Frei gedacht

Eigentlich ist die Geschichte der Freidenkerbewegung eine sehr bemerkenswerte. Ihre Ursprünge hatte sie Ende des 17. Jahrhunderts in England und Frankreich; in Deutschland traten bürgerliche Freigeister erstmals im Vormärz nachdrücklich in Erscheinung, als sie ihren Widerstand gegen die Dogmen der Kirche deutlich zum Ausdruck brachten. Auch in der Folgezeit war das Engagement gegen die Macht und die Glaubenssätze des Klerus und für eine humanistische, rationale und an der Aufklärung orientierte Weltsicht zentral. Die Nationalsozialisten erließen ab 1934 ein Verbot gegen die Freidenkerorganisationen; viele Mitglieder dieser Vereinigungen waren daraufhin im Widerstand aktiv, und der damalige Vorsitzende des Freidenker-Verbandes, Max Sievers, wurde am 17. Januar 1944 im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg bildeten sich zahlreiche Freidenker-Gruppierungen neu; die erste war der bis heute existierende Deutsche Freidenker-Verband (DFV). Von dessen Zielen klingen viele mehr als annehmbar: „Für eine dogmenfreie, rationale und wissenschaftlich, begründete Weltsicht und -erkenntnis, für die strikte Trennung von Staat und Kirchen, sowie von Kirche und Schule, […] für die völlige Emanzipation des Individuums, […] für eine freie Gesellschaft gleichberechtigter Menschen. […] Die Freidenkerinnen und Freidenker sind tätiger Humanität verpflichtet. […] Freies Denken bedeutet weltanschauliche Selbstbestimmung jedes Menschen sowie Selbstverantwortung für seine Lebensgestaltung und die Sinnhaftigkeit seines Lebens.“

Diese „weltanschauliche Selbstbestimmung jedes Menschen“ und die damit verbundene „Sinnhaftigkeit seines Lebens“ schließen beim DFV jedoch regelrechte Hasstiraden gegen die USA und Israel ein. Vor allem der Verbandsvorsitzende Klaus Hartmann lässt kaum eine Gelegenheit aus, insbesondere gegen den jüdischen Staat zu agitieren. Ende September 2004 etwa hielt er auf einer Kundgebung „anlässlich des Aktionstages zum vierten Jahrestag der palästinensischen Intifada“ in Köln eine Rede, in der er vor einem „zionistischen Erstschlag gegen den Iran und Syrien“ warnte, vom „Volkswiderstand“ – vulgo: dem Terror – im Irak schwelgte, die CIA und den Mossad als „Mörderbanden“ bezeichnete, gegen die „Apartheidmauer“ wetterte und unter anderem allen Ernstes forderte: „Freiheit für alle Gefangenen unter der Besatzung des Irak und Palästinas! Und dies schließt ein: Freiheit für Saddam Hussein!“ Und in der Verbandszeitschrift Freidenker schrieb Hartmann von der „rassistischen und völkermörderischen Besatzungspolitik“ Israels, deren Kritik mittels – natürlich völlig haltloser – Antisemitismus-Vorwürfe verunmöglicht werde.

Auch in Österreich gibt es Freidenkervereinigungen, deren größte der Freidenkerbund ist. Vor mehr als einhundert Jahren ins Leben gerufen und ebenfalls von den Nationalsozialisten verboten, gründete er sich 1947 neu. Eines seiner Hauptanliegen ist der Kampf für eine vollständige Säkularisierung und gegen den katholischen Klerus; im Unterschied zum DFV verklärt der Freidenkerbund islamistischen Terror allerdings nicht zu „Widerstandsaktionen“, sondern begreift ihn als Angriff auf Zivilisation und Aufklärung. Zum so genannten Karikaturenstreit beispielsweise bemerkte er auf seiner Website: „Dänische Karikaturisten haben den ‚Propheten Mohammed’ karikiert. Das ist Ende Jänner 2006 der Anlass zum weltumspannenden Toben der Islamofaschisten. […] Heilig, heilig, heilig ist ihre eigene Religion – der Rest der Menschheit hat das unterwürfig zu respektieren. Es wäre nunmehr ein großer Schritt für die Meinungsfreiheit, wenn die Dänen nicht zu Halbmond kröchen und die Europäer aufhörten, zu Kreuze zu kriechen.“ Und Mitte September letzten Jahres kritisierte die Organisation einen Zeitungsbeitrag des Integrationsbeauftragten der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, Omar Al-Rawi, scharf: „Es erscheint selbst einem im aufgeklärten Österreich des 21. Jahrhundert lebenden muslimischen Funktionär als Selbstverständlichkeit, zu verlangen, auch Nichtmuslims müssten die ‚Göttlichkeit’ des Islam anerkennen. Auf solche Forderungen müsste ein aufgeklärtes Land mit Aufklärung reagieren: dass nämlich Religion maximal ihre Anhänger betrifft, aber allen anderen Menschen scheißegal sein kann. Ein Integrationsbeauftragter, der das nicht begreift, wird der Integration herzlich wenig Nutzen bringen. Und es kann wohl nicht die Aufgabe Europas sein, jetzt eine Neuaustragung der Aufklärung inszenieren zu müssen, um dann in 200 Jahren auch die hiesigen Muslime aus dem Mittelalter abgeholt zu haben.“

Doch durchgängig sind solche hellsichtigen Ausführungen nicht, wie Karl Pfeifer berichtet, der unter die Lupe genommen hat, was ein nicht ganz unbekannter Aktivist des Freidenkerbundes bisweilen von sich gibt.

Karl Pfeifer

Der schiefe Vergleich eines Freidenkers

Wenn jemand unter dem Namen Wolfgang Schüssel oder Alfred Gusenbauer seine krause Meinung in einem Internetforum äußert, dann kann man sicher sein, dass sie von keinem der beiden Politiker stammt. Daher nahm ich an, dass auch Anton Szanya, der im Standard-Diskussionsforum ausführte: „Israel führt gegen die eingeborenen Palästinenser in der gleichen Art Krieg wie die USA gegen die eingeborenen Indianer. Vielleicht haben diese beiden Staaten deswegen ein so gutes Verhältnis zueinander?“, nicht identisch ist mit dem gleichnamigen Volksbildner und Aktivisten des Freidenkerbundes, zumal diese Zeilen ausgerechnet am 20. April 2002 (also Führers Geburtstag) publiziert wurden und Ähnliches oft genug vom rechten Rand kommt. So hatte beispielsweise der Rechtsextremist Hans Jakob Rosenkranz bereits ein Jahr zuvor in seiner Zeitschrift fakten eine Grafik mit einem Indianer publiziert, zu der es hieß: „Die Indianer konnten die Einwanderer nicht stoppen. […] Heute leben sie in Reservaten!“ Als ich dieser Tage die Kopie eines Artikels von Anton Szanya aus der Zeitschrift Freidenker zugesandt bekam, musste ich einsehen, dass ich mich gründlich geirrt hatte. In seiner Polemik gegen andere Atheisten behauptet Szanya dort, diese „verteidigen heute in bemerkenswerter Blindheit die Politik Israels, die jener ähnelt, die die frühen Vereinigten Staa­ten gegenüber den Indianern angewandt haben.“

Welchen Stellenwert hat dieser Vorwurf in einem Nachfolgestaat des „Dritten Reichs“? Der Politikwissenschaftler Andrei S. Markovits meint dazu: „Indem man den Spieß umdreht und seinerseits die Amerikaner des Genozids bezichtigt, schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe. Auf eine Ebene mit den Nazis gestellt, wird den Amerikanern die moralische Berechtigung zur Kritik entzogen, worauf sich die Hoffnung gründet, von diesen als besonders vorlaut und lästig empfundenen Beckmessern endlich in Ruhe gelassen zu werden.“ (1) Doch noch schärfer ist natürlich die Opfer-Täter-Umkehr, die Anton Szanya bereits 2002 im Standard anlässlich der Kämpfe um die terroristische Hochburg Jenin, bei denen 23 israelische Soldaten und etwa 50 zumeist bewaffnete Palästinenser getötet wurden, vorgenommen hatte. Tatsache ist, dass palästinensische Terroristen zuvor in Netanja mehrere Dutzend betende Juden ermordet hatten. Darauf folgte die israelische Militäraktion in Jenin, woher die Terroristen kamen. Zu implizieren, Israel begehe einen Völkermord an den Palästinensern, ist ein starkes Stück, wenn man bedenkt, dass die Bevölkerung in den Autonomiegebieten weltweit mit am stärksten wächst.

Szanyas Stellungnahme zum Begriff Islamofaschismus oder islamischer Faschismus ist ebenfalls selbstentlarvend. Natürlich kann man nicht behaupten, der heutige Islamismus sei eine originalgetreue Kopie des historischen Faschismus. Aber die Parallelen und Ähnlichkeiten sind verblüffend, selbst wenn Szanya vom Gegenteil überzeugt ist und schreibt: „Es ist auch ein Zeichen von unzureichendem historischen und politischen Wissen und von verstandesmäßiger Unzu­länglichkeit, wenn von einem islamischen Faschismus geredet wird. Dem Islamismus feh­len wesentliche Merkmale einer faschistischen Bewegung: er kennt keinen integralen Natio­nalismus, keine Ideologie einer Herrenrasse, keine Bürokratie, keinen sozialen Korporatismus und auch keinen Körperkult.“ Islamismus muss zwar tatsächlich nicht immer mit „integralem Nationalismus“ zusammengehen, doch gerade bei der Hamas und der Hizbollah wird diese Koinzidenz von allen Beobachtern dieser Organisationen bestätigt. Das Ziel der Hamas ist die Errichtung eines islamischen Staates auf dem Gesamtgebiet von „Palästina“, das heißt die Beseitigung Israels. Die Hizbollah wiederum vereint Islamismus und libanesischen Nationalismus. Beide Bewegungen haben auch christliche Araber als Anhänger oder sogar als Würdenträger.

Die Hamas bekennt zudem, universalistisch zu sein; sie beansprucht also, dass ihr Djihad von den Muslimen in allen Teilen der Welt zu unterstützen ist. Dementsprechend wird nicht allein Israel als Gegner ausgemacht; vielmehr heißt es in der Charta der Hamas, sie sei „die Speerspitze und die Avantgarde“ im Kampf gegen „den Weltzionismus“. Wenn der Islam erst einmal an Stärke gewonnen habe, so steht es in Artikel 17, „wird er diese [zionistischen] Organisationen, die die Feinde der Menschheit und des Islam sind, ausrotten“. Die Hamas werde, wie Artikel 6 ankündigt, „das Banner Allahs über jeden Zentimeter Palästinas hissen. […] Für das palästinensische Problem gibt es keine Lösung außer dem Heiligen Krieg. Initiativen, Resolutionen und internationale Konferenzen sind reine Zeitverschwendung.“ Eine solche Gewaltverherrlichung charakterisierte auch den historischen Faschismus. Die Hamas ist die palästinensische Filiale der in Ägypten gegründeten Organisation der Muslimbrüder, die das Lob der Nation verkünden: Sie wisse, „wie man edel stirbt“. Im Unterschied zu den Muslimen, die die Kunst des Sterbens beherrschten, bestehe die Schwäche „der Juden“ gerade darin, dass sie „das Leben mehr als irgendwelche anderen Leute lieben und es vorziehen, nicht zu sterben“, erklärte anlässlich des oben erwähnten Ostermassakers 2002 der damalige Hamas-Sprecher und heutige Ministerpräsident der Palästinensischen Autonomiebehörde Ismail Haniya gegenüber der Washington Post (2). Auch die Faschisten hatten einen Todeskult; man erinnere sich nur an den Slogan spanischer Faschisten, „viva la muerte“.

Die Bürokratie in den arabischen Staaten ist sprichwörtlich, und im Iran, wo eine islamistische Revolution stattfand, wird diese auch beklagt. Beide Bewegungen, der historische Faschismus wie der Islamismus, postulieren geradezu sozialen Korporatismus und lehnen den Klassenkampf und den Kommunismus als jüdische Erfindung radikal ab. Was den Körperkult anbelangt, schaue man sich ihre Aufmärsche im Stechschritt einmal an. Ähnlich den Faschisten werden bereits Kleinkinder mobilisiert (Foto rechts), und die Hizbollah-Kämpfer leisten ihren Schwur auch schon mal mit dem Hitlergruß (Foto oben). Islamismus ist nicht erst in seinen terroristischen Handlungsformen eine Bedrohung, und zwar nicht nur Israels. Bereits als politische Ideologie enthält er eine Kampfansage an universelle Menschenrechte, für die ja auch der Freidenker Anton Szanya einzutreten meint. Der Druck islamistischer Kreise in Europa auf kritische Medien und Wissenschaftler führt zudem zu einer „schleichenden Auszehrung der Neugier“ und ist „eine Gefahr für die Pressefreiheit“ (3).

Neben diesem Druck spüren wir auch einen Kulturrelativismus in Medien, Politik und Gesellschaft. Grundrechte – wie das Recht auf freie und auch kritische oder satirische Meinungsäußerung, das Recht auf Unversehrtheit und Schutz vor Diskriminierungen, das Recht auf Selbstbestimmung und religiöse Pluralität sowie die positive, aber auch die negative Religionsfreiheit – sind zwar universal und gelten per Gesetz für jeden Bürger in den Ländern der Europäische Union. In der Einforderung und Umsetzung dieser Rechte wird aber nicht selten vor dem Hintergrund eines positivistischen Verständnisses der eigene Maßstab einer vermeintlichen „Kultur“ untergeordnet. „Die Bereitschaft zur Selbstpreisgabe“, wie es die Marburger Islamwissenschaftlerin Ursula Spuler-Stegemann formuliert, „ist im Umgang und der Konfrontation mit Organisationen und Akteuren des politischen Islam zudem oft gekoppelt an Blauäugigkeit, Ahnungslosigkeit und Ignoranz“.

Ludwig Feuerbach sagte einst: „Niemand urteilt schärfer als der Ungebildete. Er kennt weder Gründe noch Gegengründe und glaubt sich immer im Recht.“ Das Problem ist, dass auch Gebildete wie Anton Szanya manches Wirtshausgeschwätz – wie das über die Amerikaner, die uns nichts vorhalten dürften, weil doch ihre Ahnen die Indianer ausgerottet hätten –, wenn auch in einer etwas gemäßigteren Form, wiederholen und mittels Täter-Opfer-Umkehr sogar noch verschärfen.

Anmerkungen
(1) Andrei S. Markovits: Amerika, dich haßt sich’s besser. Antiamerikanismus und Antisemitismus in Europa, Hamburg (konkret-Texte) 2004, Seite 81. Dieses Buch kam soeben in Englisch in einer Neuauflage heraus.
(2) Vgl. Thomas Friedman: Suicidal Lies, in: New York Times vom 31. März 2002
(3) Heribert Seifert: Schleichende Auszehrung der Neugier. Deutsche Medien und der radikale Islamismus, in: Neue Zürcher Zeitung vom 16. Mai 2003

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