Vereinsmeier

Bisweilen lohnt es sich, ältere Meldungen, Kommentare und Interviews hervorzukramen, vor allem dann, wenn sie von bleibendem Wert sind. Anfang 2005 führte die Jüdische Allgemeine mit dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder ein Gespräch, das diese Eigenschaft zweifelsfrei vorweist. „Können Satire und Ironie hilfreich sein, wenn es um die deutsch-israelischen Beziehungen geht?“, wurde er gefragt. „Ja, ich finde durchaus. Weil bei aller Ernsthaftigkeit man durch diese Form der Herangehensweise einen besonderen Zugang zu den Menschen bekommt“, entgegnete der Maximaldemokrat. Gestern lieferte Schröder neuerlich ein schönes Beispiel dafür ab, wie dieser „besondere Zugang zu den Menschen“ in seiner satirischen Form aussehen kann:

„In den USA und der EU gilt die Hamas als Terrororganisation – dennoch hat sich Altkanzler Schröder jetzt für Verhandlungen mit der radikal-islamischen Gruppierung ausgesprochen. Er hält den Boykott für falsch. Man müsse mit der demokratisch gewählten Hamas-Regierung in den Palästinenser-Gebieten verhandeln, sagte Altbundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) heute bei der Entgegennahme des Ehrenvorsitzes des Nah- und Mittelostvereins (NUMOV) in Berlin. Den Boykott der radikal-islamischen Hamas-Führung durch die EU und die USA hält Schröder für falsch. Gleichzeitig kritisierte Schröder indirekt das Vorgehen der israelischen Führung: Deren Pläne für eine ‚einseitige Grenzziehung’ seien nicht der richtige Weg.“

Ein Schenkelklopfer, was? Nur ist das gar keine Büttenrede gewesen, sondern eine Ansprache anlässlich der Würdigung durch eine Organisation, deren Name – Nah- und Mittelostverein (NUMOV) – bereits recht unverhohlen das Lobbying für den arabischen Raum verrät, das man betreibt und das auf der eigenen Internetseite so umschrieben wird: „Wir unterstützen seit mehr als 70 Jahren Mitgliedsfirmen beim Auf- und Ausbau von Geschäftskontakten in Ländern der Region. Neben Informationen aus erster Hand bieten wir unseren Mitgliedern exzellente Möglichkeiten für Geschäftsanbahnungen und Networking.“ Und das seit exakt 72 Jahren – also seit 1934. Ein Schelm, wer Arges dabei denkt, nicht wahr? Der Zweck der Gründung eines solchen Klubs – der ursprünglich Orient-Verein hieß – wird vom NUMOV selbst jedenfalls so auf den Punkt gebracht (Seite 7):*

„Nachdem frühere Versuche Deutschlands, wirtschaftliche Beziehungen zum Orient aufzubauen, auf einzelne Länder beschränkt geblieben waren, sollte die Gründung des ‚Orient-Vereins’ die Bündelung der deutschen Wirtschaftsinteressen in der Region bewirken. Eine der wichtigsten Aufgaben des Vereins bestand darin, die Exportmöglichkeiten für deutsche Unternehmen in die Länder des ‚Orients’ zu verbessern. Der Wert der Güter, die Deutschland aus dem Orient bezog, überstieg bei weitem die deutschen Exporte in die Region.“

Wie diejenigen, die im seinerzeitigen Staatsapparat ebenfalls an der „Bündelung der deutschen Wirtschaftsinteressen in der Region“ arbeiteten, das Verbessern von „Exportmöglichkeiten für deutsche Unternehmen in die Länder des ‚Orients’“ – explizit genannt werden vom NUMOV Afghanistan, Saudi Arabien, Ceylon, Ägypten, Palästina, Persien, Britisch Indien, Transjordanien, Syrien/Libanon, Irak, Türkei und die Arabischen Länder; 1938 kamen noch die Arabische Halbinsel und Zypern hinzu (S. 11) – ganz konkret und handfest umsetzten, davon zeugten nicht nur das freundliche Gespräch des Führers mit dem Großmufti von Jerusalem, Hadj Amin al-Husseini, sondern auch die Wehrmacht und die SS, die für die gewaltsame Durchsetzung der neuen Rahmenbedingungen zuständig waren.

Erster Vorsitzender des Vereins wurde Hermann Reyss, Siemens-Direktor und damit kein Leichtgewicht; die Aufzählung der weiteren Vorstandsmitglieder und ihrer Unternehmen – darunter auch Heinrich Gattineau und Hermann Waibel von der Judenmörderfirma IG Farben – liest sich wie ein Who’s who? der Vernichtungsprofiteure und Arisierungsgewinnler; von der Dresdner Bank über die Allianz bis zur Deutschen Bank fehlt praktisch niemand (S. 8f.). Man rühmt sich beim NUMOV seiner Erfolge in der Zeit des Nationalsozialismus, ohne diesen auch auch nur zu erwähnen. Und die Förderung der Beziehungen zum Iran waren schon seinerzeit ein echtes Anliegen (S. 13):

„Am 29. April 1936 rief Dr. Hesse die Deutsch-Iranische Handelskammer ins Leben, zu deren Präsident Geheimrat Hans Flach bestellt wurde. Sie trat in die Reihe bereits früher bestehender bilateraler Vereinigungen und nahm sich vor allem des wirtschaftlichen Austausches zwischen beiden Ländern an. Sie vermittelte noch im selben Jahr den Auftrag für ein deutsch-iranisches/iranisch-deutsches Wörterbuch. Schon nach kurzer Zeit konnte die Kammer durch ihre Kenntnisse und ihr Engagement maßgeblich dazu beitragen, dass lukrative Abkommen zwischen der deutschen Industrie und dem Iran zustande kamen.“

Heute muss man kein Nachschlagewerk mehr kreieren, um die ökonomische Zusammenarbeit zu optimieren; das Ganze ist längst ein Selbstläufer geworden, der ideologisch vom so genannten Kritischen Dialog flankiert wird, und noch nicht mal Schröder muss noch „Ich will hier rein!“ brüllen. Aber schauen wir, ob der NUMOV nicht doch etwas Politisch-Geschichtliches zu bieten hat. Der Neugründung 1950 muss ja schließlich irgendetwas vorausgegangen sein. Dieses nämlich (S. 16):

„Das Ende des Zweiten Weltkrieges brachte nicht nur für Deutschland und Europa, sondern auch für die Länder des Nahen und Mittleren Ostens eine politische und wirtschaftliche Neuordnung mit sich.“

So kann man das natürlich auch formulieren, wenn man den eigenen Beitrag zur Notwendigkeit dieser „Neuordnung“ – sprich: Judenmord und Vernichtungskrieg – lieber unerwähnt lassen möchte. Dabei hat den NUMOV noch nicht mal jemand gezwungen, das zu tun, denn es nimmt kaum jemand Anstoß an der Tradition und Gegenwart dieser Lobbyvereinigung. Viel wäre noch zu sagen über ihre Nachkriegsgeschichte und zur Pflege der wirtschaftlichen Beziehungen zu Ländern, die Juden im Allgemeinen und Israel im Besonderen Tod und Verderben wünschen. Aufgegriffen werden sollen hier jedoch nur zwei Highlights, die die Verdienste des neuen Ehrenvorsitzenden näher qualifizieren und seinen Einsatz nachweisen, den der derzeitige Vereinsvorsitzende Martin Bay als „wegweisend für die deutsche Politik“ bezeichnet:

„Einmalig in der deutschen Geschichte war die Reise des deutschen Bundeskanzlers Dr. Gerhard Schröder durch sieben arabische Golfstaaten. In der Zeit vom 27. Februar bis zum 5. März 2005 besuchte Schröder Saudi-Arabien, Kuwait, Katar, Bahrain, Jemen, Oman und die Vereinigten Arabischen Emirate. Deutsche Firmen sahen in der Reise die Chance, sowohl ihre Aktivitäten im Mittleren Osten anzukurbeln, als auch die allgemeinen Rahmenbedingungen für ihr Engagement in den Golfstaaten zu verbessern. Begleitet von einer 70 Mitglieder starken Wirtschaftsdelegation nutze Bundeskanzler Schröder seinen siebentägigen Besuch vor allem, um die deutschen Geschäftsinteressen zu fördern. Es war Gerhard Schröders zweiter Besuch im Mittleren Osten innerhalb von 18 Monaten.“

Der erste hatte zwei Jahre zuvor stattgefunden und auch ein Treffen mit dem Holocaustleugner Zayed ibn Sultan Al-Nahayan (Foto) eingeschlossen (S. 62). Zwar stand der Iran jeweils nicht auf dem Besuchsprogramm, aber das hat nichts zu bedeuten, wie der Geehrte sich in seiner feierlichen Rede gestern festzustellen beeilte:

„Schröder wandte sich bei dem Festakt auch gegen Wirtschaftssanktionen wegen des iranischen Atomprogramms. […] Nach Schröders Ansicht kann Iran die zivile Nutzung der Kernenergie nicht verwehrt werden. Bei der Lösung des Problems dürften an das Land auch ‚keine anderen Maßstäbe’ gelegt werden als an andere Staaten. Pläne für eine ‚militärische Option, auf welchem Tisch sie auch liegen mögen’, seien in jedem Fall falsch.“

Israel hat der Ex-Kanzler nicht eigens erwähnt, als er von den „anderen Staaten“ sprach, aber das musste er auch nicht, weil man ihn auch so versteht, zumal in Deutschland. Da passt ein Statement des palästinensischen Außenministers Mahmud Sahar bestens, das dieser parallel zu Schröder auf einem Treffen der Bewegung der blockfreien Staaten in Malaysia abgegeben hat: „Niemand kann Israel trauen. Niemand kann den USA trauen. Amerika erwürgt unser Volk.“ Angesichts solcher Sätze spricht man sich als Friedensmacht doch gerne für Verhandlungen mit der Hamas und ein Ende des Boykotts aus.

Doch zurück zu den eingangs erwähnten alten Berichten. Na gut, vielleicht lohnt es sich dann doch nicht immer mit ihnen. Denn manchmal ist nichts so alt wie das, was man gestern gesagt, gehört oder gelesen hat. Und für Schröder gilt das wohl erst recht:

  • „Israel ist die einzige funktionierende Demokratie in der Region. Und der Staat Israel ist keine Bedrohung für den Weltfrieden. Aber die Sicherheit Israels ist bedroht, so lange der Nahost-Konflikt nicht politisch gelöst ist.“
  • „Ich glaube nicht, dass außer den Vereinigten Staaten irgendjemand in Europa oder in der Welt in der Lage ist, bei diesem [Friedens-] Prozess entscheidend wirken zu können.“
  • „Wir haben unsere Aufgabe immer so verstanden, dass wir innerhalb der EU Verständnis für Israel wecken wollen.“

Bevor hier der – berechtigte – Vorwurf erhoben wird, es sei Fantasterei, Schröder beim Wort zu nehmen, zumal er sich bei anderen Gelegenheiten gänzlich anders geäußert habe und Israel niemals wohlgesonnen gewesen sei: Es geht nicht darum, hier jemanden der Heuchelei zu überführen, denn das setzte voraus, dass man jemals Illusionen in den GröVaZ der deutschen Sozialdemokratie investiert hätte. Die Causa ist vielmehr ein weiteres anschauliches Beispiel dafür, wie die deutsche Außen- und Außenwirtschaftspolitik funktioniert und mit welchen Ideologemen sie abgesichert wird – wobei Schröder nur als besonders abstoßende Exemplifizierung dient. Der Kritische Dialog mit Islamisten und sein (wirtschafts-) politischer Inhalt ist keine sozialdemokratische Erfindung, wie nicht zuletzt die Historie der NUMOV zeigt. Sondern er ist partei- und organisationsübergreifende Leitlinie. Fragen Sie nach bei Schäuble. Oder beim BDI.

* In der linken Leiste auf Historie klicken; es öffnet sich eine PDF-Datei.
Hattips: Mona Rieboldt & Spirit of Entebbe

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