Advocatus Grassi

Der arme Günter Grass! Nicht genug damit, dass die gleichgeschalteten deutschen Medien über ihn hergefallen sind – jetzt hat Israel, das der Dichterdenker doch zu seinen besten Freunden zählt, auch noch ein Einreiseverbot gegen ihn ausgesprochen. Dabei hat Grass sich in Wahrheit sogar um die Sicherheit des jüdischen Staates verdient gemacht.


VON STEFAN FRANK


Wenn man seine Gedanken schweifen lässt, kommen einem manchmal die komischsten Ideen. Wie wäre es, habe ich mich gefragt, wenn ich vor einem imaginären moralischen Gericht das absolut Böse zu verteidigen hätte? Ich wäre zum Rechtsbeistand von Günter Grass (also zum Advocatus Grassi) bestimmt worden, dem Lübecker Scheusal, das selbst so gern Richter spielt. Angeklagt ist er in diesem Prozess glücklicherweise nicht dafür, ein schlechter Schriftsteller zu sein (das würde die Sache der Verteidigung extrem schwierig machen, denn der Tatort ist mit Spuren übersät); die ihm zur Last gelegten Tatbestände lauten vielmehr: Lüge und Scheinheiligkeit in einem besonders schweren Fall, Geschichtsklitterung und Anstachelung zum Antisemitismus. Die Beweislast ist erdrückend. Jeder andere hätte abgelehnt, doch mich reizen die völlig aussichtslosen Fälle. Als Anwalt hat man dabei nichts zu verlieren, denn die Erwartungen sind sehr niedrig; geht es schlecht aus, gibt einem niemand die Schuld. Hat man jedoch einen Erfolg – und der kann schon in einer Strafe bestehen, die geringer ausfällt als befürchtet –, erntet man Bewunderung.

Soll ich darauf plädieren, dass Grass aufgrund einer Demenz unzurechnungsfähig ist, und zum Beweis das Fernsehinterview mit Tom Buhrow präsentieren? Das ist mir zu einfach. Ich verfolge einen anderen Plan. Meine Strategie besteht darin, dass ich – nachdem ich meinem Mandanten geraten habe zu schweigen, da er sich andernfalls nur noch mehr verstrickt – die Truppen von den Positionen abziehe, die unter keinen Umständen zu halten sind, um dann an einer Stelle anzugreifen, wo der Gegner es nicht erwartet. Um der Anklage den Wind aus den Segeln zu nehmen, würde ich gleich zu Beginn alles zugeben, was offensichtlich und unbestreitbar ist. Ich gebe zu, würde ich vielleicht sagen, dass der Begriffgrassierender Antisemitismus durch meinen Mandanten erst seine richtige Bedeutung bekommen hat. (Ich warte das Gelächter ab.) Seine Klischees über die Juden, die Weltkriege anzetteln, die Meinung zensieren und die Presse gleichschalten, stammen direkt aus den Protokollen der Weisen von Zion. Ich bestreite nicht, dass Grass, indem er Hass auf den jüdischen Staat schürt, diesem unermesslichen Schaden zugefügt hat. Jetzt, wo die Anklage glaubt, gewonnen zu haben, reite ich den kühnsten Angriff in der Geschichte der Juristerei: »Doch bitte, hohes Gericht, übersehen Sie nicht, dass er entgegen seinen Absichten auch etwas Gutes bewirkt hat, das strafmildernd bewertet werden muss. Grass ist die Kraft, die das Böse will und das Gute schafft.«

Habe ich das wirklich gesagt? Als Anwalt muss man lügen können. Im Gerichtssaal herrscht jetzt völlige Stille, niemand räuspert sich, keine Stühle werden gerückt. Alle warten darauf, wie ich den Blödsinn, den ich begonnen habe, zu einem guten Ende führen will. Ich bin mir selbst nicht sicher, ob das gelingen wird, doch mein Plan der Überrumpelung ist geglückt, mit so viel Dreistigkeit hatte niemand gerechnet. Wenn man auf aussichtslosem Posten steht und ausgerechnet Günter Grass verteidigen will, muss man dreist sein, mit konventionellen Mitteln geht es nicht. Ich fahre also fort: »Sie hören immer wieder von Gewalt im Nahen Osten, doch ich versichere Ihnen: Für nahöstliche Verhältnisse ist es geradezu ein idyllischer Frieden. Seit 1973 haben Israels Nachbarstaaten es nicht mehr gewagt, Israel anzugreifen. Warum? Weil sie nicht mehr die Hoffnung haben, Israel militärisch besiegen zu können. Das hat dem Frieden sehr genützt. Dazu haben nicht nur Israels militärische Fähigkeiten beigetragen, sondern auch der Glaube an Israels Atombombe. Niemand weiß, ob sie existiert, und es muss auch niemand wissen. Worauf es ankommt, ist, dass die potenziellen Angreifer nicht ausschließen können, dass die Gerüchte wahr sind.«

Und weiter: »Frieden herrscht, wenn Israels Feinde Angst haben. Je zuversichtlicher sie werden, desto bedrohlicher wird die Lage. Es ist darum für die Sicherheit Israels von eminenter Bedeutung, dass der Glaube an die israelische Atombombe erhalten bleibt. Würde eine internationale Kommission nach Israel reisen und feststellen, dass es gar keine Bombe gibt, wäre Israels Überleben aufs höchste gefährdet. Es könnte dann vielleicht sagen, die Bomben seien gerade auf U-Booten unterwegs oder Leihgabe für eine Sonderausstellung im Lübecker Günter-Grass-Haus. Aber was, wenn Israels Feinde das nicht glauben würden? Dann gäbe es bald wieder Krieg. Die Abschreckung wach zu halten, ist für Israel unverzichtbar. Das Charmante am Glauben an die israelische Atombombe ist, dass sie nicht nur eine Waffe ist, die wirksam ist, ohne eingesetzt werden zu müssen, und so den Krieg verhindert, sondern auch, dass sie höchst selektiv wirkt, nur bei den wirklichen Feinden. Denn man muss zwar kein Antisemit sein, umzu glauben, dass Israel Atombomben besitzt, doch nur Hardcore-Antisemiten sind verrückt genug zu denken, dass die israelische Regierung einen ›atomaren Erstschlag‹ in Erwägung zieht. Davor fürchten sich die, die sich fürchten sollen, die Antisemiten, und das ist gut so. Günter Grass hat der für Israel so wichtigen Sache der Abschreckung gedient. Wenn in Zukunft wieder ein syrischer oder ägyptischer Diktator zur Vernichtung Israels rüstet, dann muss die israelische Armee vielleicht gar nicht mobil machen. Vielleicht reicht es aus, wenn sie den Grass-Text nach Kairo und Damaskus schickt, mit den Worten: ›Da seht ihr, was passiert.‹ Günter Grass ist also Israels Geheimwaffe.«

Ich bin fertig, das ist alles, was ich in meinem Plädoyer zu sagen habe. Ob es etwas nützt, weiß ich nicht. Aber die Zuschauer habe ich beeindruckt. An ihren Mienen kann ich ablesen: So hatten sie das noch nicht betrachtet.

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