Mofitti

Das hat er jetzt davon, der Hinnerk Fock, Bezirksbürgermeister von Hamburg-Altona: Wollte keine dänische Fahne auf seinem Rathaus hissen, weil er fand, das heize den Tatendrang beleidigter Muslime nur noch zusätzlich an, und bekam dafür die Quittung in Form von zu Danebrogs verschönerten Verkehrszeichen, Abfalleimern und was sein Stadtteil sonst noch an roten Schildern und Gebrauchsgegenständen zu bieten hatte. Die Fotografin Bianca Ludewig hat nun in der Hansestadt weitere Schätze dokumentarisch festgehalten; namentlich die mit Hilfe einer Schablone angefertigten Propheten-Sprühporträts, die hiermit in Anlehnung an die Mocons fürderhin Mofitti genannt seien, dürften dabei bleibenden Wert haben (wenngleich es sich beim Islamismus wohl eher um eine als moderne Antimoderne zu charakterisierende Vergesellschaftungsform handelt denn um einen Rückfall ins Mittelalter, wie der Willkommensgruß unter dem Konterfei Mohammeds suggeriert). Was wohl die linke Kiezmiliz des Schanzenviertels dazu sagt, dass sich islamkritische Menschen in ihrem Stadtteil umgetan und sich dabei auch noch ihrer künstlerischen Mittel bedient haben? „Rassismus!“ vermutlich. Das zieht immer.

Vielleicht besorgt sie sich aber auch eines der Plakate, die am Altonaer Fischereihafen gesichtet wurden (Foto rechts) – ob dieses Kunstwerk unter Christen jedoch tatsächlich für den gewünschten Verdruss sorgt und ob dieser dann auch nur annähernd so geharnischte (Hafen-) Klänge produziert wie die Veröffentlichung des dänischen Originals, wird man wohl bezweifeln dürfen. Möglicherweise sollte dessen Verfremdung hin zu der Inbildsetzung einer abendländischen Figur, die im Rheinland als Lattenjupp bespöttelt wird und in südlicheren Gefilden als Brettlsepp, aber auch nur demonstrieren, dass das Gelächter über das Allerheiligste ein befreiendes sein kann und der Heiland so ausnahmsweise mal ein Vorbild ist, das seinen Namen auch verdient.

Unterdessen ziehen andere alle möglichen Register, um derlei schöpferisches Wirken unter jede nur denkbare Strafe zu stellen respektive stellen zu lassen. Die Union of European Turkish Democrats (UETD) etwa hat die verantwortlichen Redakteure der Tageszeitung Die Welt bei der Staatsanwaltschaft Köln wegen „Volksverhetzung“ und „Beschimpfung von Religionsgesellschaften“ angezeigt – und zwar deshalb:

„Nach Ansicht der UETD hat sich die Redaktion der Tageszeitung trotz der bereits aufgetretenen Unruhen in der islamischen Welt nicht davon abhalten lassen, alle zwölf Karikaturen der dänischen Zeitung ‚Jyllands-Posten’ in ihrer Ausgabe am 1. Februar 2006 sowie Teile davon auf ihrer Internetseite […] zu veröffentlichen.“

Da marodiert und brandschatzt der Mob zornesrot durch die Welt, und dann wagt es ein Blatt gleichen Namens doch tatsächlich, ihm die Stirn zu bieten, das heißt zunächst einmal gar nicht mehr zu tun, als zu dokumentieren, wie ganz und gar winzig eigentlich der Stein des Anstoßes ist. Integrativ, wie die UETD sich gibt, stürmt sie aber nicht gleich die Springer-Zentrale, sondern übergibt ihr Ansinnen der zuständigen Verfolgungsbehörde. Vor allem einen hat sie dabei auf dem Kieker:

„Zudem hat der Chefredakteur der ‚Welt’ Roger Köppel in seinen Kommentaren den Propheten Mohammed als ‚frühmittelalterlichen Räuberfürsten’ tituliert. Damit hat Köppel die muslimische Glaubensgesellschaft in Deutschland provoziert und den öffentlichen Frieden leichtfertig aufs Spiel gesetzt.“

Ein frühmittelalterlicher Räuberfürst wird ein frühmittelalterlicher Räuberfürst genannt, schon hängt der Haussegen schief respektive der öffentliche Frieden am seidenen Faden. Gut daher, dass es türkische Demokraten gibt, die wissen, dass „die unter dem Deckmantel der ‚Pressefreiheit’ angezettelte Diskussion […] damit denen in die Hände“ spielte, „die unter dem Deckmantel des ‚Islam’ die freien und offenen Gesellschaften terrorisieren.“ Die Logik ist bestechend, nicht? Eine Tageszeitung nimmt ihren Auftrag wahr und dazu selbstverständliche Freiheiten in Anspruch, bringt damit aber gleichzeitig diese Freiheit in Gefahr, weil diejenigen, die sie lieber heute als morgen abschaffen würden, dadurch auf die Palme gehen, was wiederum nicht die Verteidigung der Freiheit erforderlich macht, sondern vielmehr die vermeintliche Beschwichtigung der Aufgebrachten durch Stillhalten – immer im Namen der „freien und offenen Gesellschaften“, denn:

„Es kann […] nicht Sinn einer freien Presse sein, durch Provokationen dieser Art fast 3 Millionen Muslime in Deutschland in ihrem religiösen Empfinden zu beleidigen.“

Zu denen dann wiederum – die Umma ist schließlich unteilbar – auch die UETD und ihr Abdullah Emili gehören, der sich Generalsekretär nennen lässt und von dem dieser Unsinn stammt. Die Botschaft ist eindeutig und lautet: An der Randale ist der Westen schuld. Daher ist sie prinzipiell berechtigt; wir selbst geben uns aber moderat und weltoffen:

„Nur der Besonnenheit vor allem der türkischen Gemeinde in Deutschland ist es zu verdanken, dass der Streit um die Karikaturen in diesem Lande nicht eskaliert ist.“

Aha. „Besonnenheit“ heißt in diesem Zusammenhang ja, dass auch sie Anlass zur Aufregung gesehen haben – grundsätzlich also auch ganz anders gekonnt hätten –, aber souverän genug waren, ihr Fußvolk beizeiten zurückzupfeifen. Dass ein paar harmlose Cartoons definitiv kein Grund sind, um Botschaften in Schutt und Asche zu legen und anderen Unsinn zu veranstalten, wird nicht mal ansatzweise in Betracht gezogen. Zugleich gibt die Vereinigung die Wahrerin der Demokratie:

„Die UETD betont ausdrücklich, dass diese Maßnahme keinen Angriff auf die grundgesetzlich garantierte Pressefreiheit darstellt.“

Natürlich nicht. Sie ist bloß eine „friedliche Protestmöglichkeit“, wie man erfährt. Ein bisschen seltsam ist da der Zeitpunkt des Gangs zur Staatsanwaltschaft – jetzt, wo gar nicht mehr so viel über die Karikaturen gesprochen wird. Das Erste klärt auf:

„Auf Anfrage von tagesschau.de sagte ein UETD-Sprecher, man habe die Anzeige erst jetzt gestellt, damit sich erst die Wogen glätten konnten. In der türkischen Community habe es nach der Veröffentlichung der Karikaturen gebrodelt, es sei schwierig gewesen, die Menschen zu beruhigen.“

So, so. Wenn man überlegt, welche Kleinigkeiten offenbar schon genügen, um die Gotteskrieger auf Hundertachtzig zu bringen, kann man wohl davon ausgehen, dass die ganze Debatte durch die medienwirksame Inszenierung einer Klage eher am Köcheln gehalten denn beendet werden soll. Das ist Bauernschläue, weiter nichts. Da der Presserat schon bedeutet hat, keine Einwände grundsätzlicher Art gegen den Abdruck der Karikaturen zu haben, ist es jedoch denkbar, dass ein Gericht sich dieser Ansicht anschließt – wie das auch in Dänemark gerade geschehen ist, wo die Justiz Klagen gegen Jyllands Posten ablehnte.

Die Position der UETD ist übrigens nicht untypisch für das, was hierzulande gerne als moderater Islam gehandelt wird, den man gegen den fanatischen in Anschlag bringt. So furchtbar groß sind die Differenzen zwischen diesen beiden Strömungen aber gar nicht; moderater ist bei den einen allenfalls der Ton, während man sich in nicht unwichtigen Grundsätzen durchaus einig weiß. Manchmal mutet das eine wie der legale Flügel des anderen an.

Alternativen sehen anders aus. Und das darf man dann auch schon mal auf eine Wand sprühen.

Hattip: Aram Ockert

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