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Der International Advisory Board for Academic Freedom (IAB), ansässig bei der Bar-Ilan-Universität, ruft mit einer Petition die britische National Association of Teachers in Further and Higher Education (Natfhe) dazu auf, bei ihrem mehrtägigen Jahreskongress in Blackpool einen Antrag auf Boykott israelischer Hochschulen zurückzuweisen, der am kommenden Montag gestellt werden soll. Den Appell haben bislang über 4.700 Akademiker unterzeichnet. Auch das Netzwerk Engage fordert in einem Brief die Natfhe-Konferenz auf, die Eingabe fallen zu lassen. Dieses Schreiben wird von 603 „Akademikern gegen Besatzung“ getragen. Parallel dazu gab die Federation of Unions of Palestinian University Professors and Employees eine Erklärung ab, mit der sie den Boykottantrag als „mutige Initiative“ qualifizierte.

In den deutschen Medien ist bislang so gut wie nichts über diese delikate Debatte in Großbritannien zu lesen, die gleichwohl – mit Unterbrechungen – schon seit vier Jahren läuft und letztes Jahr richtig Fahrt aufgenommen hat. Bereits 2002 stritt Stephen Rose, Biologieprofessor an der Open University und Mitglied des British Committee for the Universities of Palestine, im Guardian für ein Moratorium bei der Zusammenarbeit zwischen europäischen und israelischen Wissenschaftlern; unterstützt wurde er dabei von der Akademikergewerkschaft AUT (Association of University Teachers), die ebenfalls gerne einen Boykott aller israelischen Universitäten und anderer Kultureinrichtungen sähe. Im April 2005 beschlossen dann die Delegierten der AUT-Konferenz, zumindest den Universitäten in Bar-Ilan und Haifa die Zusammenarbeit aufzukündigen, weil diese für die israelische Politik mitverantwortlich seien: Erstgenannter warf man vor, das College of Judea and Samaria im Settlement Ariel in der West Bank – also „besetztem Gebiet“ – zu verwalten; in Haifa wiederum drohe Ilan Pappe als „Kritiker der israelischen Besatzungspolitik“ die Kündigung. Von dem Boykott sollten, so die AUT, israelische Akademiker ausgenommen werden, die sich gegen die „israelische Besatzungspolitik“ geäußert hatten; Details dieses Inquisitionsverfahrens wurden nicht ausgeführt. Die Befürworter verstanden die Resolution explizit als ersten Schritt in Richtung eines völligen Boykotts aller israelischen Universitäten und perspektivisch auch anderer Kultureinrichtungen.

Das blieb nicht unwidersprochen und hauchte in Großbritannien einer Diskussion Leben ein, die bis dato kaum geführt worden war – Antizionismus hat dort, zumal bei Linken und Intellektuellen, eine in der Regel wenig hinterfragte Hegemonie, um es einmal vorsichtig zu formulieren. Aber nun kam Bewegung in die Angelegenheit. Eine Beobachterin berichtet:

„Dieser Beschluss verursachte wochenlange erregte Debatten in den britischen Medien und traf auf starken Widerstand großer Teile der Gewerkschaftsbasis. GegnerInnen des Beschlusses organisierten lokale Meetings an den einzelnen Universitäten und erzwangen innerhalb weniger Wochen ein weiteres außerordentliches ‚Council Meeting’ in London, bei dem der Beschluss mit einer Mehrheit von etwa 75-80 Prozent […] zurückgenommen wurde. Die öffentlichkeitswirksamste Kritik kam zum einen von etablierten Institutionen wie dem ‚Board of Deputies of British Jews’ oder der jüdischen StudentInnenvereinigung, zum anderen von einer losen Assoziation liberaler bis linker AkademikerInnen, JounalistInnen etc., denen es vor allem um eine Kritik des spezifisch linken Antisemitismus ging und die sich über eine zu diesem Zweck installierte Website mit dem Titel ‚Engage’ vernetzten. Zu diesem merkwürdig klingenden Titel sollte man vielleicht sagen, dass das Verb ‚to engage’ im Englischen nicht nur die Konnotation von ‚sich engagieren’ hat, sondern auch und vor allem – wie in ‚engaging the enemy’ – die von ‚sich ins Handgemenge begeben’, ‚angreifen’. […] Diese Website verwandelte sich rasch in einen Dschungel verschiedener Links, Postings, Artikel und Debatten, etwa darüber, wie man sich zur ‚israelischen Besatzungspolitik’ positionieren solle, wie ‚Antisemitismus’ zu definieren sei usw.“

Nun unternimmt die Natfhe – mit 69.000 Mitgliedern gegenüber der AUT (48.000) die größere akademische Organisation – einen neuerlichen Versuch, einen Boykott Israels zu erwirken. In dem entsprechenden Antrag geißelt man unter anderem den Sicherheitszaun und wirft dem jüdischen Staat vor, eine „Apartheidpolitik“ gegenüber den Palästinensern zu betreiben. Das rief Engage erneut auf den Plan; es entstand ein Brief, der in erster Linie von Natfhe– und AUT-Mitgliedern unterschrieben wurde. In ihm heißt es:

„Dieser Antrag [auf einen vollständigen Boykott israelischer Hochschulen] ‚lädt’ Akademiker dazu ‚ein’, israelische ‚Institutionen und Individuen’, die sich nicht ‚öffentlich von der israelischen Apartheidpolitik distanzieren’, aus der globalen akademischen Gemeinschaft auszuschließen. Der Zweck der Apartheid-Analogie hier ist es nicht, den Konflikt zwischen Israel und Palästina zu beleuchten, sondern ein emotionales Votum für eine Schwarze Liste zu mobilisieren.“

Man könnte also auch sagen: Der Antrag appelliert ans antisemitische Ressentiment. Aber da wäre noch eine kleine Einschränkung:

„Wir sind gegen die israelische Besatzung der West Bank, und wir sind gegen die tägliche Gewalt, die zur Aufrechterhaltung dieser Besatzung nötig wird; genauso sind wir gegen die Kampagnen, Israelis zu töten. Wir sind für Frieden zwischen Israel und Palästina auf der Basis gegenseitiger Anerkennung. Aber dieser Boykottantrag würde eher schaden als nutzen, wenn sein Ziel wäre, die israelische und die palästinensische Friedensbewegung zu stärken und zu einem Friedensabkommen beizutragen.“

Und noch eine:

„Wir sind gegen den offensichtlichen Widerspruch, Israel auf die Schwarze Liste zu setzen, aber gegenüber Akademikern in den USA, China, Russland, Großbritannien, Sudan, Nordkorea, Zimbabwe, Saudi Arabien, Syrien oder Ägypten eine völlig andere Einstellung an den Tag zu legen – oder gegenüber der langen Liste anderer Staaten, die für gleiche oder schlimmere Menschenrechtsverletzungen verantwortlich sind.“

Hier wird die Sache schon reichlich schräg: Diese Passagen atmen eindeutig den Geist des Antizionismus und auch des Antiamerikanismus; ohne diese Bekenntnisse wäre ein mehrheitsfähiger Einspruch gegen den Boykottaufruf augenscheinlich nicht denkbar. Der vorangegangene Vergleich des Vorhabens der Boykotteure mit den antikommunistischen Gesinnungsprüfungen der McCarthy-Ära in den USA und den antisemitischen Wellen im Osteuropa der 1960er Jahre macht die Sache da nicht viel besser. Zudem bleibt die Logik auf der Strecke: Man spricht sich gegen einen Abbruch der Beziehungen zu israelischen Hochschulen aus, begründet das aber unter anderem damit, dass die Antragsteller bei der Natfhe-Konferenz sich schließlich auch nicht um die Schweinereien in anderen Ländern kümmerten – wobei die folgende Aufzählung der gemeinten Staaten eine, zurückhaltend gesagt, schwer erträgliche Gleichmacherei bedingt, die etwa die USA und Großbritannien unvermittelt neben islamistische Regimes stellt, bei denen der Iran noch nicht einmal Erwähnung findet. Und damit nicht genug – auch die Verhältnisse in der palästinensischen Gesellschaft erfahren eine ziemliche Schönfärberei:

„Während viele Stimmen in Palästina nach einem Boykott rufen […], tun es viele auch nicht. Die PLO, die Palästinensische Autonomiebehörde und der Präsident der ‚Bir Zeit-Universität’ haben nicht zum Boykott aufgerufen. Der Präsident der ‚Al Quds-Universität’ in Ostjerusalem ist ganz klar gegen einen Boykott.“

Da wird der Silberstreif am Horizont gesucht, dabei stellt sich die Situation in den Autonomiegebieten vor allem seit der Wahl der Hamas wenig zuversichtlich dar. Und dass diese noch nicht explizit das Ende des akademischen Austauschs seiner Lehranstalten mit israelischen Einrichtungen verkündet hat, ist wohl eher ein Versäumnis, das im Zweifelsfall in Bälde nachgeholt werden wird. Unabhängig davon stellt sich die Frage, was die Engage-Aktivisten an israelischen Hochschulen so begrüßen:

„Israelische Universitäten gehören zu den offensten und antirassistischsten Räumen in Israel. Sie sind Orte, wo Worte und Argumente eher die Norm sind als Waffen und Bomben. Sie umfassen eine große Zahl arabischer Studenten (20 Prozent in Haifa und Jerusalem) und eine bedeutende Zahl an arabischen Mitarbeitern.“

Die Akademikerschmieden bilden demzufolge eine Ausnahme von der angeblichen Regel der Verschlossenheit, des Rassismus und der Gewalt in Israel – das heißt eine Nische inmitten prinzipiell abzulehnender Verhältnisse. Die vordergründig pro-israelische Intervention hat also, gelinde gesagt, ihre Haken. Es ist müßig, an dieser Stelle zu fragen, ob die Positionierung von Engage nun taktischer Natur ist, um überhaupt eine Chance zu haben, den Boykottantrag beim Natfhe-Kongress zum Kippen zu bringen, ob sie die Erkenntnis, dass ein Boykott Israels antisemitisch ist, einfach verdrängt, oder ob sie – was wahrscheinlicher ist – die aufrichtige Überzeugung der Engage-Aktivisten und ihrer Unterstützer widerspiegelt: Im Ergebnis bleibt sich das gleich, weil eine bedingungslose Stellungnahme für Israel offensichtlich nicht denkbar ist.

Bleibt also zu fragen, ob der Brief an die Natfhe trotzdem Positives bewirken kann. Und das wird man trotz aller scharfen Kritik an den falschen Argumenten für eine richtige Maßnahme letztlich bejahen müssen: Denn wenn der Boykottantrag aufgrund dieser Intervention scheitern sollte – wie er auch letztes Jahr bei der AUT gescheitert ist –, wäre dies in jedem Fall ein Fortschritt gegenüber der Verabschiedung eines Beschlusses, der über den universitären Bereich hinaus negative Folgen für Juden im Allgemeinen und Israel im Besonderen haben würde. Und trotzdem: Wenn man Engage beim Wort nimmt, streitet sich diese Organisation mit den Boykottbefürwortern letztlich um die „richtige“ antizionistische Linie, statt Partei für Israel und gegen den antisemitischen Wahn zu ergreifen. Dafür spricht auch, dass das Netzwerk seinen Opponenten vorwirft, „kontraproduktiv“ zu handeln – und das setzt allemal voraus, dass diese ein im Grunde genommen ehrbares Ansinnen auf die Agenda gesetzt haben, das bei Lichte betrachtet jedoch dem antisemitischen Ressentiment folgt.

Der International Advisory Board for Academic Freedom (IAB) hingegen kommt in seiner Online-Petition ohne eine Verurteilung Israels aus:

„Ein akademischer Boykott widerspräche nicht nur den Prinzipien akademischer Freiheit, sondern auch dem Streben nach einer friedlichen Lösung des arabisch-israelischen Konflikts. Ein Boykott würde die Welt potenzieller Beiträge israelischer Wissenschaftler zu dieser und anderen humanitären Anstrengungen berauben und dem palästinensischen Volk keinen Nutzen bringen.“

Das israelische Parlament war zuvor sogar zu einer Notversammlung zusammengekommen, um die britischen Boykottpläne zu besprechen, die als „Hexenjagd“ bezeichnet wurden. Der israelische Bildungsminister rief die britische Regierung zum Einschreiten auf.

Drei Tage nach ihrer Konferenz wird sich die Natfhe übrigens mit der AUT vereinigen. Der Guardian vermutet daher, eine antiisraelische Resolution habe nur ein kurzes Leben: „Jede angenommene Resolution wird für weniger als eine Woche die Politik der Natfhe sein und nur eine Weisung für die neue Vereinigung.“ Engage hingegen betont: „Wir wollen nicht, dass der neue Verband während einer kontraproduktiven Auseinandersetzung über eine Politik des Ausschlusses israelischer Kollegen hineingeboren wird.“ Es bleiben Zweifel daran, dass die Vereinigung mehr fürchtet als den Verlust akademischer Karrierechancen infolge eines Stopps der Beziehungen zu israelischen Hochschulen und ihren Wissenschaftlern. Wiewohl sich in Engage auch nicht wenige betätigen, denen der Antisemitismus und Antizionismus ihrer Kollegen ernsthafte Sorgen bereitet: Das Schreiben an Natfhe bedient an viel zu vielen Stellen die Ressentiments der Boykotteure.

Update 29. Mai 2006: Die Natfhe-Konferenz hat den Boykottantrag mehrheitlich angenommen. Sie meinte „eine fortgesetzte israelische Apartheidpolitik, eingeschlossen den Bau der Mauer, und diskriminierende Ausbildungspraktiken“ feststellen zu sollen. Weiter heißt es:

„Die Konferenz lädt die Mitglieder ein, bei Kontakten mit israelischen Bildungseinrichtungen oder Individuen ihre eigene Verantwortung für Gleichheit und Nichtdiskriminierung zu bedenken und zu berücksichtigen, dass ein Boykott derer, die sich nicht öffentlich von derlei Politik distanzieren, angemessen ist.“

Ob dieser antisemitische Beschluss auch nach der Vereinigung von Natfhe und AUT Gültigkeit behält, wird sich zeigen; zu befürchten ist es allemal. Beifall wird er zweifellos an der Oxford University finden, wo nicht wenige Zionismus für „Rassismus“ halten und auch schon mal Studenten zurückgewiesen werden, wenn sie Israelis sind.

Zum Thema Antisemitismus im akademischen Milieu – nicht nur in dem Großbritanniens, sondern auch und besonders in dem Deutschlands – siehe auch den ausgezeichneten Beitrag von Tobias Jaecker.
Übersetzungen aus dem Englischen: Liza, Hattips: Christine, Olaf, Lila & The Editrix

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