Abrechnung unter Schurken

Früher war alles besser. Diesen Satz hat man seinen Eltern stets um die Ohren gehauen, alleine schon aus purer jugendlicher Idiosynkrasie gegen solcherlei verschrobene Verklärung vergangener Zeiten, aber vielleicht auch deshalb, weil man spürte, dass diese Sentenz eigentlich bloß ein Synonym für das aus Opportunitätsgründen mühsam unterdrückte Wenn das der Führer gewusst hätte! war. Für sich progressiv gerierende Menschen, Linke gar, kam eine solche Phraseologie jedenfalls unter keinen Umständen in Frage. Zumindest bis 1989 nicht.

Seitdem ist ganz gewiss nicht alles besser, auf jeden Fall aber alles anders. Ein paar Existenzen, die verkracht zu nennen das Problem unzulässiger Weise auf die psychologische Ebene verschöbe, weigern sich jedoch, das wenigstens zur Kenntnis zu nehmen, geschweige denn adäquate Konsequenzen daraus zu ziehen, was allemal zu bedeuten hätte, die letzten Inseln der Vernunft – namentlich Israel und die USA – gegen das Meer voller Un- respektive Wahnsinn zu schützen. Doch da ist der Antiimperialismus vor, dem man noch nicht einmal nachsagen kann, dass er auch nicht mehr das ist, was er einmal war, weil sein Da-Sein mit seinem So-Sein aller Wahrscheinlichkeit nach schon immer in eins fiel. Das, was von der Linken übrig geblieben ist, hat sich dieser Wahrheit zum Trotz in die Fluten gestürzt und bläst nun zur Attacke auf die schwimmenden Refugien der Aufklärung. Wo das Ressentiment die Erkenntnis blockiert, mutiert jetzt die Volkswiderstandszelle Umma zum neuen Bezugspunkt des eigenen Denkens und Wirkens. Schlimmer kann man nicht auf den Hund kommen.

In dessen Zwinger sitzen unter anderem zwei Zeitungen, die die DDR überstanden haben und die Tageslosungen der konformistischen Rebellion tagtäglich schriftlich niederlegen: das Parteiblatt Neues Deutschland (Selbsteinschätzung: „Die Linke unter den Großen“) – trotz aller Modernisierungsversuche und Verschlimmbesserungen letztlich das stinklangweilige Produkt für den störrischen Alt-Ossi geblieben, das es immer schon war – und die junge Welt, die nach der Demission der heutigen Jungle World-Fraktion 1997 – 50 Jahre nach ihrer Gründung als FDJ-Organ* – wieder ungeschminkt an ihre Tradition anknüpfen und dabei auf einen nicht unbeträchtlichen Teil der Westlinken zurückgreifen konnte. Einige ganz wenige davon kann man sich zumindest gelegentlich antun, wie Klaus Bittermann und Wiglaf Droste. Der Rest der Schreiber aber besteht durchweg aus völlig vernagelten Antiimps, zu deren Vorreitern solche sympathischen Menschen wie Werner Pirker, Rainer Rupp aka Topas (Foto) und Rüdiger Göbel gehören.

Man muss das Wirken des nationalbolschewistischen Kampfblatts nicht in epischer Breite beschreiben, und man muss seinen Stellenwert auch nicht überschätzen. Man sollte trotzdem wissen, dass die junge Welt den Hauptfeind über dem großen Teich verortet und dass der kleine Satan namens Israel für sie ein giftiger Stachel im Fleisch des arabischen Volkskörpers ist, den zu ziehen man alle Kraft aufwendet. Davon ausgehend, ergeben sich dann die nötigen Allianzen mit palästinensischen suicide bombers, irakischen Terroristen und anderen Islamisten. Da die Front aber immer wieder bröckelt, zieht man diese Linie besonders stramm durch und versetzt vermeintliche oder tatsächliche Dissidenten in Bann und Acht, auch dann, wenn diese eigentlich bloß konstruktive Vorschläge zur Rettung abstoßender Ideologien – wie sie der Antizionismus und der Antiimperialismus sind – machen, das gemeinsame Ziel also gar nicht in Frage stellen.

Gelegentlich mucken trotzdem mal Autoren der Zeitung auf, weil ihnen ein paar Dinge zu weit gehen und sie die linkstypischen Bauchschmerzen mit der einen oder anderen Dissonanz in ihrem bewegungsumspannenden Konzert haben. Der Schandl Franz etwa scheiterte Ende letzten Jahres mit einem Artikel, den er mit „In Ahmadi-Nejad hat George Bush einen kongenialen Partner gefunden“ (!) überschrieben und so begonnen hatte:

„Konnte man bisher Georg Bush ‚getrost’ auf Platz eins der gefährlichsten Männer der Welt setzen, so möchte ihm nun einer seiner Kontrahenten den Rang ablaufen: der iranische Staatspräsident Ahmadi-Nejad. Der Präsidentenmullah will aufräumen, vor allem mit den Juden, die er nach Europa vertreiben, und dem Staat Israel, den er vernichten möchte. Da braucht nichts mehr dechiffriert zu werden, der antisemitische Gehalt ist offensichtlich. Diese Drohungen sind nebenbei auch ein schwerer Anschlag auf alle kritischen Bemühungen, der US-Bombenpolitik und dem westlichen Interventionismus offensiv entgegen zu treten.“

Bush von Ahmadinedjad verdrängt? Der antisemitische Gehalt offensichtlich? Solche Töne hört man von einem Mitarbeiter der jungen Welt nicht alle Tage – und deshalb kam auch gleich das Pflaster auf den Mund. Im Grunde unverständlich, denn dieser – ohnehin bloß leidenschaftslos bekrittelte – Antisemitismus ist weder für Schandl noch für Schölzels Erzeugnis ein Problem wegen seiner prospektiven Opfer; er schadet in diesem Verständnis nicht Juden (oder denen, die man dafür hält), sondern „alle[n] kritischen Bemühungen, der US-Bombenpolitik und dem westlichen Interventionismus offensiv entgegen zu treten.“ Früher, als noch alles besser war, hätte es geheißen: Der Antisemitismus spaltet die Arbeiterklasse und richtet sich also insgeheim gegen das Proletariat, um die Revolution zu verhindern. Weniger falsch ist dieser Unfug nicht gerade geworden, aber zu dieser Einsicht gelangte weder die Zeitung noch ihr Autor. Die Nichtveröffentlichung des Textes war deshalb das Ergebnis einer Abrechnung unter Schurken und kein Austragen von existenziellen Differenzen – auch wenn Schandl es an der einen oder anderen Stelle dämmert, dass sein Auftraggeber eine gepflegte Vollmeise hat.

Seit gestern nun ist auf der Website der Zeitschrift Streifzüge – in der sich neben den marginalisierten, aber umso lesenswerteren Aufsätzen Moishe Postones vor allem Schandls Elaborate finden und neben diesen die Unerträglichkeiten eines Bernhard Schmid – ein „Offener Brief an die junge Welt und ihre Leserschaft“ zu finden (auch wenn dessen Verfasser ihn in der Aufregung um ein ganzes Jahr zurückdatiert haben), der von sieben jW-Autoren unterschrieben ist und dessen Abdruck die junge Welt bisher verweigert hat. Das lohnt schon mal einen genaueren Blick, denn man möge die Hoffnung ja nicht fallen lassen, dass da wirklich welche, von denen man das eigentlich nicht erwartet hätte, ihr Hirn mal kreisen lassen haben. Zu Beginn folgt einer kurze Vorstellung:

„Wir sind AutorInnen der jungen Welt. Wir kommen aus unterschiedlichen Spektren der Linken und vertreten in manchen Fragen divergierende Standpunkte. Dennoch haben wir uns entschlossen, diese kurze gemeinsame Intervention zu verfassen.“

Das klingt wild entschlossen und nach einem breiten Bündnis über alle Hürden hinweg. Eigentlich ist man ja gegen Interventionismus, wie wir vom Schandl wissen, aber nun ist Schluss mit lustig:

„Die Blattlinie der jungen Welt folgt an vielen Punkten einer antiimperialistischen Hauptfeind USA-und-Israel-Linie.“

Eine wirklich brandneue und Bahn brechende Erkenntnis. Als ob das nach 1997 je anders gewesen wäre. Und damit nicht genug:

„In letzter Zeit ergehen sich Kommentatoren der jW in einer unerträglichen Verniedlichung des offen antisemitischen Staatschefs des Iran, was nicht selten wie eine Legitimation dessen Politik wirkt.“

Sie schreiben tatsächlich „in letzter Zeit“, als ob Pirker & Co. nicht schon immer Antisemiten verniedlicht hätten, sondern das erst jetzt, durch Ahmadinedjad, ein Problem geworden wäre. Und sie zittern zwar vor Kühnheit, trauen sich aber nicht so recht: Die „Verniedlichung des offen antisemitischen Staatschefs des Iran“ ist gar keine Legitimation von dessen antisemitischen Vernichtungsdrohungen, sondern sie wirkt bloß so – süß, nicht? Die Briefschreiber nehmen immer noch an, da handelten junge Welt-Redakteure wider besseres Wissen, seien im Grunde also aufrichtige Kämpfer für die gemeinsame Sache. Den Pirker – Autor auch bei der Zeitschrift Intifada und den völkischen Islamistenfreunden von der AIK – haben sie zwar so halb exkommuniziert, aber auch das nur, weil er dem eigentlichen Ziel mit seiner trampeligen Art mehr schadet als nützt. Außerdem kann man die nur vermeintlich kleineren Schweinereien besser vernachlässigen, wenn man die größte Sau werbewirksam durchs Dorf treibt:

„So kommt Werner Pirker zu Ahmadi-Nejads Holocaust-Leugnereien auf den Einfall, dass dieser möglicherweise ‚wenig Ahnung von europäischer Geschichte zu haben’ scheine (jW vom 16.12.05), und findet, dass dessen Anti-Israel-Tiraden in irgendeiner Form eine Spielart von legitimem Antizionismus sei (jW vom 29.10.05)**.

Mehr kommt nicht, auch nicht zum Pirkerwerner. Nichts von seiner Vorliebe für die Hamas (dass sie „das Existenzrecht Israels bis heute nicht anerkannt hat, liegt vor allem daran, dass die Israelis den Palästinensern ihre elementarsten Rechte immer noch vorenthalten“ – eine legitime Reaktion also und keine exterminatorische antisemitische Sehnsucht), nichts von der Zuneigung zur Hisbollah („eine Miliz, die maßgeblich zum Abzug der Israelis aus dem Libanon beigetragen hatte“ – Ausgabe vom 11. März 2005, nicht online abrufbar), keine Beispiele für Pirkers obsessiven Israelhass (das sei hier an drei Exempeln stellvertretend für unzählige weitere nachgeholt: Die Politik Israels gegenüber den Palästinensern zeichnet sich in seiner Welt aus durch „rechtsradikale Lösungsvorschläge, die auf eine – euphemistisch ‚Transfer’ genannte – Vertreibung hinauslaufen oder sich in einem rassistischen Vernichtungswahn äußern“jW vom 23. März 2004, nicht online –; der Staat Israel sei „auf Terror gegründet“ und habe „den Palästinensern stets Terroristen als Verhandlungspartner“ geschickt – 27. Januar 2006, am Shoa-Gedenktag demnach übrigens, ganz sicher nicht zufällig –; die Rache folge jedoch mit Gewissheit und unbarmherzig: „Da die Palästinenser nicht über die Fähigkeiten zur Enthauptung der israelischen Führung verfügen, werden es wieder einfache Israelis sein, die den Blutzoll für die Scharon-Politik zu entrichten haben.“ – 23. März 2004, nicht online). Stattdessen die uralte Mär vom ehrbaren (Jean Améry), weil legitimen, und dem bösen Antizionismus, als ob dieser schlecht bemäntelte Antisemitismus seine Herkunft je geleugnet hätte. Und auch dies:

„Wir fragen uns, wie man in Zukunft ähnlichen ‚Überlegungen’ von Neonazis argumentativ entgegen treten will. Diese Relativierung der deutschen Massenmordgeschichte und Ignoranz gegenüber Antisemitismus verbieten sich für eine linke Zeitung von selbst, ganz abgesehen davon, dass dieses Regime jede fortschrittliche linke Opposition mörderisch unterdrückt.“

Pirker schwächt die Kampfmoral, das ist das Problem der mutigen Sieben. Man mag ihn nicht Nazi nennen, auch wenn er definitiv einer ist, und flüchtet sich dafür in ein Gejammer darüber, dass die Faschos einem die Themen wegnähmen. Und man klagt – wie schon Schandl zuvor – über den entstandenen Imageschaden und die Konsequenzen für solidaritätsfähigere Opfer, als die vorrangigen Angriffsziele der Islamisten es für Leute wie Hanloser, Schandl und den altautonomen Geronimo Mohr sind. Ergo:

„Wir sind mit dieser inhaltlichen Ausrichtung, die sich in einer derart vereinfachenden Position ausdrückt, wonach der Feind-meines-Feindes-irgendwie-auch-mein-Freund-sei, nicht einverstanden.“

Klingt irgendwie mehr nach beleidigter Leberwurst als nach Kritik, nicht? Jemandem Vereinfachung vorzuwerfen, impliziert die Annahme, da sei noch irgendwas zu retten – was jedoch bestenfalls schon länger verloren ist, ziemlich sicher aber nie vorhanden war. Und wenn man genau hinschaut, bleibt die junge Welt auch gar nicht bei einer Negativsolidarität stehen, wie ihre enttäuschten Liebhaber meinen, sondern hat sich durchaus offensiv zum Sprachrohr des Islamismus in der Linken gemausert. Gleichwie – es geht eh’ um etwas ganz anderes:

„Ebenso entschieden wie wir den Kriegsplänen gegen den Iran entgegentreten, lehnen wir ein Kleinschreiben eines virulenten und aggressiven Antisemitismus ab.“

Das, was da als Äquidistanz rüberkommen soll, liefert Israel den Feinden der Vernunft, den antisemitischen Gotteskriegern aus. Und es ist Ausdruck eines Appeasements, dessen Legitimität die vermeintlichen Kritiker – genau wie ihr Hausblatt – gar nicht in Frage stellen; gestritten wird nur über die konkrete Ausgestaltung des Schmusekurses. Nicht bloß hier zeigt sich eindrucksvoll, wie wenig ernst gemeint die ganzen antifaschistischen Floskeln à la „Relativierung der deutschen Massenmordgeschichte und Ignoranz gegenüber Antisemitismus“ letztlich sind. Sie kommen vielmehr als taktisches Manöver daher, mit dem die Legitimation für den tatsächlichen Zweck der Übung besorgt werden soll.

Weitergehende Konsequenzen werden in dem Offenen Brief nicht angekündigt. Warum auch? Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Es ist aufeinander angewiesen.

* Leser Jörg Drieselmann weist zu Recht darauf hin, dass es die junge Welt bereits vor 1945 gab – damals war sie die Zeitung der Hitlerjugend, und ihr Hauptschriftleiter hieß Herbert Reinecker. Zwei Jahre nach Kriegsende folgte dann der Relaunch – durch die FDJ eben, wobei deren Bestrebungen, ehemalige HJ-Kader einzubinden, eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben. Antiimperialistisch war das Blatt zu all seinen Zeiten.
** Der Originalbeitrag auf der Website der
jungen Welt ist nur gegen Bezahlung abrufbar, aber es findet sich eine exakte Kopie bei iraq-news.de

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