Beim Barte des Propheten! (VII)

Von Schriftstellern und solchen, die sich dafür halten, würde man spontan erwarten, dass sie das freie Wort schätzen und sich etwaige Versuche, es einzuschränken, strengstens verbitten. Vielleicht bin ich da aber auch einfach zu unbedarft. Ein einstiger Literaturnobelpreisträger, nebenberuflich mäßig erfolgreicher Wahlkämpfer des deutschen Friedenskanzlers, hat mich jedenfalls eines Schlechteren belehrt: Günter Grass habe sich, so der Spiegel, „auf die Seite der Kritiker der Jyllands Posten“ gestellt:

„’Es war eine bewusste und geplante Provokation eines rechten dänischen Blattes‘, sagte der Schriftsteller in einem Interview mit der spanischen Zeitung ‚El País‘. Den Blattmachern sei bekannt gewesen, dass die Darstellung Allahs oder Mohammeds in der islamischen Welt verboten ist. ‚Sie haben aber weitergemacht, weil sie rechtsradikal und fremdenfeindlich sind.’“

Mal wieder selbst schuld also. Und außerdem: Wer sich den „Verboten der islamischen Welt“ nicht fügt, ist – na? Richtig! – ein Nazi. Findet zumindest der Grass. Der damit natürlich nicht dafür plädiert haben will, die Sharia einzuführen. Aber:

„Von den gewalttätigen Reaktionen zeigte sich der 78-jährige Autor wenig überrascht. Es sei die fundamentalistische Antwort auf eine fundamentalistische Aktion des Westens, angefangen von der Invasion in Irak, die gegen internationales Recht verstoßen habe.“

Alles Fundis außer Günne. Dem man für solche Obszönitäten gerne mal ganz fundamentalistisch in seinen Krebsgang treten möchte.

Update 10. Februar 2006

Als ob das Interview in El País nicht schon gereicht hätte, legt Grass in der WELT noch einmal nach:

„Ich empfehle wirklich allen, sich die Karikaturen einmal näher anzuschauen: Sie erinnern einen an die berühmte Zeitung der Nazi-Zeit, den ‚Stürmer‘. Dort wurden antisemitische Karikaturen desselben Stils veröffentlicht.“

Da haben wir’s wieder: Die Muslime sind die Juden von heute. Und nicht die widerwärtigen antisemitischen Schmierereien in arabischen Zeitungen gemahnen an das berüchtigte Nazihetzblatt, sondern die islamkritischen Cartoons in Jyllands Posten. Dass der Literaturnobelpreisträger an dem „Karikaturen-Wettbewerb über den Holocaust“ teilnehmen will, ist aber nur ein Gerücht. Bislang zumindest. Dabei könnte Grass durchaus so etwas wie Entwicklungshilfe leisten, denn:

„Die islamische Welt hat diesen Prozeß [der Aufklärung] nicht durchgemacht, sie befindet sich auf einer anderen Entwicklungsstufe. Und das muß man respektieren.“

Man munkelt, dass der Ahmadinedjad den Grass zum nächsten Parteitag einladen und ihn zum Paten des kämpferischen Mottos „Einholen, ohne zu überholen“ machen möchte. Mit dem Friedenskanzler ist ja schon alles besprochen.

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