Kanzler(be)dämmerung?

Hätte man – aus welchen Gründen auch immer – in diesen Tagen ein Porträt über ihn zu schreiben, hübe man vielleicht mit den Worten an: „In letzter Zeit ist es still um ihn geworden.“ Oder man verwürfe dies Vorhaben und früge stattdessen nostalgisch „Was macht eigentlich…?“ in der Rubrik Aus aller Welt oder Vermischtes. Allzu viel Bahnbrechendes hätte man gleichwohl vermutlich nicht zu schreiben über Altkanzler Helmut Kohl. Es sei denn, man läse die Iran Focus News, einen regimekritischen Nachrichtendienst, der das Prädikat seriös in aller Regel verdient und nicht selten zu den Ersten gehört, die ernsthafte Neuigkeiten aus dem Iran, Irak oder Nahen Osten vermelden können. Und heute fand sich dort dieses:

„Die halboffizielle Jomhouri Islami berichtete am Montag, der frühere deutsche Kanzler Helmut Kohl habe angeblich zu iranischen Geschäftsleuten in Deutschland gesagt, er pflichte Äußerungen des iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinedjad bei, nach denen der Holocaust ein ‚Mythos’ gewesen sei. Die der Regierung gehörende Tageszeitung schrieb, Kohl haben bei einem Gala-Dinner mit iranischen Hotelbesitzern und Unternehmern gesagt, er stimme Ahmadinedjads Bemerkungen über den Holocaust ‚von Herzen’ zu. […] ‚Jahrelang wollten wir das sagen, aber wir hatten nicht den Mut, es auszusprechen.’“

Mag sein, dass das nur eine Presseente ist, Folge des Wunsches der Mullahs und ihrer Verlautbarungsorgane wie Jomhouri Islami nach prominenten Bündnispartnern zwecks Legitimation ihres Vernichtungswahns. Dafür spricht, dass Kohl nie ein Holocaust-Leugner war. Im Unterschied zu Rot-Grün – das die Vergangenheitsbewältigung™ zum Exportschlager und Standortvorteil gemacht und das Land offensiv für geläutert erklärt hat, um mit diesem Geschichtsverständnis eine aggressive antiamerikanische und trotz aller Treueschwüre auch antiisraelische Politik zu treiben – folgten die unionsgeführten Bundesregierungen unter dem Pfälzer zwar noch der Linie einer teilweise offenen Geschichtsrelativierung. Doch auch sie zogen nicht ernsthaft in Zweifel, dass es die Shoa gegeben hatte.

Gleichwohl geriet Kohl immer wieder in die Kritik, wenn er in seiner bisweilen recht bräsigen Art durch die Weltgeschichte polterte und Duftmarken zu setzen versuchte. Als Beispiele seien hier etwa sein Auftritt vor der israelischen Knesset 1984 und sein dortiges Gerede von der „Gnade der späten Geburt“ sowie sein Besuch des SS-Friedhofes in Bitburg 1985 (Foto rechts), gemeinsam mit dem US-Präsidenten Ronald Reagan (der dafür nicht genug gescholten werden kann), genannt. Hinzu kamen gute Verbindungen seiner Partei und der Bundesregierung zu Regimes wie Chile unter Pinochet oder zum Südafrika der Apartheid und die lange und beharrliche Weigerung, die Resultate des Zweiten Weltkriegs tatsächlich anzuerkennen, wie beispielsweise die Oder-Neiße-Grenze. Auch ein überzeugter Freund Israels war Kohl nie – die Staatsräson gebot es, den Bogen in dieser Hinsicht nicht zu überspannen, aber alleine die Existenz des jüdischen Staates war für ihn ein Hindernis auf dem Weg zur angestrebten deutschen Normalität™.

Nicht vergessen werden sollte auch, dass der kritische Dialog mit den Islamisten, insbesondere im Iran, nicht von Rot-Grün erfunden wurde, sondern von Kohls Außenminister Klaus Kinkel, was auch damals schon katastrophale Folgen zeitigte. Die Schröder/Fischer-Regierung hat den Talk mit den Juden- und Amerikahassern dann jedoch ausgebaut, und das lag ganz auf der Linie ihres Gesamtkunstwerks: In dem Maße, wie Sozialdemokraten und Grüne sich als Sachwalter des anständigen Deutschland präsentierten – die schließlich jahrelang die Holocaust-Relativierung von Schwarz-Gelb kritisiert hätten und daher einen unbefangenen Umgang mit der Shoa postulieren dürften –, pflegten sie die Beziehungen mit den Feinden Israels und der USA umso mehr, je dringender es gewesen wäre, sich an die Seite der Bedrohten und Angegriffenen zu stellen. Und der erste richtige Kriegseinsatz seit 1945 – der Angriff auf Jugoslawien – wurde mit einer Begründung geführt, die man Kohl gewiss noch um die Ohren gehauen hätte: ein zweites Auschwitz zu verhindern. Nur störte das jetzt kaum noch jemanden; die Vorarbeit des Kanzlers der Einheit wurde geschickt integriert und mit der nötigen Glaubwürdigkeit versehen – antifaschistischer Antiimperialismus hieß das schon im Gefolge von 1968, aber jetzt wurde der ganze Spaß erst so richtig staatstragend.

Helmut Kohl ist nicht nur schon lange nicht mehr im Amt, er ist mehr oder minder vollständig entmachtet und darf dabei zusehen, wie sein ehemaliger Schützling Angela Merkel zumindest einige seiner gröbsten Verfehlungen zu korrigieren bemüht ist. Möglich daher, dass er auf seine alten Tage – er wird bald 76 – noch einmal richtig die Sau raus und sich gehen lässt, jetzt, wo Rücksichtnahme von ihm nicht mehr zwingend verlangt wird und man die Gelegenheit hat, das, was Kohl tut und sagt, notfalls seiner fortschreitenden Senilität zuzuschreiben.

Außer Iran Focus News hat, wie es aussieht, bisher niemand von dem Treffen des ehemaligen Kanzlers mit den iranischen Geschäftleuten berichtet. Zu erwarten wäre im Falle einer Nachforschung, ob die übermittelten Statements auf dem Gala-Dinner wirklich so gefallen sind, mutmaßlich ein Dementi. Aber vielleicht sollte diese Recherche dennoch angestellt werden, statt die Meldung einfach zu ignorieren.

Hattip: Rolf

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