Der Ernst des Lebens

Wann immer irgendwo in dieser Welt etwas passiert, das hierzulande von einem gewissen Interesse ist, schlägt die Stunde so genannter Experten. Das müssen nicht wirklich welche sein; sie brauchen bloß von anderen Kennern der Szene zu solchen erklärt zu werden, vorwiegend durch Interviews und mittels Gastbeiträgen in Zeitungen. In Kürze nun wählen die Bürgerinnen und Bürger Israels ein neues Parlament, und auch diese Begebenheit ruft nicht bloß eine gesteigerte Aufmerksamkeit hervor, sondern auch und vor allem diejenigen auf den Plan, des der Mund übergeht, wes das Herz voll ist. Uri Avnery etwa ist so einer, der hier dann wieder die Seiten mit Ansichten füllen darf, die dort kaum jemand lesen mag. Recht gefragt sind aber auch und vor allem diejenigen in Deutschland lebenden Juden, deren Positionen einigermaßen quer zur Linie des Zentralrats liegen, die sich also durch ein besonderes Maß an Unabhängigkeit und Unbequemlichkeit auszuzeichnen scheinen – und doch nur das zu sagen haben, was hier ohnehin die meisten denken, die gleichwohl vor Kühnheit zitternd die Hand zum Applaus rühren, wenn ihnen einer ihre Bodenlosigkeiten mit einer Unbedenklichkeitsbescheinigung quittiert.

Der Kölner Stadt-Anzeiger, dieses Blatt aus dem Hause der Arisierungsgewinnlerfamilie Neven Du Mont, hat zwecks Anklage gegen Israel den 76-jährigen Ernst Tugendhat zum Gespräch gebeten, mithin einen, der erstens qua Herkunft (jüdisch), zweitens qua Profession (Philosoph) und drittens qua Biografie (Emigration der Familie in die Schweiz 1938, Rückkehr nach Deutschland 1949) eine besondere Glaubwürdigkeit und Integrität zu vermitteln scheint, wenn er Position zu Themen bezieht, über die man in diesen Breitengraden zwar längst Bescheid weiß, für deren Erörterung man jedoch immer noch Kronzeugen in Anschlag zu bringen vorzieht. Um den Schein der journalistischen Neutralität zu wahren und gleichzeitig seine ganze Scheinheiligkeit bereits zu Beginn preis zu geben, steigt der Interviewer mit dieser Frage ein:

„Herr Tugendhat, hat Israel mit dem Abzug aus dem Gaza-Streifen nicht ein positives Signal gesendet?“

Das scheinbar harmlose Wörtchen „nicht“ zeigt an, dass man Tugendhats Haltung zum jüdischen Staat selbstverständlich schon lange kennt und bloß so tut, als widerspräche man ihm. Eine Steilvorlage also, die der Befragte dann auch dankbar verwandelt: Einerseits sehe es so aus, als ob Ariel Sharon, der „Scharfmacher“, für eine friedliche Lösung sei; andererseits sei das Ganze ohnehin bloß ein Ablenkungsmanöver gewesen, weil er gleichzeitig „die Siedlungspolitik im Westjordanland weiterhin extrem forciert“ habe:

„Das nichterklärte Ziel dieser Politik kann nur die Annexion sein: den Palästinensern wird der Garaus gemacht, und der Westen lässt das zu.“

Annexion? Den Garaus gemacht? Das wirft selbst beim Kölner Stadt-Anzeiger Fragen auf, der Form halber zumindest:

„Besorgen die Wahlergebnisse in Palästina nicht?“

So kann man die Tatsache, dass die Hamas von ihrer Vernichtungsdrohung Israel gegenüber nicht ein Jota zurückgenommen hat und den organisierten Judenmord nun bloß in ein demokratisches Gewand kleidet, natürlich auch formulieren. Aber Tugendhat nimmt daran gar keinen Anstoß:

„Israelis und Palästinenser schaukeln sich gegenseitig hoch. Der Sieg der Hamas scheint zum Teil auf die Korruption der Fatah zurückzugehen, aber er ist Teil der unversöhnlichen israelischen Politik. Wenn die Lage ausweglos wird, nimmt der Fanatismus überhand.“

Der übliche Schmonzes von der Gewaltspirale* also, deren Auslöser stets in Gestalt der „unversöhnlichen israelischen Politik“ daherkommt, die demnach für den Wahlausgang in den Palästinensergebieten verantwortlich ist, weil sie deren Stimmberechtigte in eine „ausweglose Lage“ getrieben hat, in der der „Fanatismus“ zwar „überhand“ nimmt, prinzipiell aber verständlich ist – und den Gesprächsführer der Zeitung auf eine Idee bringt:

„Sollen die Deutschen also mit Lichterketten auf den Straßen für die Palästinenser demonstrieren?“

Wie Anfang der 1990er Jahre gegen die Rechtsradikalen, geht die beabsichtigte Assoziation, die aus den Juden von gestern die Nazis von heute macht und aus den Palästinensern die neuen Juden, denen man – learned by history – mit Kerzen heimleuchtet. Doch da bremst der Tugendhat ein wenig:

„Nein, das wäre übertrieben. Wer in Deutschland die gegenwärtige Politik Israels kritisiert, kann es nur, wenn er deutlich macht, dass er keine antisemitischen Motive hat, und das ist vielleicht nicht leicht.“

Offen bleibt zunächst, warum dieses Unterfangen „vielleicht nicht leicht“ ist: Liegt es daran, dass die erdrückende Mehrheit in Deutschland kaum verhohlene antisemitische Motive für ihre „Israel-Kritik“ hat? Oder doch eher daran, dass es angeblich Kräfte gibt, die diese „Kritik“ mit unlauteren Mitteln zu sabotieren suchen? Wohl eher letzteres:

„Aber wir Juden unsererseits dürfen nicht meinen, dass wir wegen des Holocaust nicht kritisiert werden dürfen. Wer verfolgt wurde, erwirbt dadurch nicht das Recht, andere zu verfolgen. Wenn man aus einem Haus herausgeworfen wurde, gibt es einem nicht das Recht, in ein anderes Haus einzubrechen.“

Keiner dieser Sätze ist für sich genommen falsch, und doch ist das Ganze, wie immer, weit mehr als die Summe seiner Teile, nicht zuletzt deshalb, weil der Philosoph sich absichtsvoll auf die Ebene des Gerüchts begibt und wohl nicht grundlos die Nennung von Ross und Reiter schuldig bleibt: Welche Juden meinen denn, „wegen des Holocaust nicht kritisiert werden [zu] dürfen“? Wer behauptet, aufgrund der Verfolgung, des „Rauswurfs aus einem Haus“ – übrigens ein bemerkenswertes Synonym für den nationalsozialistischen Massenmord – das Recht zu haben, „in ein anderes Haus einzubrechen“? Die Spekulation darauf, dass die Leser einer deutschen Lokalzeitung schon wissen, wer gemeint ist, und der Verzicht auf eine Konkretisierung solcher Vorwürfe befeuert das postnazistische Raunen über die Juden, die noch aus ihrer Vernichtung Kapital zu schlagen wissen.

Dem Journalisten des Kölner Blattes kommt das jedoch nicht in den Sinn, und stattdessen behilft er sich mit der Frage nach dem „Beitrag“, den die Palästinenser „an dem Prozess zu leisten“ hätten – was Tugendhat gar nicht bestreiten möchte, aber auch das nur, um die palästinensischen Eliminationsdrohungen 1967 enden zu lassen – „bis dahin mussten die Israelis wirklich fürchten, von den Arabern ‚ins Meer geworfen’ zu werden“ –, um also die heutigen Ausrottungspläne à la Hamas und Islamischer Djihad entweder nicht ernst oder nicht zur Kenntnis nehmen zu müssen und umgekehrt noch einmal den jüdischen Staat ob seiner vorgeblichen Verfehlungen nach dem Sechstagekrieg zu geißeln:

„Damals wäre nach meiner Meinung ein echter Friede machbar gewesen: eine ausgewogene Zwei-Staaten-Lösung. Diese Chance ist von Israel nicht wahrgenommen worden. Stattdessen hat es das Territorium der Unterlegenen militärisch besetzt gehalten.“

Was sowohl die suicide attacks als auch den Erfolg der Hamas offenbar hinreichend erklärt und den Fragesteller zu der geschichtsbewussten Nachfrage „Die zionistischen Juden sind der Auslöser des Konflikts?“ veranlasst, die Tugendhat nicht etwa inne halten, sondern im Gegenteil noch weiter ausholen lässt:

„Das ist das weiter zurückreichende Problem, vor dem man ebenfalls nicht die Augen verschließen sollte. Man meint heute, Juden und Zionisten seien ungefähr dasselbe.“

Wer „man“ eigentlich ist, der da Juden und Zionisten „ungefähr“ synonym verwendet, sagt der Denker nicht – vielleicht deshalb, weil er zwar weiß, dass er in einem Land lebt, wo diese Unterscheidung in der Regel ohnehin nicht getroffen wird, das damit verbundene Ressentiment jedoch durchaus nützlich sein kann:

„Aber der um 1900 entstandene Zionismus war eine spezielle, nationalistische Ausdeutung des Judentums, die in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts von der Mehrheit der Juden, die sich entweder religiös oder assimilatorisch verstanden, abgelehnt wurde. Erst im Jahr 1944 gewann der Zionismus in den maßgebenden jüdischen Organisationen der USA die Mehrheit. Aber viele Juden stehen dem Zionismus auch heute distanziert gegenüber.“

Diese „spezielle, nationalistische Ausdeutung des Judentums“, die „erst im Jahr 1944 […] in den maßgebenden jüdischen Organisationen der USA die Mehrheit“ gewonnen und der „viele Juden […] auch heute distanziert gegenüber“ stehen sollen – der Zionismus also –, war in allererster Linie eine Reaktion auf den europäischen Antisemitismus und die damit verbundenen gescheiterten Assimilationsbestrebungen der Juden, kurz gesagt also das Programm der wohl einzigen nationalen Befreiungsbewegung, die bis heute einen fortschrittlichen Charakter beanspruchen kann. Selbst Tugendhat stellt nicht völlig in Abrede, dass diese Bewegung – ganz im Gegensatz zu anderen – nicht bloß auf den eigenen Vorteil bedacht war:

„Es gab freilich innerhalb des Zionismus – und so auch heute in Israel – immer auch Gruppen, die für eine echte Verständigung mit den Palästinensern eintraten, das heißt für Gleichberechtigung.“

Denn zu vielfältig waren von Beginn an die Strömungen des Zionismus, der stets einen im besten Sinne des Wortes pluralen Charakter hatte. Doch dem Wissenschaftler ist diese Erkenntnis bloß trügerischer Schein:

„Und doch kann man nicht die Augen davor verschließen, dass der Zionismus schon seinem Wesen nach nationalistisch und daher potenziell nach außen aggressiv war.“

Da lacht das Herz der Antiimperialisten und Friedensbewegten, die immer wussten, dass Zionismus und Faschismus eigentlich das Gleiche sind:

„Das lag schon in der Ausgangsidee, in Palästina nicht einfach einzuwandern, sondern dort einen eigenen Staat zu gründen. Man kann doch verstehen, dass so eine Vorstellung, die sich nur aus dem damaligen europäischen Kolonialbewusstsein erklären lässt, für die Araber inakzeptabel war.“

Der Verrat an der Aufklärung, die Pogrome in Russland, die Dreyfus-Affäre in Frankreich – all das firmiert bei Tugendhat also unter dem Begriff „europäisches Kolonialbewusstsein“, und die „Vorstellung“, die für „die Araber inakzeptabel“ gewesen sein soll, unterstellt diesen nicht nur eine prinzipielle Hartnäckigkeit gegenüber jedweder Form gesellschaftlichen Fortschritts, sondern konstruiert und legitimiert aufs Neue die Mär vom Judenstaat als giftigem Stachel im arabischen Fleisch. Doch solcher Argumente bedarf es wohl, wenn man eine gerade geschichtliche Linie bis heute ziehen möchte, die „die Araber“ ausschließlich als erdverbundene Autochthone und zionistische Juden als notorische Störenfriede begreift, die andere von ihrer angestammten Scholle vertreiben wollen. Da stutzt auch der Kölner Stadt-Anzeiger ein wenig und hakt nach: „Ist der Zionismus nicht eine Konsequenz aus dem Holocaust?“ Ist er historisch gesehen natürlich nicht, was Tugendhat auch so sagt, aber nur, um die Sache dann zu verschlimmbessern:

„Die maßgebende zionistische Einwanderung in Palästina erfolgte vor dem Holocaust und war nicht eine Reaktion auf die Ausrottungspolitik der Nazis, sondern auf das allgemeinere Phänomen des Antisemitismus, noch mehr in Osteuropa als in Deutschland. Man kann also nur sagen: der Zionismus war eine verständliche, aber gewiss nicht ‚notwendige’ Konsequenz aus dem Antisemitismus.“

Was mit „maßgebend“ gemeint sein soll, lässt der Philosoph im Unklaren; an Zahlen kann er zumindest nicht gedacht haben, sonst bräche seine Theorie nämlich in sich zusammen wie ein Kartenhaus: Bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten gab es vier Alijot, in der Tat überwiegend aus Osteuropa infolge der von Tugendhat als „allgemeineres (!) Phänomen (!) des Antisemitismus“ verniedlichten Pogrome und Judenverfolgungen. Die fünfte Alija, also die aus der Machteinsetzung der Nazis resultierende, war jedoch die zahlenmäßig stärkste und allemal „eine Reaktion auf die Ausrottungspolitik der Nazis“. „Maßgebend“ waren die vorherigen Alijot jedoch insoweit, als sie in der Tat eine Konsequenz aus dem Antisemitismus zogen – und nicht nur eine „verständliche“, sondern eine zwingend notwendige in einer Welt, die Juden die Assimilation versagte, sie mit gnadenloser Verfolgung überzog und ihnen – zumal nach der Shoa – nur einen Weg offen ließ: den der Gründung eines eigenen, wehrhaften Nationalstaats in einer nationalstaatlich verfassten Welt. Wer genau diese Welt als falsche ganze respektive ganz falsche begreift und, wie Tugendhat in seinem abschließenden Statement, den Juden stattdessen erneut die Assimilation oder einen recht verstandenen Kommunismus als Lösungsvorschläge unterbreitet, liegt damit vielleicht nicht falsch, delegitimiert aber die unbedingte und alternativlose Notwendigkeit, schon für das Hier und Jetzt eine Möglichkeit der – auch bewaffneten – Abwehr antisemitischer Angriffe zu haben und zu behalten.

Die ZEIT pries vor zweieinhalb Jahren Ernst Tugendhat anlässlich des Erscheinens seines letzten Buches Egozentrizität und Mystik mit den Worten, dieser habe „seinen Ruf nicht zuletzt durch zwei sehr seltene Eigenschaften erworben: einmal durch die Fähigkeit, Argumente mit einem hohen Maß an Verstehbarkeit auszustatten, und außerdem durch die Bereitschaft, Positionen begründeter Einwände wegen zu revidieren“. Um die Halbwertzeit von Tugendhats Fähigkeit, „Argumente mit einem hohen Maß an Verstehbarkeit auszustatten“, muss man sich in Anbetracht solcher Interviews gewiss keine Sorgen machen. Die Bereitschaft des Belobigten, seine „Positionen begründeter Einwände wegen zu revidieren“, steht hingegen auf dem Prüfstand.

* Bei Statler & Waldorf finden sich lesenswerte Gedanken zu diesem Ideologem, seinen Voraussetzungen und Folgen.

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