Antisemitische Gängelei

Ophir Pines-Paz, Israels Sportminister, schäumte vor Wut: „Man muss begreifen, dass wir über zwei antisemitische schwedische Funktionäre sprechen. Diese beiden Schweden, die gegen uns arbeiten, sind diejenigen, die die Entscheidungen treffen. Und sie hassen uns.“ Was Pines-Paz am vergangenen Dienstag so auf die Palme brachte, war ein neuerlicher Beschluss des europäischen Fußballverbands UEFA: Israel darf demnach sein erstes Heimspiel in der Qualifikation zur nächsten Europameisterschaft am kommenden Mittwoch gegen Andorra nicht, wie vorgesehen, in Tel Aviv bestreiten, sondern muss ins niederländische Nijmegen ausweichen – und dabei auch noch vor leeren Rängen kicken; Zuschauer bleiben ausgeschlossen. Die angesichts einer sportlich schweren Gruppe ohnehin nur geringen Chancen der Mannschaft des neuen Trainers Dror Kashtan auf eine Teilnahme an den Spielen in Österreich und der Schweiz 2008 sinken dadurch trotz des 1:0-Auftaktsieges in Estland noch weiter.

Dabei gab es für die Fans in Israel Grund zur Hoffnung, internationalen Fußball endlich wieder zu Hause sehen zu können: Nachdem die israelischen Klubs ihre Heimspiele in der Qualifikation zum Europapokal teilweise mehrere tausend Kilometer entfernt austragen mussten – angeblich sei die Sicherheit der Gästeteams nicht gewährleistet –, hatte die UEFA Mitte August angekündigt, das Match der Nationalmannschaft gegen den Pyrenäenstaat könne planmäßig im Ramat-Gan-Stadion über die Bühne gehen, sollte sich der Waffenstillstand als stabil erweisen. Diese Voraussetzung ist zwar eindeutig erfüllt – doch beim europäischen Verband sah man keinen Grund, an der bestehenden Regelung etwas zu ändern. Bis zur Zusammenkunft der UEFA-Verantwortlichen am 14. September bleibt es daher dabei, dass israelische Fußballmannschaften keine echten Heimspiele haben werden. Neben dem Nationalteam betrifft das auch Maccabi Haifa, das in der ersten Runde des UEFA-Pokals ebenfalls nicht im eigenen Stadion spielen darf. Lediglich Hapoel Tel Aviv kann noch hoffen – sein Rückspiel in diesem Wettbewerb findet am 28. September statt.

Der Zornesausbruch des Sportministers, der sich gegen den UEFA-Präsidenten Lennart Johansson (oberes Foto) und dessen Generaldirektor Lars-Christer Olsson (unteres Bild) richtete, ist zweifellos nachvollziehbar. Denn andere Gründe für die erneute Benachteiligung Israels als antisemitische scheiden mittlerweile im Grunde genommen aus; die vorgeblichen Sicherheitsbedenken jedenfalls erwecken schon länger den Eindruck, bloß vorgeschoben zu sein: Würde die UEFA in allen Fällen mit gleichem Maß messen, hätte sie zumindest auch die Heimspiele spanischer und englischer Teams nach den Terrorangriffen von Madrid und London oder die Partien türkischer Mannschaften nach dem jüngsten Anschlag in Antalya verlegen müssen. Doch nichts dergleichen geschah, und daher müssen sich die Verantwortlichen des Verbandes den Vorwurf gefallen lassen, eine explizit politische Entscheidung getroffen zu haben. Israel „das Heimrecht zu entziehen, ist ein Frevel antiisraelisch eingestellter dritt- und viertklassiger Funktionäre, die einiges an Nachfrage verdienen“, befand Samuel Laster in der Internetzeitung Die Jüdische. Gegenüber Lizas Welt bezeichnete Laster die Entscheidung, Israels Partie gegen Andorra vor leeren Rängen in den Niederlanden stattfinden zu lassen, als „Mischung zwischen einer Flucht vor der Verantwortung und blankem Hass. Die UEFA scheint das ‚Sicherheitsproblem’ für die Europameisterschaft 2008 vorsorglich elegant entsorgen zu wollen“.

Schon zwischen November 2001 und April 2004 mussten israelische Teams ihre internationalen Spiele vollständig jenseits der Landesgrenzen austragen, und bereits damals dürfte die UEFA andere Gründe gehabt haben als nur die Sorge vor einer Gefährdung von in den jüdischen Staat reisenden Mannschaften: Ende Oktober 2001 hatte Österreich zum entscheidenden letzten Gruppenspiel in der Qualifikation zur Fußball-Weltmeisterschaft 2002 gegen Israel anzutreten. Der Weltfußballverband FIFA ordnete seinerzeit trotz der Proteste des Österreichischen Fußballbundes (ÖFB) die Durchführung der Begegnung in Tel Aviv an. Daraufhin weigerten sich einige österreichische Nationalspieler ungeachtet der israelischen Sicherheitsgarantien, die Reise anzutreten, und machten das Match damit zum Politikum. Israels Auswahl führte ungeachtet dieser Turbulenzen bis in die Nachspielzeit mit 1:0 und hätte im Falle eines Sieges ein Relegationsspiel gegen die Türkei bestreiten dürfen; die Österreicher glichen jedoch in allerletzter Sekunde aus. Die Zuschauer quittierten die Brüskierung im Vorfeld mit einem dauerhaften Pfeifkonzert gegen das Gästeteam. Dass die UEFA anschließend verfügte, israelische Teams dürften bis auf Weiteres nicht mehr auf heimischem Boden gegen den Ball treten – was sowohl die Nationalelf in der Qualifikation zur Europameisterschaft 2004 als auch die Klubmannschaften im Europapokal betraf –, war eine eindeutige Konzession: nicht nur an den Terror der Palästinenser, sondern auch an die Befindlichkeiten anderer Gegner Israels, und das nicht nur in sportlicher Hinsicht.

Bei israelischen Fußballverband IFA hat man von der ständigen Gängelei die Nase längst gestrichen voll und erwägt, über Schweizer Anwälte – die UEFA hat ihren Verwaltungssitz in Nyon – beim Internationalen Sportschiedsgerichtshof (CAS) gegen den Verband vorzugehen, auch wenn die letzte Klage dort kürzlich abgeschmettert wurde. „Der Krieg ist nun schon eine Weile vorbei, und ich glaube nicht, dass es rechtmäßig ist, Israel seine Heimspiele zu verbieten“, sagte Avi Luzon, ein Sprecher der IFA. „Wir planen, der UEFA in dieser Sache den Kampf anzusagen. Das Spiel gegen Andorra können wir vergessen; wir werden in Holland spielen müssen. Aber wir werden die verbleibenden Spiele nach Israel zurückholen. Wir werden keine Mühen scheuen und die Top-Anwälte in der Schweiz verpflichten, die sich mit den Regularien der UEFA auskennen. Wir werden alle uns zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen, damit die Spiele in Israel ausgetragen werden.“ Die israelische Tageszeitung Ha’aretz bezeichnete den Beschluss des europäischen Verbands als „unsportliches Verhalten“ und wies darauf hin, dass er nicht nur die sportlichen Chancen israelischer Mannschaften schmälere, sondern auch einen nicht unerheblichen wirtschaftlichen Schaden bewirke. Das gilt übrigens auch für eine Sportart, in der Israel ungleich erfolgreicher ist als beim Fußball: Der Basketballverband FIBA hat ebenfalls entschieden, die Qualifikationsspiele des Landes bei den Frauen und Männern an weit entfernte Orte zu verlegen.

Bei der UEFA zeigte man sich unterdessen völlig uneinsichtig und drückte „tiefe Betroffenheit über die Berichte in der israelischen Presse und die Aussagen von Israels Sportminister Ophir Pines-Paz über UEFA-Präsident Lennart Johansson und Generaldirektor Lars-Christer Olsson sowie die Austragung von Länderspielen auf israelischem Boden“ aus. „Für die UEFA ist eine solche Erklärung nicht zu akzeptieren, dafür fehlt jegliches Verständnis.“ Eine Besserung ist nicht in Sicht: Eigentlich war der Rücktritt ihres gealterten Präsidenten Johansson bereits für letztes Jahr erwartet worden, doch Sportfunktionäre pflegen sich noch schwerer von ihrer Macht trennen zu können als Politiker. Also verlängerte der Schwede seine Amtszeit kurzerhand selbst bis 2007. Und ob der 77-jährige dann für einen Nachfolger Platz macht oder eher vorhat, papstgleich bis zu seinem Tod dem antiisraelischen Fußballverband vorzustehen, ist noch lange nicht geklärt.

Übersetzungen aus Ha’aretz: Liza – Hattip: Roelf Bleeker-Dohmen

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