Friedensbepreisung

Heute ist Antikriegstag. Zumindest in Deutschland. Und der hat schon richtig Tradition: Seit 1957 findet er regelmäßig am 1. September statt, dem Tag also, an dem 1939 die Wehrmacht Polen überfiel. „Nie wieder Krieg!“, heißt es seitdem, und zumindest am Anfang hatte man dabei auch noch ein „Nie wieder Faschismus!“ im Hinterkopf. Aber das ist schon lange her, und deshalb lautet die Parole inzwischen: „Nie wieder Krieg gegen den Faschismus!“ Oder, um es mit der national-sozialistischen Postille junge Welt zu sagen: „Dieser Anlass“ – also der Antikriegstag respektive Weltfriedenstag, wie man ihn in der Zone immer noch gerne nennt – „wird auch genutzt, um gegen die Aggression Israels gegen die Palästinenser und den Libanon zu protestierten“. Denn dass die Juden die größte Gefahr für den Weltfrieden sind, wissen hierzulande mehr als zwei Drittel. Auch das ganz traditionell.

Wie immer, wenn Krieg oder Ostern ist, krabbelt die Friedensbewegung aus ihren Löchern, um sich auf der Straße ein bisschen die Beine zu vertreten. Und wenn es dann noch in zeitlicher Nähe zum Antikriegstag knallt, gerade geknallt hat oder wenigstens zu knallen droht: perfekt! Dann wird das Familientreffen nämlich etwas größer. Immerhin 166 Demonstrationen, Mahnwachen und Veranstaltungen haben die schlecht rasierten Berufsbewegten vom Netzwerk Friedenskooperative aus Bonn diesmal zusammengestellt. Und die Leitlinie vorgegeben: Man teile „die Einschätzung des UN-Generalsekretärs Kofi Annan, dass eine Entwaffnung der Hizbollah-Milizen nicht durch militärischen Zwang, sondern nur auf dem Verhandlungsweg erfolgreich sein kann.“ Schöne Grüße auch an den stellvertretenden Ehrenvorsitzenden Hassan Nasrallah, der seine Friedensgarde schon vor Monaten ein paar tausend Friedensraketen gen Israel schicken ließ und sich ganz friedenskooperativ der „klaren Aufforderung Annans an Israel zur Aufhebung der Seeblockade gegen das gebeutelte Land Libanon“ anschloss.

Aber bei Appeaseniks zu Hause hat man noch mehr in petto: „Die Antikriegstags-Veranstaltungen warnen dringend vor einer Zuspitzung des Irankonflikts, die von Falken in der US-Regierung weiter angestrebt wird.“ Weshalb man viel Verständnis dafür aufbringt, dass der alleroberste Ehrenvorsitzende der deutschen Friedensbewegung – nebenberuflich Präsident der Islamischen Republik Iran – weiter sein Atomarsenal pflegen möchte: „Für die Gruppen der Friedensbewegung war bereits die UN-Resolution mit der jetzt ablaufenden Frist zur Aussetzung der dem Iran nach dem Sperrvertrag erlaubten Atomforschung ein schwerer Fehler.“ Warum? Darum: „Auch beim Konflikt mit Iran sind Verhandlungserfolge möglich, wenn berechtigte Interessen Irans berücksichtigt werden.“ Was waren das noch für Zeiten, als neben dem obligatorischen weißen Vogel auf blauem Grund der Button mit der, Verzeihung, strahlenden Sonne und dem „Atomkraft? Nein danke!“-Slogan an der speckigen Jeansjacke prangte! Doch jetzt hat man entdeckt, dass die Kernenergie ein „berechtigtes Interesse“ ist. Denn wenn die Religion des Friedens sie nutzen will, kann ja eigentlich nichts schief gehen. Wie früher im Osten. Da waren die AKWs in den Händen der Arbeiterklasse und daher gut, bis eines davon dem Proletariat 1986 in Tschernobyl um die Ohren flog.

Also: Nichts wie heraus zum Antikriegstag! Und in einigen schönen deutschen Städten lohnt sich das ganz besonders. Aus den 166 Einsendungen an das ZK der Friedenspartei sollen an dieser Stelle die drei schönsten prämiert werden. Die bronzene Katjuscha-Rakete geht an das Kölner Friedensforum und dessen Aufruf „Brandherde löschen – Waffenstillstand in Libanon, Palästina und Israel sofort und ohne Bedingungen!“. In dem heißt es unter anderem:

„Im Konflikt mit dem Iran hat [die Bundesregierung] viel von der erwünschten diplomatischen Lösung geredet, es aber unterlassen, substanzielle Verhandlungsangebote zu machen. Stattdessen Schulterschluss mit Präsident Bush und der brave Wunsch, der Westen müsse mit einer Stimme sprechen. Im jüngsten Konflikt: Funkstille aus Berlin, was das Vorgehen des israelischen Militärs betrifft, stattdessen Einstimmigkeit mit George W. Bush in Sachen Selbstverteidigungsrecht Israels, das man offenbar problemlos jenseits der eigenen Staatsgrenzen sieht. […] Nur über Verhandlungen kann der Austausch von Gefangenen einschließlich der israelischen Soldaten in den Händen von Hamas und Hizbollah geregelt werden.“

Ob das „Verhandlungsangebot“ an Ahmadinedjad, „in Sachen Selbstverteidigungsrecht Israels“ mal die, sagen wir, nukleare Selbstverteidigung des Iran gegen die zionistische Bedrohung ein bisschen zu frisieren, „substanziell“ genug gewesen wäre? Vielleicht auch „problemlos jenseits der eigenen Staatsgrenzen“? Oder soll es gleich der „Schulterschluss“ mit den Mullahs sein? Das würde immerhin auch das Problem mit dem „Austausch von Gefangenen“ elegant erledigen. Die würden dann nämlich gar nicht erst gemacht.

Platz zwei und damit die silberne Katjuscha bekommt das Bonner Friedensbündnis für seinen militärischen Appell „Den Kriegskurs stoppen!“. Denn in der ehemaligen Hauptstadt fackelt man nicht lange:

„Gegenwärtig beteiligt sich Deutschland an der bedrohlichen ‚Umgestaltung des Mittleren Ostens’, die unter dem Deckmantel der Demokratisierung der Staaten dieser Region den Zugriff auf deren Rohstoffe sichern und dazu willige Satelliten-Regime installieren soll. Wir fordern: […] Schluss mit der Unterstützung für die Kriegspolitik der USA und Israels! Schluss mit der Kriegstreiberei gegen den Iran und Syrien! Praktische Anerkennung des Lebensrechts der palästinensischen Bevölkerung! Schluss mit der israelischen Besatzung und Rückkehrrecht für alle Flüchtlinge! Freiheit für alle Kriegsgefangenen und politischen Gefangenen! Schluss mit den Sondergerichten der Besatzungsmächte und den völkerrechtswidrigen Sondertribunalen – Kriegsverbrechen aller Gewaltakteure vor den Internationalen Strafgerichtshof! Schluss mit der pauschalen Diffamierung jedes Widerstands gegen völkerrechtswidrige Besatzung als Terrorismus!“

Das Allahu akbar! haben die willigen Satelliten der Hizbollah und Hamas vergessen, und auch das Sprengstoffgürteltraining kommt nicht so recht voran. Denn seit es die RAF nicht mehr gibt, sind die Kontakte in den arabischen Raum zwecks praktischer Ausbildung etwas schlechter geworden. Vielleicht kann der Chavez da aber helfen – die Verbindungen zu den Genossen in Lateinamerika bestehen jedenfalls immer noch.

Nur ganz knapp vor den Bonnern landet der diesjährige Gewinner der goldenen Katjuscha, das Antikriegsforum Heidelberg. Dessen Aktivisten haben sich nämlich den „Journalisten und Friedensaktivisten“ Shraga Elam* eingeladen, einen „ausgewiesenen Experten“, der deshalb weiß, dass Israel „Nazi-Methoden“ anwendet, der auch schon mal Mitglieder des Zentralrats der Juden in Deutschland wegen „Komplizenschaft mit den israelischen Kriegsverbrechern, grober Verletzung der jüdischen Interessen und wegen ihrer rassistischen Haltung“ anklagt und der Auschwitz für eine Besserungsanstalt hält. Und der deshalb gerne nach Baden-Württemberg kommt, um dort zu bestätigen, dass am 12. Juni dieses Jahres „eine israelische Granate am Strand von Gaza sieben Mitglieder einer palästinensischen Familie“ zerriss, weshalb „die palästinensische Regierungspartei Hamas daraufhin ihren 18-monatigen einseitigen Waffenstillstand mit Israel“ kündigte. Die Mär von der „israelischen Granate“ ist zwar längst widerlegt, aber was macht das schon, wenn man sie braucht, um Judenmord als Notwehr verkaufen zu können?

Und einmal dabei, hat man gleich den zweiten Beleg parat: „Am 24.6. entführte die israelische Armee zwei Zivilisten aus Gaza, einen Arzt und seinen Bruder. Ein palästinensisches Kommando, an dem auch Hamas beteiligt war, überfiel am folgenden Tag einen israelischen Grenzposten und nahm einen Soldaten gefangen. Für seine Freilassung wurde die Entlassung aller palästinensischer Frauen und Kinder aus israelischer Gefangenschaft gefordert. Israel reagierte mit massiven Luftangriffen und der Wiederbesetzung des Gazastreifens.“ Der „Arzt“ und „sein Bruder“ gehörten – natürlich rein zufällig – der Hamas an, die ja kurz darauf auch einmal mehr deutlich machte, dass sie die ganze Bäckerei will und nicht bloß ein Stück vom Kuchen. Aber der Frieden vor den Juden hat schließlich seinen Preis. Und wo man schon mal dabei ist: Warum soll eigentlich die Hizbollah den Krieg gegen Israel begonnen haben, wenn es doch in Wahrheit ganz anders war, nämlich so: „Am 12. Juli nahmen Kämpfer der libanesischen Organisation Hizbollah an der Grenze zu Israel zwei Soldaten einer israelischen Patrouille gefangen, ebenfalls mit dem Ziel, sie gegen Angehörige in israelischer Gefangenschaft auszutauschen.“ Not more and not less.

Die Preisverleihung nimmt Hassan Nasrallah höchstpersönlich vor, wenn die jeweiligen Gruppen bei nächster Gelegenheit im Rahmen einer Solidaritätsreise als menschliche Schutzschilde in seinem Bunker eintreffen. Der Rechtsweg ist wie immer völlig ausgeschlossen.

Update: Euckens Erbe schlägt vor, die Übergabe der Trophäen live zu übertragen: Ulrich Wickert moderiert – Zeit genug hat er ja jetzt –, Heidemarie Wieczorek-Zeul hält die Laudatio, und Konstantin Wecker ist für das musikalische Rahmenprogramm zuständig. Vielleicht kann Jürgen „Ich war eine Dose“ Trittin sich freundlicherweise als Simultandolmetscher zur Verfügung stellen. Wenn das überhaupt nötig ist – unter Friedensfreunden versteht man sich im Grunde ja auch so. Fast vergessen worden wäre darüber hinaus an dieser Stelle, dass in einer sehr westdeutschen Stadt nicht nur wieder Bundesligafußball gespielt, sondern – au hur! – schon recht lange auch eine Friedensbepreisung vorgenommen wird. Mehr dazu bei Roibaudouin, der weiß, was es damit auf sich hat.

* Der abgebildete Stern mit der Aufschrift „Palestinian“ und der Parole „Stop the ongoing Ethnic Cleansing of Palestinians!“ („Stoppt die fortgesetzte ethnische Säuberung von Palästinensern!“) ist eine Kreation von Shraga Elam himself.

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