Löwenfutter

Sprechen Sie mal einen Ihnen als repräsentativ erscheinenden Deutschen an und fragen Sie ihn, woran er spontan denkt, wenn er den Terminus „englische Fußballfans“ hört. Vermutlich bekommen Sie ein Stakkato aus Wörtern wie Stiernacken, Fettsteiße, Ganzkörpertätowierungen, Randalebrüder und Komasäufer zu hören. Man hält die Anhänger von der Insel hierzulande für unzivilisiertes Pack, das mit geröteten Köpfen und in Horden ins Land einfällt, die Biervorräte vernichtet, alles kurz und klein schlägt und ohn’ Unterlass antideutsches Liedgut schmettert. „Nur du kannst es verhindern!“, lautete vor nicht allzu langer Zeit der Slogan eines Werbespots, in dem ein angeblich typisch englischer Fußballrowdy abwechselnd der Lächerlichkeit preis gegeben und als besonders abstoßendes Exemplar der Sorte Mensch in Szene gesetzt wurde. So etwas kommt an in Deutschland, vor allem bei denen, die keine Urlaubserlebnisse von Malle oder den Kanaren erzählen können, ohne sich über britische Feriengäste zu echauffieren wie sonst allenfalls noch über Bürgerinnen und Bürger der Niederlande.

Genau diese in deutschen Breitengraden so unbeliebten Fußballfans und ihre Mannschaft werden von Lizas Welt unterstützt, grundsätzlich und bei der anstehenden Weltmeisterschaft im Besonderen. Ein ausführlicher Blick in den (englischsprachigen) WM-Guide für die mitreisenden Anhänger des Three Lions-Teams – herausgegeben von der Football Supporters’ Federation und mit dem wundervollen Titel Free Lions versehen – spürt den Charme auf, den auch die Zielgruppe dieser Broschüre hat, ganz anders, als es das hiesige Klischee will. Auf 148 farbigen Seiten hat die Fanvereinigung allerlei nützliche Informationen für diejenigen zusammengestellt, die es mit dem Weltmeister von 1966 halten und sich die Spiele der englischen Elf im Stadion ansehen möchten. Dazu gehören neben den obligatorischen kurzen Auflistungen von Anlaufstellen und Hinweisen auf Reisemöglichkeiten vor allem detaillierte Porträts der Städte, in denen die englische Auswahl ihre Spiele auf jeden Fall (Vorrunde), eventuell (Erreichen des Achtelfinals) und mit Sicherheit nicht (weil es der Spielplan nicht vorsieht) bestreiten wird.

Und hier sind eine Reihe echter Highlights dabei – historische und gegenwartsbezogene Fakten, die man in einem deutschen Reiseführer, wenn überhaupt, unter ferner liefen finden würde. So heißt es etwa zu Nürnberg gleich zu Beginn:

„Nürnberg ist überraschend pittoresk, trotz der Tatsache, dass es berühmt war für die Rolle, die es im Zweiten Weltkrieg als Nazipropagandazentrale und Ort für Massenaufmärsche in Luitpoldhain spielte. […] Aufgrund seiner Bedeutung in der Nazibewegung und angesichts seiner Verantwortlichkeit für einen großen Teil der Produktion von Flugzeugen, U-Booten und Waffen wurde es durch Alliiertes Bombardement in Schutt und Asche gelegt (‚reduced to rubble’) und war danach Schauplatz der berühmten Kriegsverbrecherprozesse. […] Jetzt hat es aber eine merklich weltoffenere Atmosphäre.“

Klare Ansage also, damit man als geschichtsbewusster Zuschauer auch noch einmal nachlesen kann, wo man eigentlich gerade sein Rostbratwürstchen verzehrt. Unvorstellbar, dass sich die Stadt Nürnberg in einem Prospekt als Erstes auf diesen Teil ihrer Geschichte beziehen würde – und genau deshalb hat der WM-Guide schnell die ersten Punkte gesammelt. Weitere kommen beim Kapitel „Köln“ hinzu. Erst wird auf den Dom, den Karneval und den CSD hingewiesen, und dann sind der örtliche Gerstensaft und die gleichnamige Mundart an der Reihe:

„Die Stadt ist bekannt für ihr Bier, ‚Kölsch’ genannt. ‚Kölsch’ ist auch die Bezeichnung des lokalen Dialekts, was zu dem bekannten Witz führte, dass ‚Kölsch’ die einzige Sprache ist, die man trinken kann. Wer sagte da, die Deutschen hätten keinen Sinn für Humor?!“

Doch danach geht es ans Eingemachte respektive auch hier an die jüngere Historie. Die Zahl der Luftangriffe der Royal Air Force wird exakt benannt, wie man auch Bombenabwürfe, Zerstörungsgrad und Opferzahlen beziffert hat. Das Ganze orientiert sich an genauen Fakten, wobei man aus der Art der Aufzählung sowohl eine Kritik als auch eine gewisse Bewunderung lesen kann. Vielleicht wird das aber auch einfach den Lesern überlassen.

Oft kurze, aber knackige Darstellungen der anderen WM-Städte haben noch mehr Höhepunkte zu bieten; Berlin sei, so heißt es etwa, „im Vergleich zu anderen Teilen Deutschlands bemerkenswert entspannt und liberal“, und zu Gelsenkirchen ist zu lesen, dass die Stadt „nur für ihre Zechen wirklich berühmt ist“. Die Verfasser des Büchleins lassen erst gar keine Illusionen aufkommen, informieren wirklich gut und sind gleichzeitig im besten Sinne unterhaltsam. Zum Schluss gibt es auf zwei Seiten einen kleinen Überblick über die nützlichsten deutschen Wörter und Sätze, zu denen neben dem üblichen „Danke“ und „Bitte“ auch „Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht“ („Ref, we know where your car is“) und „Der Schiedsrichter braucht einen Blindenhund“ („The referee needs a guide dog“) gehören.

Insgesamt konterkartieren die Ausführungen in Free Lions auf eine sehr subtile und souveräne Art das Vorwort des ohnehin nicht besonders geschätzten englischen Nationaltrainers Sven Göran Eriksson (Foto rechts), der die Fans inständig anfleht, sich doch bitte zu verhalten, wie es sich Zu Gast bei Freunden gehört:

„Diese [sportliche] Rivalität darf den Rahmen anständigen Benehmens nie verlassen. Deutschland wird ein fantastischer Gastgeber sein – und wir müssen respektvolle Botschafter für unser Land und unseren Fußball sein. Insbesondere rufe ich euch dazu auf, während der Weltmeisterschaft jedweden antideutschen Gesang zu vermeiden. Das Lied, das wir wirklich nicht hören wollen, ist das über die ‚10 deutschen Bomber’“.

Warum eigentlich nicht?, wird sich dessen ungeachtet eine Reihe von Supportern denken und das Anliegen zurückweisen, den bekannten ironischen Verhaltenstipp And don’t mention the war! wörtlich zu nehmen; zumindest war das in der Vergangenheit bei ähnlichen Appellen – etwa vor Qualifikationsspielen in Deutschland – immer so. Außerdem hat der Song Ten German Bombers wirklich eine klare antifaschistische Aussage, und da ist es nicht einzusehen, warum er nicht zum Besten gegeben werden darf.

Inzwischen gibt es – nicht zuletzt als Reaktion auf Erikssons Aufruf – das legendäre Lied als ausgesprochen gut gemachtes und sehenswertes Video (inklusive MP3) zweier Berliner Combos, wenn auch der Schluss des Streifens insoweit reichlich ärgerlich ist, als er deutlich über das Ziel hinausschießt: Man verbrennt einfach keine Fahnen, egal welche, schon gar nicht in Deutschland; diese Form politischen Wirkens überlässt man besser per se Nazis und Islamisten. Der Film wäre auch ohne diese Sequenz ausgekommen und hätte dadurch noch an Qualität gewonnen. Trotzdem: Anschauen!

Update: Manchmal bekommt man in mancherlei Hinsicht schneller Recht als erwartet. Die Deutsche Presse-Agentur verbreitete heute eine Meldung, die die Überschrift „Englands Massenblätter schüren den ‚Britskrieg’“ trug und so begann:

„Englands Massenpresse beginnt sich wieder auf die ‚Krauts’ einzuschießen und hat sogar den Geist von Adolf Hitler durch das WM-Quartier der englischen Fußballer spuken lassen. Monate vor der Weltmeisterschaft feiern nationalistische Übersteigerungen in den Boulevardblättern Urstände mit dem Versuch, einen neuen ‚Fußball-Krieg’ gegen den deutschen Gastgeber anzuheizen. Böse Erinnerungen an die Europameisterschaft 1996 auf der Insel werden wach, als Hurra-Patriotismus und anti-deutsche Kampagnen sogar das britische Unterhaus beschäftigten.“

Ein ganz übles Gesocks also, das man hier im Sommer zu erwarten hat, lautet wohl die Botschaft. Das dazu gehörige Foto (rechts) soll diese Befürchtung ganz offensichtlich illustrieren. In dem dpa-Beitrag kommen dann ausführlich die besorgten und mahnenden Stimmen – das besonnene England also – zu Wort, die vor einer Eskalation warnen und bedauern, dass die Appelle des englischen Fußballverbands nicht zu fruchten scheinen. „In England ist die Sorge groß, dass die Deutschen auf den bisweilen merkwürdigen britischen Humor und die dummen Sticheleien wieder hereinfallen und damit die Urheber noch mehr reizen“, behauptet die Presseagentur – um dann den Times-Autor Simon Barnes zu zitieren, dessen Ausführungen sie augenscheinlich nicht so wirklich begriffen hat:

„Das Unverständnis der Deutschen für den britischen Naziulk ist für Autor Barnes ‚die größte kulturelle Kluft’ zwischen den Ländern. Die seltsame Form des schwarzen Humors und selbst die dümmsten Witze seien Ursache dafür, dass die Briten gegen Diktatoren und Extremisten gefeit seien, meinte Barnes: ‚Es gibt etwas an Hitler, an den Nazis und an allen Formen von Diktaturen, das in britischen Augen ebenso komisch ist wie lüsterne Pfarrer, Bananenschalen, Schwiegermütter oder Schotten.’“

Das versteht man in Deutschland, wo Samstagabendcomedys im Privatfernsehen als ultimative Unterhaltung gelten, tatsächlich nicht. Aber deshalb ist den Spaßbremsen gegenüber noch lange kein Appeasement gefragt. Ganz im Gegenteil.

Übersetzung der Passagen aus Free Lions: Liza

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