Der Querfrontkopf

Zugegeben: Neu ist das Konzept nicht gerade. Bereits in der Weimarer Republik gab es zahlreiche Versuche, vermeintliche oder tatsächliche ideologische Gräben zwischen Linken und Rechten zu überwinden und eine Querfront für Volk & Vaterland zu schmieden; für derlei Unternehmungen standen beispielsweise Oswald Spengler und Arthur Moeller van den Bruck und ihre Idee eines „nationalen Sozialismus“, Ernst Zehrer und sein „TAT-Kreis“, die Strasser-Brüder und ihre Vorstellung von einem deutschen Antikapitalismus, Fritz Wolffheim und Heinrich Lauffenberg und ihre nationalkommunistische Volksgemeinschaft auf der Grundlage einer „Gemeinwirtschaft der Arbeiter“ und nicht zuletzt der Nationalrevolutionär Ernst Niekisch und sein Traum von einem völkisch-großdeutschen Imperium. Doch auch nach der Niederschlagung des Nationalsozialismus verloren solche Konzepte keineswegs an Attraktivität; vor allem Henning Eichberg, der Deutschland als „Opfer des Imperialismus“ und als Kolonie „raumfremder Supermächte“ sah, bekam als Neuer Rechter auch in der Linken reichlich Zuspruch. Eine gemeinsame Grundlage für die Herausbildung und Förderung einer nationalen, also deutschen Identität fand sich dabei stets in der Negation all dessen, was für westlich, jüdisch und dekadent gehalten wurde; dafür stehen Ideologien mit Weltanschauungscharakter: Antisemitismus und Antizionismus, Antiamerikanismus, Antiintellektualismus, Antikapitalismus und Antiimperialismus sowie Antiliberalismus.

Querfrontbestrebungen formeller wie informeller Art erfreuen sich bis heute ungebrochener Beliebtheit. Gehe es nun um die Proteste gegen den Irak-Krieg oder Hartz IV, gegen Globalisierung oder Israel – nicht selten marschieren Neonazis Seit’ an Seit’ mit Friedensbewegten, Ökopaxen und Linksradikalen; die Distanzierungsversuche letzterer fallen in der Regel vor allem deshalb so dürftig aus, weil es schlicht an Argumenten für eine Abgrenzung fehlt, wo Kongruenzen und Überschneidungen allzu offensichtlich sind. Und diese Schnittmenge ist – vor allem nach der so genannten zweiten Intifada und Nine-Eleven – noch größer geworden, seit Teile der Linken wie der Rechten den Islam für sich entdeckt oder doch zumindest festgestellt haben, dass der Feind ein gemeinsamer ist.

Ein täglich erscheinendes Organ hat diese neue Querfront auch, und das schon länger: Es ist die junge Welt mit ihren Pirkers, Rupps und Göbels – und seit vier Jahren auch wieder mit einem besonderen Aushängeschild: Jürgen Elsässer. Früher mal beim Kommunistischen Bund (KB) und deren Zeitung Arbeiterkampf aktiv, war er in der Folge zunächst bis Juni 1997 leitender Redakteur bei der vormaligen FDJ-Zeitung, betrieb nach deren Spaltung eine Weile die Wochenzeitung Jungle World mit und wurde im April 1999 Redakteur der Monatszeitschrift konkret, bevor ihn deren Herausgeber Hermann L. Gremliza im Dezember 2002 vor die Tür setzte, als es Elsässer – der zu seinen besseren Zeiten durchaus wusste, was Antisemitismus ist und welche Absichten sich in der „Israel-Kritik“ manifestieren – nach den Massen dürstete und er wieder auf den Antiimperialismus kam. Seitdem schreibt er – was allemal konsequent ist – wieder für die Nationalbolschewiken und ist darüber hinaus bei der Linksfraktion im Bundestag untergekommen, erst als Mitarbeiter des Abgeordneten Wolfgang Neskovic und nun als Autor des Fraktionsmagazins Clara. Zudem berät er die Fraktion in Sachen BND-Untersuchungsausschuss.

Elsässer intensiviert schon seit einiger Zeit seine Querfront-Aktivitäten. Ende 2002 beispielsweise erschien sein Buch „Kriegsverbrechen – Die tödlichen Lügen der Bundesregierung und ihre Opfer im Kosovo-Konflikt“ in französischer Sprache, und zwar bei L’Harmattan in Paris, einem Verlag, der sich nicht zuletzt der Verbreitung der Schriften von Holocaustleugnern, Israelfeinden und Judenhassern verpflichtet fühlt. Im Februar dieses Jahres dann stellte Elsässer dem Film „Tal der Wölfe“ einen Persilschein aus und mochte in ihm partout keinen Antisemitismus erkennen, obwohl der Streifen vor antijüdischen Klischees nur so strotzt und Elsässers Dementi dementsprechend unversehens zur Bestätigung geriet: „Es gibt im Film zwar einen jüdischen Arzt, der Gefangenen Organe entnimmt und weiterverkauft. Doch er versucht, die Killer an einigen Stellen zu bremsen. Im Vergleich zu ihnen ist er eine eher harmlose Figur – nicht, wie im Klischee, der Drahtzieher, sondern eher der kleine Profiteur der US-Aggression. Wer wollte bestreiten, dass das eine recht zutreffende Allegorie des Verhältnisses zwischen den Regierungen in Jerusalem und in Washington ist?“

An der neuen slowakischen Regierung – eine Koalition aus Sozialdemokraten und Rechtsextremisten – kann der Journalist und Buchautor ebenfalls nichts Schlechtes finden. Und im Juli erschien ein dreiseitiges Interview mit ihm im französischen Hochglanzmagazin Choc du mois (Schock des Monats) – einer rechtsradikalen, verschwörungstheoretischen und antisemitischen Publikation, die in derselben Ausgabe auch gleich eine Unterhaltung mit Jean-Marie Le Pen druckte. Elsässer verteidigte sich damit, die Zeitschrift habe sich das Gespräch „erschlichen“: „Hätte ich gewusst, dass es sich um ein rechtsradikales Blatt handelt, hätte ich das Interview nicht gegeben.“ Er sei „ein freischaffender Publizist, der im Ausland aufs Glatteis geführt wurde“, und jammerte: „Will man mir das vorwerfen?“ Ja, meint Ivo Bozic – denn „die Parameter für eine Bewertung der Zeitung als Nazi-Blatt fehlen“: „Da es sich beim Herausgeber und Chefredakteur um ausgemachte Faschisten handelt, sollte Elsässer vielleicht eher darüber nachdenken, wieso die inhaltliche Schnittmenge zwischen ihm und denen so enorm ist, als darüber, wie es passieren konnte, dass man ihn austrickste.“

Doch damit immer noch nicht genug: Der 49-jährige publiziert zudem in Zeit-Fragen, einem Produkt der offiziell aufgelösten rechten Schweizer Politsekte Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis (VPM). Und auch hierfür hat er eine Rechtfertigung parat: Das Blatt trete „für Frieden, Menschenrechte, die Wahrung des Völkerrechts und – eine eidgenössische Spezialität – für die Neutralität des Landes ein“, weshalb es „Rechtsradikale und rechte Autoren“ ebenso wenig gebe „wie rechtsradikale oder rechte Themen, wie sich unschwer im Archiv auf http://www.zeit-fragen.ch ersehen lässt“. Ein Blick in eben dieses Archiv genügt allerdings, um das Gegenteil festzustellen; vor allem die aggressive antiisraelische und antiamerikanische Ausrichtung fällt sofort auf. Und in der aktuellen Ausgabe der Zeit-Fragen darf unter anderem der Völkerrechtler Alfred de Zayas schreiben, der die Alliierten des Zweiten Weltkriegs der Kriegsverbrechen an den Deutschen bezichtigt und eine rechtsradikale Münchner Burschenschaft, bei der er gerne Vorträge hält, gegenüber dem Verfassungsschutz verteidigt.

Als Elsässer in seinem Hausblatt junge Welt dann noch gegen „Multikulti, Gendermainstreaming und die schwule Subkultur“ zu Felde zog, erschraken selbst in der Linkspartei einige über ihren Mitstreiter. „Was empfiehlt Elsässer letztlich? Klassenkampf für Hetero-Deutsche. Ich finde: Das ist nicht links, das ist originär rechts. Eine Partei, wie sie nach meiner Lesart Elsässer vorschwebt, gibt es schon. Sie heißt NPD“, befand die Abgeordnete und Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau – und wurde daraufhin von Elsässer mit den Worten „Was für ein geschichtsvergessener Quatsch!“ angekoffert. Sein junge Welt-Kollege Markus Bernhardt sekundierte: Hier hätten „Heckenschützen“ des publizistischen Feindes „erneut das Feuer“ eröffnet; die Parteidisziplin stehe gleichwohl nicht zur Disposition, denn in der Linksfraktion sei es „Konsens“, der „antiislamischen Stimmungsmache“ entgegenzutreten und „für den Dialog mit dem Iran“ zu plädieren.

Schließlich plant der imperialistische Feind einen Weltkrieg, wie Elsässer in einem Interview bei Voltairenet zu berichten wusste. Dabei war seine Gesprächspartnerin eine höchst bemerkenswerte Person – Silvia Cattori ist eine in der Schweiz und Frankreich lebende Journalistin, die dem Muslim Markt kürzlich einmal richtig ihr Herz ausschüttete: Israel sei ein „Apartheidregime“ und der „schlimmste Feind des Friedens“; Israelis sind für sie „Menschen jüdischer Konfession, die aus aller Welt gekommen sind, die Palästinenser aus ihrem Heimatland vertreiben und sie durch Terrorhandlungen dazu gebracht haben, zu fliehen“, und Antisemitismus „ist eine bewusste Irreführung“. Gute Voraussetzungen also für einen entspannten Plausch mit dem deutschen Kollegen, der ihr auch gleich mal erzählte, dass nach 9/11 israelische Agenten festgenommen worden seien, weil diese die USA womöglich mit ihren Kenntnissen über die Vorbereitung der Terroranschläge durch amerikanische Geheimdienste erpressen wollten. George W. Bush sei dumm und nur ein Werkzeug in den Händen von Cheney, Rumsfeld, Wolfowitz und Pearle, die ausschließlich Militär- und Ölinteressen verfolgten und den Präsidenten am 11. September 2001 eigentlich umbringen lassen wollten. Bei der „Propaganda gegen den Iran“ werde auf die „‚jüdische’ Karte“ gesetzt, also eine Bedrohung Israels bloß erfunden; proisraelische Kräfte dominierten dabei die Medien, beispielsweise in Frankreich, und jüdische Journalisten, die für den Krieg gegen Jugoslawien waren, hätten in Deutschland leichter Zugang zu den Fernsehstudios erhalten als Kriegsgegner, weil man ihre „Stimmen für geostrategische Zwecke“ gebraucht habe. Die Neocons sind für Elsässer die neuen Nazis und bereiteten gerade den dritten Weltkrieg „gegen alle Araber und alle Moslems“ vor, „genau wie Hitler, der alle Juden töten und alle Länder angreifen wollte“. Wenn sie nicht gestoppt würden, werde es den Amerikanern ergehen wie den Deutschen in Stalingrad.

Von Cattori danach gefragt, was er von den Nine-Eleven-Theorien eines Andreas von Bülow und eines Thierry Meyssan halte, stimmte Elsässer den beiden Verschwörungstheoretikern zu und bezeichnete ihre Recherchen als „sehr nützlich, um die Wirklichkeit der Fakten fortzusetzen und zu vertiefen“. Auch hier hatte er also keine Probleme, sich einem ausgewiesenen Rechtsextremisten anzuschließen: Über Meyssan schreibt die Publizistin Gudrun Eussner, „dass er seinerzeit mit üppigen Honoraren des von den Vereinigten Arabischen Emiraten finanzierten Zayed-Zentrums der Liga der arabischen Staaten, mit Sitz in Abu Dhabi, durch die arabischen Scheichtümer und durch Saudi-Arabien zieht, um zu verkünden, dass kein Flugzeug ins Pentagon geflogen ist. […] Der in 28 Sprachen übersetzte, in mehr als 50 Ländern erhältliche Bestseller über den 11. September 2001 ‚L’Effroyable imposture’ wird in deutscher Übersetzung unter dem Titel ‚Der inszenierte Terrorismus, Auftakt zum Weltenbrand?’ [veröffentlicht], herausgegeben vom Verlag ‚Editio De Facto’ des Rechtsextremen Pierre Krebs vom ‚Thule-Seminar’“. Meyssan unterhält zudem gute Kontakte zur Hizbollah und anderen islamistischen Terrorgruppen.

Am 14. Januar des kommenden Jahres landet Jürgen Elsässer nun seinen nächsten Coup. An diesem Tag erscheint nämlich sein neues Buch mit dem bezeichnenden Titel „Angriff der Heuschrecken – Zerstörung der Nationen und globaler Krieg“. Bereits die Vorankündigung lässt nur den Schluss zu, dass der Buchmarkt mit einem national-sozialistischen Traktat beglückt werden wird: „Die einzig verbliebene Supermacht duldet neben sich keine andere Nation. Die Heuschrecken des Kapitalismus fressen alles kahl und verwüsten auch blühende Volkswirtschaften. Wie vor hundert Jahren entstehen rund um den Globus Kolonien und Halbkolonien – sowie Konzentrationslager für die Eingeborenen.“ Noch während des Jugoslawien-Krieges hatte Elsässer scharf protestiert, als die rotgrüne Bundesregierung im Kosovo „KZs“ entdeckt haben wollte – nun findet er ihre Reinkarnation selbst und bewirbt sein Pamphlet mit dem Versprechen einer wahrhaft faschistischen Ästhetik: „Präsentiert wird keine trockene Analyse, sondern ein blutiges Schlachtengemälde: der Aufmarsch einer gewaltigen Armada und die ersten erfolgreichen Gegenstöße des Widerstandes.“ Um das „Imperium der Aliens“ und seinen „denationalisierten Ultra-Imperialismus“ werde es gehen, um die antideutschen Unterstützer der Weltkriegsabsichten der Neocons, um den „globalistischen Faschismus“ made in USA und um den „Antiislamismus“, der „heute die wichtigste Hassideologie“ sei – und natürlich nicht der Antisemitismus –, was wiederum „Auswirkungen auf den antifaschistischen Kampf“ haben müsse. „Die Linke kann nur mit einer populistischen Strategie die Heuschrecken vertreiben“, lautet Elsässers Credo, mündend in die Forderung: „Alle Macht dem Volke, verjagt die Heuschrecken, Schluss mit der Unterordnung unter die US-Politik – das ist die Melodie, die die Verhältnisse zum Tanzen bringen wird.“

Das klingt nicht nur nach einem Querfront-Potpourri aus Niekisch und Eichberg, das wird es auch sein. Oskar Lafontaine und Norman Paech brauchen sich jedenfalls keine Gedanken über ein Gastgeschenk zu machen, wenn sie nächstes Jahr zu Mahmud Ahmadinedjad in den Iran reisen. Nur ins Persische müsste das Buch vielleicht noch übersetzt werden. Aber da findet sich gewiss jemand – bei den Beziehungen.

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