Halbmond-Historiografie

Wenn sich notorische Leugner der Shoa ein Stelldichein geben, um darüber zu fantasieren, „ob es den Holocaust gab“, sollte man eines tunlichst unterlassen: Ihnen Beweise vorzulegen, dass die Vernichtung der europäischen Juden keine Erfindung ist. Denn Zusammenrottungen wie die derzeit in Teheran laufende haben nur ein Ziel: Die ideologische Flankierung des Vorhabens, Juden im Allgemeinen und Israel im Besonderen auszulöschen. Und deshalb verleiht jeder Versuch, die Organisatoren und Teilnehmer solcher Treffen von der Existenz des nationalsozialistischen Massenmordes zu überzeugen, deren Anliegen unweigerlich und zwangsläufig eine Legitimation. Sinnlos ist er ohnehin – denn für den unwahrscheinlichen Fall, dass die Gaskammern doch nicht in Abrede gestellt werden, haben die Antisemiten aller Herren Länder längst Vorsorge getroffen: Dann müsse man eben fragen, warum als Konsequenz aus der Shoa ausgerechnet auf arabischem Boden ein jüdischer Staat entstehen musste, sagte der iranische Außenminister Manucher Mottaki in Teheran. „Mit anderen Worten: Holocaust hin, Holocaust her, der Staat Israel muss verschwinden“, fasste Boris Kalnoky in der Welt treffend zusammen.

Das Ziel einer World without Zionism haben jedoch längst nicht nur explizite Leugner der Shoa vor Augen. „Ohne den Holocaust an den Juden würde die israelische Politik sich nicht berechtigt oder/und gezwungen sehen, sich so hartnäckig über die Menschenrechte der Palästinenser und der Bewohner Libanons hinwegzusetzen“ und „Die palästinensische Bevölkerung hat an der Auslagerung eines Teils der europäischen Probleme in den Nahen Osten nicht den geringsten Anteil“, formulierten beispielsweise Mitte November die Verfasser des Manifests der 25deutsche und österreichische Politologiker, die den Holocaust nie in Zweifel ziehen würden, deshalb eine andere Möglichkeit suchten, den jüdischen Staat zu delegitimieren, und sie darin fanden, die Palästinenser einfach zu den eigentlichen und viel schlimmer betroffenen Opfern des nationalsozialistischen Wahns zu erklären. Das ist natürlich grober, ideologisch motivierter Unfug – aber nicht nur deshalb, weil hier eine unzulässige Kausalkette konstruiert wird, sondern auch, weil die historische Realität eine andere war: Die Ansicht, die arabische Bevölkerung des Nahen Ostens habe als Unbeteiligte durch die Gründung des Staates Israel gewissermaßen indirekt für die Verbrechen der Deutschen an den Juden büßen müssen, ist genauso wenig zu halten wie die Behauptung, Antisemitismus habe es in der arabischen Welt zumindest vor 1945 nicht gegeben, weshalb es sich bei ihm bloß um einen europäischen Export handle.

Im Gegenteil gab es zwischen Halbmond und Hakenkreuz auf der Basis gemeinsamer Interessen eine Kooperation, die die Mär von der arabischen Unschuld gründlich widerlegt. Zwei Historiker, Michael Mallmann und Martin Cüppers, haben kürzlich ein Buch vorgelegt, in dem sie diese Zusammenarbeit eindrucksvoll zeigen und zu dem Ergebnis kommen, dass es auf arabischer Seite kaum Berührungsängste gegenüber den deutschen Herrenmenschen gab, sondern dass die Nationalsozialisten bei ihrem Plan, die Shoa auch im damaligen Palästina ins Werk zu setzen, auf tatkräftige Unterstützung bauen konnte. Karl Pfeifer hat das Buch gelesen. Hier ist seine Besprechung.

Karl Pfeifer

Halbmond und Hakenkreuz

Klaus-Michael Mallmann und Martin Cüppers dokumentieren in ihrem Buch Halbmond und Hakenkreuz eine Geschichte, die gerne unter den Teppich gekehrt wird, die man häufig verharmlost oder gar anzweifelt. So machte es sich etwa Alexander Schölch noch 1983 leicht, die Taten des Mufti von Jerusalem, Hadj Amin el-Husseini zu bagatellisieren, weil es in seine linken „Narrative“ passte; dabei stützte er sich auf eine Aussage des ehemaligen Nazidiplomaten Fritz Grobba: „Der Mufti hat sich den Nazis durch antijüdische Reden angedient, aber zur Realisierung ihres antisemitischen Wahns bedurften sie keiner ‚Semiten’.“* Im Gegensatz dazu arbeiten Mallmann und Cüppers peinlich genau heraus, was der Mufti und die palästinensischen Nationalbewegung in der Zeit von 1933 bis 1945 und zum Teil auch danach taten. Und das ist nicht wenig – es waren beileibe nicht nur Reden, obwohl auch diese wirkten, sondern handfeste Taten. Man darf sich keiner Illusion hingeben: Bis heute wird munter der weit verbreitete Antisemitismus in der islamischen und insbesondere in der arabischen Welt geleugnet, relativiert oder sogar „verstanden“.

Als nach der Balfour-Erklärung 1917 einige tausend Juden ins Heilige Land einwanderten, kam es in den 1920er Jahren auf der arabischen Seite zu Pogromen. Die Briten nahmen diese zum Anlass, die jüdische Einwanderung zu beschränken. Sie hatten den wenig qualifizierten Amin el-Husseini trotz seiner Aufrufe zur Gewaltanwendung gegen Juden bereits 1921 zum Mufti ernannt, und dieser hatte sich bedankt, indem er im Sommer 1929 wieder gegen Juden hetzte und ein schreckliches Pogrom – hauptsächlich gegen den alten, nichtzionistischen Jischuv – auslöste. Die Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 und deren antisemitische Politik beeinflusste den Mufti, der bereits am 31. März 1933 dem deutschen Generalkonsul Heinrich Wolf in Jerusalem versicherte, dass Moslems ein „neues Regime Deutschlands begrüßen und Ausbreitung faschistischer antidemokratischer Staatsführung auf andere Länder erhoffen“. Ein deutscher Boykott, „um Juden in ihrem Wohlstand zu treffen“, werde „in der ganzen mohammedanischen Welt mit Begeisterung“ Unterstützung finden.

Bis heute ist Izz al-Din al-Qassam der Namenspatron jener Kommandos der Hamas, die Selbstmordattentate in Israel verüben. Als Imam in Haifa war al-Qassam an der Verhetzung der Jugend beteiligt und begann im November 1935 den Djihad mit der Ermordung eines jüdischen Polizisten. Er wurde von einer britischen Patrouille gestellt und erschossen. „Dass ein Terrorist dieses Schlages“, schreiben Mallmann und Cüppers, „in der wissenschaftlichen westlichen Literatur noch als ‚Märtyrer’ bezeichnet wird“, der „für seinen Glauben und die palästinensischen Sache“ Zeugnis ablegte, wie Gudrun Krämer in ihrer Geschichte Palästinas schreibt, „kann nur mit einer Mischung aus Blindheit und unkritischer Verliebtheit“ in den eigenen Gegenstand erklärt werden.

Der arabische Aufstand ab 1936 vertiefte die arabische Begeisterung für den Nationalsozialismus, zeigten doch die Rebellen das Hakenkreuz als Kampfansage an Juden und Briten. „Nicht trotz, sondern wegen ihres virulenten Antisemitismus wuchsen Hitler und den Deutschen Sympathien bei den Muslimen des Nahen und Mittleren Ostens zu“, betonen Mallmann und Cüppers. Es waren Palästinenser, die beharrlich das Bündnis mit NS-Deutschland suchten, obwohl man dort noch lange das Ausspielen der arabischen Karte vermied. Gegenüber der von den Briten bestellten Unersuchungskommission unter dem Vorsitz von Lord Peel nahm der Mufti kein Blatt vor den Mund: „Geben Sie uns die Selbstständigkeit, und wir werden schon selbst mit den Juden fertig werden!“ Auni Abd el-Hadi, der Führer der Istiqlal-Partei, zögerte nicht, vor der Peel-Kommission das „Dritte Reich“ als Beispiel heranzuziehen: Wenn 60 Millionen Deutsche die Anwesenheit von 600.000 Juden nicht ertragen können, wie könne man da von den Arabern erwarten, dass sie sich mit der Anwesenheit von 400.000 Juden in einem viel kleineren Land abfinden sollten? Die Peel-Kommission schlug die Teilung des Landes vor; der jüdische Staat sollte dabei winzig klein sein. Die Juden akzeptierten den Vorschlag, die Araber jedoch lehnten ihn getreu ihrer Maxime „alles oder nichts“ ab. Unmittelbar danach flammte der Aufstand wieder auf. Nach der Ermordung eines hohen britischen Beamten 1937 gingen die Briten gegen die Aufständischen mit Härte vor; dem abgesetzten Mufti gelang die Flucht, die ihn über den Irak – wo er eine Rolle beim antibritischen Aufstand von el-Gailani spielte – und den Iran nach Deutschland führte. Ab 1938 lieferte die deutsche Abwehr Waffen an die aufständischen Palästinenser.

Wie es im Zuge der Ausweitung des Krieges auf Griechenland und Nordafrika schon Anfang 1941 zum „Teufelspakt“ Deutschlands mit den antibritischen und antijüdischen Kräften in der arabischen Welt kam, denen das von Blitzkriegen verwöhnte „Dritte Reich“ die Unabhängigkeit versprach, wird von Mallmann und Cüppers ebenso anschaulich dargestellt wie die deutschen Planungen, die Judenverfolgung auf den östlichen Mittelmeerraum auszudehnen. Als el-Husseini im November 1941 von Hitler empfangen wurde, beschränkte sich dieser auf vage Sympathiebekundungen für die Araber und ihr Verlangen nach Unabhängigkeit. Das Scheitern des Aufstandes im Irak, der mit Unterstützung der deutschen Luftwaffe durchgeführt worden war, haftete noch zu frisch im Gedächtnis. Hitler ließ durchblicken, er strebe „die Vernichtung des im arabischen Raum unter der Protektion der britischen Macht lebenden Judentums“ an. Dass es sich dabei nicht nur um Absichtserklärungen handelte, zeigte sich, als der Vormarsch Rommels nach Ägypten 1942 nicht nur von aufwändigen antibritischen und antijüdischen Propagandamaßnahmen, sondern auch von SS-Einsatzgruppen begleitet wurde. Sie sollten die in Osteuropa bereits angelaufene systematische Tötung von Juden auch in Palästina und in anderen Teilen des Vorderen Orients durchführen. Die personelle Spitze des Einsatzkommandos wird ebenso akribisch betrachtet wie die Karrieren einzelner SS-Leute nach Kriegsende in der Bundesrepublik und in Südamerika.

Nach der Niederlage vor El Alamein nur 100 Kilometer westlich von Alexandria mussten sich die Reste von Rommels Truppen im Herbst 1942 nach Westen zurückziehen. Die SS konzentrierte sich auf Tunesien, das als Brückenkopf der deutsch-italienischen Kriegführung noch bis Mai 1943 gehalten wurde. Gleichzeitig organisierte der Jischuv seine Selbstverteidigung, und der Mufti dirigierte von Deutschland aus den arabischen Nationalismus und gab den inzwischen formierten muslimischen SS-Einheiten Zuspruch. Seinen Judenhass gab el-Husseini auch nach 1945 nicht auf. Er meinte, die Araber „sollten gemeinsam über die Juden herfallen und sie vernichten“. Schon 1952 bestärkte er seinen entfernten Verwandten Yassir Arafat darin, sich zum Vorsitzenden des Palästinensischen Studentenverbandes wählen zu lassen. Beide trafen und besprachen sich noch Ende der 1960er Jahre regelmäßig; dabei scheint der Mufti den Eindruck gewonnen zu haben, dass Arafat der geeignete Führer für eine zukünftige palästinensische Nation sei. Als er 1974 in Beirut starb, machten die Massen sein Begräbnis zu einer antijüdischen Kundgebung.

Die jordanische Jerusalem Times veröffentlichte am 24. April 1961, kurz vor der Eröffnung des Prozesses gegen Adolf Eichmann in Jerusalem, einen offenen Brief an den Angeklagten. Der Mitorganisator der Vernichtung der europäischen Juden habe „der Menschheit einen wirklichen Segen“ erwiesen, hieß es darin. „Dieser Prozess“, so wurde weiter angekündigt, „wird eines Tages mit der Liquidierung der verbliebenen sechs Millionen […] seinen Abschluss finden.“ Es lassen sich noch bis heute unzählige derartige Belege für den im Nahen Osten grassierenden Antisemitismus und die fortlebende Affinität zum Nationalsozialismus und seinem Projekt der Judenvernichtung finden. Nachdem sich Israel erfolgreich gegen den Vernichtungswillen seiner Nachbarn gewehrt hatte, „setzte von arabischer Seite zunehmende die Tendenz ein, den jüdischen Staat direkt mit dem Nationalsozialismus zu vergleichen“, schreiben die Autoren von Halbmond und Hakenkreuz. Doch auch die Holocaustleugnung geht im Nahen Osten ungebrochen weiter, beispielsweise im Iran, wo soeben eine Konferenz von Leugnern und „Revisionisten“ einberufen wurde.

Mallmann und Cüppers zeigen aber auch auf, was alles zur Verharmlosung dieses Sachverhaltes geschrieben wird, etwa wenn der „Antisemitismusexperte“ Klaus Holz behauptet, der muslimische Antisemitismus sei „in allen wesentlichen Aspekten ein Import aus Europa“. Und Ursache und Wirkung werden in geradezu klassischer Weise auf den Kopf gestellt, wenn Wissenschaftler wie Michael Kiefer argumentieren, der in der palästinensischen Nationalbewegung aufkeimende Antisemitismus sei „zweifelsohne ein Reflex auf die systematische Verdrängungspolitik“ der Zionisten gewesen. Die vorliegende Studie analysiert darüber hinaus, dass Deutsche – und Österreicher – während des Nationalsozialismus weit konkreter als bisher angenommen versucht haben, die Juden Palästinas physisch zu vernichten und eine Staatsgründung des Jischuv für alle Zeiten unmöglich zu machen. Ausführlich dokumentierten die Autoren, dass diesem Unterfangen von arabischer Seite weitreichende und aktive Unterstützung zuteil geworden wäre.

Wiederholt hebt das Buch einen weiteren Zusammenhang hervor, der sich in den Jahrzehnten seit Ende des Zweiten Weltkriegs auch im Nahen Osten immer wieder bewiesen hat: Jegliche Aussicht auf Verständigung bricht dann ab, wenn Prinzipien des zivilisatorischen Miteinanders aufgegeben und statt dessen irrationale Denkweisen zur Grundlage des Handelns erhoben werden, deren Kern darauf abzielt, menschliche Individuen oder gesellschaftliche Gruppen mit der Zuschreibung angeblich ihnen anhaftender Eigenschaften zu stigmatisieren. Wenn Wissenschaft nicht mehr zwischen dem durchaus berechtigten Interesse nach staatlicher Unabhängigkeit und dem Rückgriff auf ressentimentgeladene Ideologeme wie Antiimperialismus, Antizionismus oder Antisemitismus zu unterscheiden weiß, besteht die Gefahr, die Differenzierung zwischen aufgeklärtem Denken und der Option auf einen Weg in die Barbarei zu verlieren.

Klaus-Michael Mallmann und Martin Cüppers ist es gelungen, ein sowohl wissenschaftliches als auch leicht lesbares, spannendes Buch zu publizieren, das dokumentiert, was so viele uns vergessen machen wollen: dass nämlich Amin el-Husseini, als ein offizieller Vertreter der islamischen Religion und Führer der palästinensischen Nationalbewegung, diese mit der rassistischen Ideologie des deutschen Nationalsozialismus nicht nur als vereinbar, sondern geradezu als übereinstimmend erklärte. Das 288 Seiten umfassende Buch verdient die größtmöglichste Verbreitung.

Klaus-Michael Mallmann/Martin Cüppers: Halbmond und Hakenkreuz. Das Dritte Reich, die Araber und Palästina, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 2006, EUR 49,90

* Aus: Dietrich Wetzel (Hrsg.): Die Verlängerung von Geschichte. Deutsche, Juden und der Palästinakonflikt, Verlag Neue Kritik, Frankfurt/Main 1983

Bildlegende (von oben nach unten): (1) Eröffnung der Konferenz der Holocaustleugner; in der Bildmitte der iranische Außenminister Manucher Mottaki. (2) Treffen des Muftis von Jerusalem mit Adolf Hitler, Berlin 1941. (3) Roosevelt, Churchill und Weizmann verteilen arabische Länder an die Juden. Deutsche Propagandapostkarte 1942 (für eine größere Ansicht aufs Bild klicken). (4) Das Bild des Siegers des iranischen Holocaust Cartoon Contest, 2006.

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