch noch erleben. Denn in Dortmund reicht es nur zu einem Unentschieden, Werder jedoch gewinnt und zieht wegen des besseren Torverhältnisses vorbei. Das kann Schalke am letzten Spieltag trotz eines Sieges gegen Bielefeld nicht mehr gerade rücken. Und das ist auch besser so. Denn wenn Führers Lieblingsklub Meister würde, wäre das auf sportlicher Ebene in etwa das, was die Vergangenheitsbewältigung auf politischer Ebene ist: der Sieg des postnazistischen Deutschlands. Der Fußballhistoriker Dietrich Schulze-Marmeling, bekennender Anhänger von Borussia Dortmund, erzählt auf seinen Veranstaltungen gerne einen Witz, der darauf abstellt, dass die Gelsenkirchener sechs ihrer sieben Meisterschaften im Nationalsozialismus gewannen: „Treffen sich ein Schalke- und ein Dortmund-Fan. Sagt der Schalker: ‚Wir sind öfter Deutscher Meister geworden als ihr.’ Darauf der Dortmunder: ‚Stimmt nicht. Ihr seid nur einmal Meister geworden. Die anderen Titel sind im Potsdamer Abkommen annulliert worden.’“ Diese Perle darf ruhig weiter glänzen: Platz zwei. Und nie vergessen: Mohammed war ein Prophet / der vom Fußballspielen nichts versteht / doch aus all der schönen Farbenpracht / hat er sich das Blau und Weiße ausgedacht.“ So heißt es im Vereinslied – seit 83 Jahren. Hipp, hipp, hurra!

VfB Stuttgart: Zweifellos respektabel, wie sich der No-Name-Trainer Armin Veh mit seiner No-Name-Truppe da oben eingenistet und sogar die Bayern aus dem Rennen geschossen hat. Aber zum Titel reicht es nicht: In Bochum gibt es nur ein Remis, weil der VfL gerade einen nicht minder starken Lauf hat. Zum Abschluss dann ein Sieg über Cottbus: Platz drei; anschließend folgen der DFB-Pokalsieg gegen Nürnberg und die Qualifikation für die Champions League. Aber das reicht dann auch.

Werder Bremen: Ein launischer Klub, der sich auch schon mal düpieren lässt; im Bundesligafinale wird er jedoch auf der Höhe sein, sowohl gegen Frankfurt als auch in Wolfsburg gewinnen und Deutscher Meister werden. Dagegen spräche nichts, im Gegenteil: Mit Diego haben die Bremer den zauberhaftesten und mit Clemens Fritz den schönsten Bundesligafußballer in ihren Reihen, und dass sich Kicker wie Klose und Frings dafür entscheiden, den Angeboten größerer Vereine zum Trotz zu bleiben, spricht sicher nicht gegen Trainer Schaaf und Manager Allofs. Außerdem muss insbesondere Thomas Schaaf unbedingt für etwas belohnt werden, das er dem Fachmagazin kicker am 20. November letzten Jahres auf die Frage „Wie werden Sie die Stunden vor dem Anpfiff verbringen?“ entgegnete: „Vor der Mannschaftssitzung gehe ich gewisse Sachen noch mal durch, versuche dann aber auch mich abzulenken und zu lesen. Es ist ein Werk von Henryk Broder, das sich mit dem Islam beschäftigt: ‚Hurra, wir kapitulieren.’“ Nachsatz: „Der Titel ist für Werder nicht wörtlich zu nehmen.“ Hoffentlich.

Hattip: Clemens Heni

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