Paranoia mit Parallelen

Zurzeit wird viel darüber räsoniert und spekuliert, was (und wer) Anders Breivik dazu getrieben haben könnte, erst eine Bombe zu zünden und dann mit stoischer Ruhe einen Massenmord an Minderjährigen zu verüben. Ist er ein isolierter Psychopath mit Allmachtsfantasien? Oder muss man ihn vielmehr als terroristische Speerspitze einer größeren, bedrohlichen Bewegung wider den Islam und den „Multikulturalismus“ betrachten? Vor allem der letztgenannte Erklärungsansatz hat in den vergangenen Tagen – genauer gesagt: seit dem Beginn der Verbreitung von Breiviks über 1.500 Seiten umfassender, als „Manifest“ deklarierter Kampfschrift – rasant an Popularität gewonnen. Denn in diesem wirren und irren Pamphlet nimmt der Mörder Bezug auf allerlei Denker, Ideen und Ideologien – und weil Immanuel Kant, George Orwell, Winston Churchill und John Stuart Mill es dummerweise versäumt haben, ihre Texte ins Internet zu stellen, stürzen sich zahlreiche Medien hierzulande auf von Breivik zitierte lebende Personen, allen voran auf Henryk M. Broder, und verkünden sogleich ihre Urteile, die von „Stichwortgeber“ bis zu „geistiger Brandstifter“ reichen (und eine Flut von widerwärtigen Droh- und Hassmails an Broder ausgelöst haben). Dieselben Leute, die noch bei jedem Anschlag oder Attentat einer islamistischen Terrororganisation zur Zurückhaltung mahnen, vor einem „Generalverdacht“ warnen oder gar ein gewisses Verständnis für die jeweilige Tat nicht verhehlen, können jetzt gar nicht schnell genug die vermeintlichen ideologischen Hintermänner (sowie gegebenenfalls deren Vereinigungen) eines wahnsinnig gewordenen, mörderischen, vom Herrenmenschentum besessenen Einzeltäters – und ein solcher ist Anders Breivik nach Stand der Dinge zunächst einmal – an den Pranger stellen.

Das Entsetzen über das Massaker wich in Deutschland bemerkenswert schnell einer (Mit-)Schuldzuweisung an so ziemlich alle, die sich jemals in irgendeiner Form kritisch oder ablehnend gegenüber dem Islam geäußert haben. Und da die vielen politischen Strömungen, die in dieser reichlich diffusen Menge vertreten sein sollen, dann doch erkennbar mehr trennt als eint, muss sich eine Klammer finden lassen, die sie dennoch unwiderruflich zusammenhält, etwas also, das über allem steht und den vermeintlich gemeinsamen Kampf gegen den Islam dominiert. Es war nur eine Frage der Zeit, wann jemand ausspricht, wer oder was denn diese Klammer sein soll, und so preschte die öffentlich-rechtliche Rundfunkjournalistin Bettina Marx vor: Die „Begeisterung für Israel“ eine „die linken und rechten Islamfeinde“, denn „in dem Land zwischen Mittelmeer und Jordan sehen sie den Brückenkopf des Westens im Nahen Osten und das Bollwerk gegen den Islamismus“. Ja, mehr noch: „Kritik an der Politik Jerusalems weisen sie als Antisemitismus zurück, die legitimen Ansprüche der Palästinenser gelten für sie nicht. Die Palästinenser werden pauschal als Terroristen verunglimpft.“ Und so lässt sich schließlich der ganz große Bogen spannen: „Von den christlichen Fundamentalisten in den USA und ihrer politischen Vertretung in der Tea Party über linke Antideutsche bis hin zu den neofaschistischen Parteien in Italien und Osteuropa reicht die Achse der islamophoben Israelfreunde.“ Fehlt noch jemand? Genau, das Objekt der Begeisterung höchstselbst: „Die Regierung in Jerusalem heißt all diese Unterstützer willkommen.“

Und gehört nicht auch Anders Breivik zu diesen Unterstützern? Man munkelt ja, er sei ausweislich seines „Manifestes“ ein Freund des jüdischen Staates und überhaupt der Juden. Dass Breivik die hellsichtigen Kritiken der Frankfurter Schule als das Werk destruktiver, linker, „kulturmarxistischer“ Juden betrachtet, die Europa eine „Political Correctness“ aufgezwungen und es in den „Multikulturalismus“ (also in den Untergang) getrieben hätten, dass er glaubt, die USA hätten ein „Judenproblem“, dass er von einer „Holocaust-Religion“ fabuliert, die der Erkenntnis im Wege stehe, dass der Islam weitaus gefährlicher sei als der Judenhass und erheblich mehr Menschenleben gefordert habe als die Shoah – all dies und noch viel mehr wird schlichtweg ignoriert. Die Stellen im „Manifest“, wo Breivik sich auf bekannte Islamkritiker wie Henryk M. Broder bezieht, werden medial begierig aufgegriffen, um den Bezugsgrößen und ihrem Umfeld anschließend eine Komplizenschaft zu unterstellen und eine Mitschuld am Massenmord zu geben; die Passagen jedoch, in denen er sich antisemitisch äußert, unterschlägt man. Andernfalls würde ja auch die gar nicht einmal sonderlich subtil vermittelte Botschaft gefährdet, dass es mal wieder die Juden waren, die der Welt – in Person eines norwegischen Verbündeten und mit der Rückendeckung durch dessen Umfeld – ein mörderisches Unglück beschert haben.

In einer derart aufgeheizten Stimmung haben es besonnene und differenzierende Stimmen schwer. Eine davon gehört Richard Herzinger, der zu Recht feststellte: „Es wäre unsinnig, aus islamfeindlichen Einträgen des Massenmörders von Oslo in Internetforen zu folgern, es führe eine direkte Linie von auch hierzulande verbreiteten obsessiv muslimfeindlichen – oft zugleich auch antisemitischen – Affekten zu terroristischer Aktivität. Die Gefahr aber, dass sich fanatische Randgruppen unter dem Vorwand der Angst vor der (Selbst-)Auslöschung des ‚christlichen Abendlandes’ ihren islamistischen Antipoden – deren paranoiden Wahn sie in Wahrheit teilen – angleichen und ihre Methoden übernehmen könnten, ist nach dem Horror von Oslo nicht mehr von der Hand zu weisen.“ Gleichwohl gelte es, genau zu trennen, wie Herzinger in einem weiteren Beitrag ausführte: „Zunächst wäre zu fragen, was die Ankläger mit dem Begriff ‚Islamkritik’ eigentlich meinen. Diese Kampfvokabel schüttet den diametralen Gegensatz zwischen neonazistischen und rechtsnationalistischen Islamfeinden einerseits und andererseits aufklärerischen Säkularisten zu, die in den totalitären Zügen des politischen Islam eine akute Gefahr für die freiheitlichen Errungenschaften der offenen, pluralistischen Gesellschaft sehen. Während erstere Muslime als solche hassen, weil sie einem ‚fremden’ Glauben angehören beziehungsweise einem ‚fremden Kulturkreis’ entstammen, und von ihrer Deportation aus einem nunmehr wieder ‚artreinen’ Vaterland träumen, verteidigt die zweite Gruppe nicht zuletzt die Muslime selbst gegen autoritäre Strukturen in den islamischen Gemeinden, die den muslimischen Bürgern ihre Chancen auf Teilhabe an den Möglichkeiten der freien Gesellschaft beschneiden.“

Dieser Unterschied ist elementar, doch er wird nur von wenigen nachvollzogen. Nicht von den Rechtsnationalisten, die zwar erschrocken über die Terrortaten von Oslo und Utøya sein mögen, sich von ihnen distanzieren und sie verurteilen, aber an ihren xenophoben Phantasmagorien einer „Überfremdung“ Europas, die von linken „Multikulti“-Ideologen (wozu sie grundsätzlich alle zählen, die nicht dem rechtsnationalistischen Lager angehören) tatkräftig befördert werde, unverrückbar festhalten und sich bisweilen sogar in abstrusen Verschwörungstheorien ergehen – wie etwa jener, nach der es sich bei Breiviks Tat um eine „False Flag“-Operation mit dem Ziel, die Gegner des Islam zu diskreditieren, gehandelt habe. Und auch nicht von zahlreichen Medien und anderen Bescheidwissern, die auf ein Verbrechen wie jenes in Norwegen geradezu gewartet zu haben scheinen, um endlich die gesamte Islamkritik als ideologisches Rüstzeug des Teufels verdammen zu können. Dementsprechend lässt man nun bevorzugt „Experten“ wie Sabine Schiffer zu Wort kommen, eine „Medienpädagogin“, die nicht nur über gute Beziehungen zum deutschsprachigen Programm des staatlichen iranischen Rundfunks verfügt, sondern auch Sympathien für Verschwörungstheorien zu den Terroranschlägen des 11. September 2001 hegt und nicht zuletzt „jüdische Organisationen“ der „Verbreitung des antiislamischen Rassismus“ bezichtigt. Der Deutschlandfunk bat sie gestern zum Interview, und auch wenn es ausgesprochen mühsam ist, Schiffers Gestammel so etwas wie eine These zu entnehmen, lässt sich doch festhalten, dass sie nicht nur verschiedene Blogs, sondern allen Ernstes nahezu die gesamte Medienlandschaft der „Islamophobie“ zeiht und ihr somit eine Mitschuld an Breiviks Mordtaten zuweist.

Kaum jemandem fällt auf, dass es zwischen Anders Breivik und den Islamisten essenzielle Gemeinsamkeiten gibt (die Breivik sogar selbst benennt), ja, dass beide sozusagen Brothers in Crime sind. Als einer der wenigen neben Richard Herzinger hat das Bremer Aktionsbündnis gegen Wutbürger diese Parallelen erkannt und benannt: „In Wirklichkeit verhält es sich so, dass der Adorno wegen seiner ‚Studien zum autoritären Charakter’ hassende Breivik als Prototyp eines solchen den Islam zutiefst beneidet, weil der Islam eine gesellschaftliche Hierarchie, strenge Regeln und religiöse Werte im Einklang mit seinem kulturellen Erbe bietet, also all das, was Breivik in der europäischen Gesellschaft so schmerzlich vermisst. Breiviks Islamhass und sein wahnhafter Kampf gegen ihm übermächtig scheinende Gegner, gegen die nur ein Wunder helfe, erscheint als Ausdruck eines Gefühls der eigenen Ziel- und Wertlosigkeit. Letztendlich will er im Kampf gegen den Islam selbst in einer Gemeinschaft aufgehen, die der der Djihadisten ähnelt: zum Letzten entschlossen, skrupellos, gewalttätig und im festen Glauben an die Überlegenheit der eigenen Überzeugungen.“ Im Grunde genommen gleicht Breivik vor allem den Salafisten: Auch diese haben es zuvorderst auf „Abtrünnige“ in den eigenen Reihen, also auf „Feinde“ im Inneren abgesehen. Und so, wie die Salafisten weltlich orientierte Muslime (oder wen sie dafür halten) bedrohen, verfolgen und töten, zündete der norwegische Massenmörder erst im Regierungsviertel eine gewaltige Bombe, bevor er ein Feriencamp sozialdemokratischer norwegischer Jugendlicher heimsuchte, um dort eigenhändig und kaltblütig ein Massaker unter jenen anzurichten, die er in seinem irrationalen und fanatischen Weltbild für den „kulturmarxistischen“ und „multikulturellen“ Nachwuchs hält.

Diese frappierenden Parallelen bemerkte übrigens auch der norwegische Botschafter in Israel, Svein Sevje, nicht; im Gegenteil hielt er es für nötig und richtig, gegenüber einer israelischen Tageszeitung die Ansicht zu äußern, der (islamistisch geprägte) palästinensische Terror sei zwar ebenfalls „moralisch inakzeptabel“, verfolge aber immerhin „ein definiertes Ziel“, das „im Zusammenhang mit der israelischen Besatzung“ zu sehen sei – womit er ihn sowohl rationalisierte als auch faktisch entschuldigte. Dass Sevje zudem die Einbeziehung der Terrortruppe Hamas in Friedensverhandlungen für unverzichtbar hält, ist da nur folgerichtig. Echauffiert hat sich nicht nur hierzulande kaum jemand über diese unsägliche Trennung in einen schlechten und einen irgendwie nachvollziehbaren Terror. Man stelle sich dagegen vor, wie wohl die Reaktionen ausfielen, wenn der israelische Botschafter in Norwegen einer norwegischen Zeitung sagen würde, er verurteile Breiviks Terror zwar, doch habe dieser immerhin ein definiertes Ziel verfolgt, das im Zusammenhang etwa mit der norwegischen Einwanderungspolitik zu sehen sei. Das hat der israelische Botschafter selbstverständlich (!) nicht geäußert; im Gegenteil hat das offizielle Israel die Morde scharf verurteilt und den Opfern große Empathie entgegengebracht. „Wir in Israel können uns voll und ganz in diese Katastrophe hineinversetzen und sind zutiefst schockiert von diesem Verbrechen“, sagte beispielsweise Premierminister Benjamin Netanyahu. „Wir kennen den unerträglichen Schmerz der Familien und der Nation. Deshalb möchte ich den Menschen, der Regierung und dem Staat das aufrichtige Beileid der Menschen, der Regierung und des Staates Israel aussprechen.“ Man darf gespannt sein, wie die Reaktionen aus norwegischen Regierungskreisen ausfallen werden, wenn es im jüdischen Staat mal wieder zu einem Angriff von Terroristen kommt.

Zum Foto: Zeichen der Trauer am Ufer des Tyrifjords vor der Insel Utøya, auf der Anders Breivik seinen Massenmord verübte.

%d Bloggern gefällt das: