Ich liebe, also bin ich

Ein Gespräch mit Nasrin Amirsedghi, in Mainz lebende Publizistin, Philologin, Orientalistin, Literatur- und Filmwissenschaftlerin sowie Mitinitiatorin des Manifests der 12 – der deutschen Übersetzung des zuvor in Frankreich und Dänemark publizierten Appells –, das seit kurzem von der Zeitschrift EMMA federführend verbreitet wird.

Lizas Welt: Anfang März traten zwölf europäische Autoren, Journalisten und Intellektuelle mit einem Manifest an die Öffentlichkeit, das den Titel „Gegen den neuen Totalitarismus“ trägt, sich gegen die globale Bedrohung durch den Islamismus wendet und vehement für Universalismus und Aufklärung plädiert. In Frankreich druckte die Zeitschrift Charlie Hebdo den Aufruf ab, in Dänemark Jyllands Posten. Hierzulande brachte zwar die Tageszeitung Die WELT den Appell, ansonsten aber wurde er zunächst nahezu vollständig verschwiegen – bis EMMA kürzlich die Sache in die Hand nahm. Was sind Ihrer Ansicht nach die Gründe für diese weit verbreitete Ignoranz?

Nasrin Amirsedghi: Vorab: Die Politik und die Politiker sind traditionell die Hampelmänner der Wirtschaft. Sie singen wie die Papageien in deren Chor. Dabei blockieren wirtschaftliche Interessen jede Möglichkeit, handelnd Konsequenzen zu ziehen. Die Medien tanzen dazu als die Affen im politischen Orchester. Und die Aggressivität der Ansprüche der islamistischen Fundamentalisten wird dabei als unverrückbares Gottesgesetz des Korans begründet. Auf allen Seiten geht es nur um den Erhalt der Macht: in Religion, Politik, Medien und Wirtschaft. Um diese Macht zu legitimieren, werden dabei zur Einschüchterung und Abschreckung Gefühle instrumentalisiert, was gegen jegliche Vernunft spricht. Der islam-fundamentalistische Aufschrei schreckt ab, schafft Angst und terrorisiert, und dem beugt sich das wirtschaftliche Interesse, um weiter Gewinne machen zu können – ein Teufelkreis. In dieser babylonischen Arena wickeln die Islamo-Barbaren die ganze Welt um den kleinen Finger. Alles in allem wird dieser Bullshit von den Medien begleitet, salonfähig gemacht und legitimiert. Die Hauptfrage ist aber: Wo bleibt der Verstand? Wo ist der Logos im platonischen Sinne? Die wenigen, die dies beantworten können, werden von den verblendeten Medien regelrecht ignoriert.

Wie war die bisherige Resonanz auf die EMMA-Initiative, und welche Möglichkeiten sehen Sie, das Manifest noch bekannter zu machen?

Ich bin realistisch: In diesem Medien-Dschungel gibt es nicht die eine Möglichkeit. Aber man kann fantasievoll darauf hinarbeiten, damit es doch noch eine Chance gibt. Wer macht mit? Wer hat Courage? Wie können die Kräfte gebündelt werden? Das haben Charlie Hebdo in Frankreich und EMMA in Deutschland getan. So wurde mit zwölf Entschlossenen dort und mit zwölf hier begonnen. Eine interessante Zahl – die „Märtyrer“ der Schiiten haben auch zwölf Imame! Seit Bekanntmachung der Aktion am 10. März 2006 haben sich bereits über 400 Menschen dem deutschen Manifest der 12 angeschlossen.

Was könnte der Appell in Deutschland und in Europa bewirken?

Die Stimmen der Aufklärung nicht nur in Deutschland und Europa, sondern in der ganzen Welt zu bündeln, damit deren Argumente auch auf den Straßen besser gehört werden. Es ist Zeit, ernsthaft etwas gegen die bedrohte Freiheit zu tun und die Kräfte zu einer „Leitkultur des Humanismus“ zu bündeln. Das Manifest ist eine Hoffnung – auf die Aufklärung und das Brechen des Schweigens. Wir wollen nicht die grausame Zeit vor Voltaire wieder erleben.

Sie selbst warnen schon seit Jahren vor der Gefahr, die vom Iran und dem politischen Islam ausgeht. Und Sie haben immer wieder die alte rotgrüne Bundesregierung scharf für deren Schmusekurs den Mullahs gegenüber kritisiert. Sie schlugen sogar vor, man solle Mahmoud Ahmadinedjad den Friedensnobelpreis verleihen, „um damit das Gewissen der Welt für die nächsten 200 Jahre zu beruhigen“. Wie meinten Sie das?

Das war in bitterer Ironie gesagt. Diejenigen, die ich kritisiere, haben die Werte ihrer eigenen europäischen Kultur nicht gelernt. Wenn sie schon seit geraumer Zeit die Mullahs im Iran unterstützen, dann verdient Ahmadinedjad wie Shirin Ebadi doch den Friedensnobelpreis…

Weiter schrieben Sie, an die Adresse von Grünen, Sozialdemokraten und anderen Linken gerichtet: „Hört auf, euch über die Lachfigur Ahmadinedjad oder die Mullahs im Iran zu empören. Sie machen doch nur das, was seit 25 Jahren von euch unterstützt wird.“ Welche Gründe gibt es für dieses Appeasement?

Hier gilt, was ich zu Beginn schon gesagt habe: Politiker sind die Hampelmänner der Wirtschaft. Betrachten wir insbesondere die neueren Geschehnisse in der Welt: den Wahlsieg der Hamas; das iranische Atomprogramm; den „Karikaturenstreit“; die islamo-barbarischen Drohungen – etwa gegen Ayaan Hirsi Ali oder Hans-Peter Raddatz – bis hin zur Ermordung von Kritikern – wie Theo van Gogh –, nicht nur in Europa, sondern auch in den arabischen Ländern; die Bombenattentate in den USA, Spanien oder London und vieles mehr. Sollte das nicht reichen?

Sehen Sie eine Kursänderung unter der neuen Bundesregierung, oder wird diese perspektivisch den Kurs des kritischen Dialogs mit den Islamisten fortsetzen?

Es gibt eine Änderung! Aber ich nenne sie eine Schein-Kursänderung, der keine mutigen Taten folgen. Denn wir erleben immer noch die Nahost-„Experten“ wie Bahman Nirumand oder Katajun Amirpur in bullshitivistischen Talkshows wie Christiansen oder dem Presseclub.

Welche Rolle – sowohl für die Politik als auch für die Medien und die Öffentlichkeit – spielen diese Islam- und Nahost-„Experten“, die Sie genannt haben?

Deren Rolle besteht darin, als Sprachrohr der Politik falsche Tatsachen zu verbreiten. Dadurch wird eine Art Placebowirkung erzielt. Diese Leute haben die Rolle der Urheber des Terrorismus verkannt. In Anbetracht der fatalen Folgen der iranischen Revolution im Jahr 1979 und angesichts des Zusammenhangs mit den jüngsten Ereignissen auf dieser Welt sollte man schon erkennen, dass solche Nahost-„Experten“ fehl am Platz sind.

Sie gehen nicht nur mit der deutschen und europäischen Appeasement-Politik scharf ins Gericht, sondern kritisieren auch vehement den Kulturrelativismus, der in Menschen nichtdeutscher Herkunft gewissermaßen „edle Wilde“ sieht, die auf ihre Rollen, Sitten und Gebräuche festgelegt sind und die gleichzeitig für ihre vermeintliche „Naturwüchsigkeit“ bewundert und als Fremde gefürchtet werden. Woher kommt das Bedürfnis vieler Deutscher, noch die scheußlichsten Verbrechen des Islam als Teil einer „Kultur“ zu betrachten, als Folklore sozusagen, die man nicht kritisieren dürfe, weil man sonst einen eurozentrischen Blickwinkel einnehme?

Weil es so bequemer ist! Es muss alles wissenschaftlich begründet werden. Und der Kulturrelativismus ist so eine Theorie, die im Dienst der Politik stehen kann. Wie ich schon sagte, bedient die Politik die Wirtschaft. Das muss auch „wissenschaftlich“ abgesichert sein. So kommen „interkulturelle Forscher“ mit ihren Gutachten ins Spiel. Also betreten wir wieder den Teufelkreis, von dem ich zu Beginn gesprochen habe. Schließlich kann man jeden Nonsens verwissenschaftlichen: So leugnet etwa das Mullah-Regime die Judenvernichtung ganz „wissenschaftlich“, und auch das NS-Regime hatte eine „wissenschaftliche“ Rassentheorie.

Was ist die Alternative zu Appeasement und Kulturrelativismus? Welche Schritte sollten konkret unternommen werden, um der Aufklärung zur Durchsetzung zu verhelfen und den irrationalen Wahn zurückzudrängen?

Nur Bildung! Bildung zur mündigen Menschwerdung. Ich zitiere Gernot Böhme, Professor für Philosophie an der TU Darmstadt: „Eine moralische Frage ist jemandes Frage in dem radikalen Sinne, dass er sie sich nicht nur stellt und sie erwägt, sondern dass er mit dieser Frage selbst in Frage steht. Und: Eine moralische Frage ist eine solche, mit der sich entscheidet, in welcher Gesellschaft wir leben.“* Dieses Buch empfehle ich dringend allen, die in Politik, Wirtschaft und Bildung die katastrophalen Entscheidungen treffen.

Was sind Ihre nächsten Projekte und Vorhaben?

Da ich das Leben aus dem Blickwinkel der Ästhetik betrachte, benutze ich die Sprache der Künste, und zwar interdisziplinär. In Kürze starte ich „Die sieben Dimensionen“, ein interkulturelles ästhetisches Mammut-Pilotprojekt mit 420 Jugendlichen zwischen 17 und 20 Jahren und 168 immigrierten Künstlerinnen und Künstlern. Dieses Projekt wird von einem Team aus sieben hoch qualifizieren internationalen Künstlerinnen und Künstlern geleitet. An Mainzer Schulen verschiedenen Typus’ findet nachmittags in Workshops eine kreative Auseinandersetzung mit den kulturellen Hintergründen von acht in Deutschland vertretenen immigrierten Gruppen statt, um die Chancen interkulturellen Lernens und die Potenzen von Kunst und Kultur für die Integration und die Selbstvergewisserung zu nutzen. Auf den Feldern der bildenden Kunst, des Films, der Literatur, der Musik, des Theaters, des Tanzes sowie der Medien und mit den Erfahrungen und der Kulturpraxis aus acht Herkunftsnationen (Arabien, Indien, Iran, Italien, Griechenland, Russland, Spanien und Türkei) sucht das Pilotprojekt neue, künstlerische Kommunikationsformen und Möglichkeiten der Verständigung. Der Wandel eines scheinbar sicher geglaubten kulturellen Selbstverständnisses, bei Deutschen wie bei Migranten, soll in Offenheit und praktischem Umgang erfahren und die Leitkultur der Migrantenkreise aus den Klischees der „Kitsch- und Fresskultur“ erlöst werden.

Wer und was gibt Ihnen die Kraft, trotz aller Widerstände immer weiterzumachen und zu kämpfen?

Der tief verwurzelte Glaube an den Humanismus und die Aufklärung, das heißt an die Ästhetik des Humanismus. Sie gibt mir die Kraft, um die Wut, die Angst und die Trauer zu besiegen, um weitermachen zu können. Das alles aus Liebe zum Universum. Ich liebe, also bin ich.

* Gernot Böhme: Ethik im Kontext. Über den Umgang mit ernsten Fragen, Frankfurt/M. 1997

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