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Göttinger Verschwörungstheorien

2. Juli 2008 von Lizas Welt

Vor knapp zwei Wochen vertrat ein Göttinger Universitätsprofessor in einem Vortrag vor akademischem Publikum die Ansicht, die elf während der Olympischen Spiele 1972 in München von palästinensischen Terroristen ermordeten israelischen Sportler hätten von dem bevorstehenden Attentat gewusst und seien freiwillig in den Tod gegangen, um sich für Israel zu opfern. Nach Protesten sahen sich nun sowohl der Sportwissenschaftler als auch das Präsidium der Hochschule veranlasst, Stellung zu beziehen.

Hellhörig hätte man in Göttingen schon früher werden können. Arnd Krüger, Professor für Sportgeschichte und Sportsoziologie und Direktor des zur Universität gehörenden Instituts für Sportwissenschaften, hatte seine Thesen nämlich bereits im Frühjahr in einem Interview mit dem Hochschulsportmagazin Seitenwechsel angedeutet:* „Als die Attentäter in das Olympische Dorf eindrangen, flüchtete einer der Geher als Letzter aus dem israelischen Quartier über den Balkon. Er hatte zentimeterdicke Brillengläser, das heißt er war praktisch blind ohne Brille. Und wenn jemand wie er flüchten konnte, hätte jeder flüchten können. Aber die anderen wollten nicht. Sie hatten sich freiwillig gemeldet und wussten, dass die Palästinenser kommen würden. Nicht wann – aber dass.“ Die israelische Presse habe die Gefahr für die israelischen Sportler „schon Wochen vorher“ diskutiert; die Frauenmannschaft sei deshalb privat untergebracht worden. Die Männer im Olympischen Dorf wohnen zu lassen, sei „eine politische Entscheidung“ gewesen, sagte Krüger, den die Vorgänge und ihre angeblichen Hintergründe an ein historisches Ereignis erinnerten: „[Auch] in Hebron nahm 1949** der damalige Herrscher den Tod der Bevölkerung in Kauf, um einen Freifahrtsschein für einen Krieg von der Weltöffentlichkeit zu bekommen.“

Doch niemand stieß sich an diesem Interview, und so legte Krüger am 20. Juni nach, als er bei der Jahrestagung der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (DVS), Sektion Sportgeschichte, einen Vortrag mit dem Titel „Hebron und München. Wie vermitteln wir die Zeitgeschichte des Sports, ohne uns in den Fallstricken des Antisemitismus zu verhaspeln?“ hielt. „Die 1972 beim Olympiaattentat durch palästinensische Terroristen getöteten israelischen Athleten hätten von den mörderischen Plänen gewusst und seien freiwillig in den Tod gegangen – ‚um der Sache Israels als ganzer zu nutzen’“, fasste unter anderem die Süddeutsche Zeitung, die sich auf Teilnehmer der Tagung berief, Krügers Darstellungen zusammen. „Dieser spektakuläre Opfergang hätte die Schuld (und auch die Schulden) Deutschlands gegenüber dem Staat Israel verlängern sollen. Zudem konstruierte der Professor Zusammenhänge zwischen diesem angeblichen Opfergang sowie einem unterschiedlichen Körperverständnis, das in Israel herrsche. Im Vortrag hieß es, die Abtreibungsrate in Israel sei bis zu zehnmal höher als in anderen westlichen Industrienationen. Die jüdische Kultur versuche, Leben mit Behinderungen massiv zu verhindern.“

Keinerlei Belege

Belege für seine Behauptungen brachte Krüger nicht bei – und er hätte auch keine gefunden. Denn unabhängig von der Frage, wie man grundsätzlich zu Schwangerschaftsabbrüchen steht, hatte Israel mit 11,8 Prozent im Jahr 2006 sogar die niedrigste Abtreibungsrate aller westlichen Länder und gleichzeitig die höchste Geburtenziffer. Eine Behindertenfeindlichkeit in der jüdischen Kultur lässt sich ebenfalls nicht nachweisen; im Gegenteil hätte der Sportwissenschaftler Krüger nur einen Blick auf die Paralympics werfen müssen, bei denen stets zahlreiche israelische Sportler an den Start gehen und regelmäßig Medaillen abräumen. Und das „unterschiedliche Körperverständnis“ in Israel beschrieb das Weblog Letters from Rungholt treffend so: „Es gibt wohl kaum ein Volk, bei dem das menschliche Leben eine größere Rolle spielt als im Judentum. Der Grundsatz ‚pikuach nefesh’, Rettung eines Menschenlebens, bricht alle anderen Gebote – und dabei spielt es keine Rolle, ob dieses Menschenleben jüdisch ist oder nicht. Im jüdischen Ethos spielen die Rettung von Leben, die Fortpflanzung und der Schutz von Menschenleben eine riesige Rolle. Es gibt keine Märtyrer-Rhetorik, um Tote wird getrauert, um Leben gekämpft. Israelis entwickeln Medikamente, medizinische Technologie und Diagnosemethoden, sie schicken Ärzte in die ganze Welt, und die ganze israelische Kultur ist nicht auf Totenkult, sondern auf Liebe zum Leben aufgebaut.“

Vor diesem Hintergrund erweist sich auch die These, die israelischen Sportler hätten sich in München freiwillig geopfert, als reines Hirngespinst. Wie schon in dem Seitenwechsel-Interview, bemühte Krüger auch in seinem Vortrag den Vergleich mit dem Massaker von Hebron zur Untermauerung seiner Ansichten: So, wie die jüdischen Bewohner 1929 von dem Angriff der Araber gewusst hätten und trotz der Warnung der Hagana im Ort verblieben seien, hätten auch die israelischen Sportler 1972 in München Kenntnis von den Attentatsplänen der palästinensischen Terrorgruppe Schwarzer September Kenntnis gehabt, es jedoch vorgezogen, das Olympische Dorf nicht zu verlassen. In beiden Fällen hätten sie damit ihren Herrschern und deren kriegerischer Politik aus eigenem Antrieb genützt – als Märtyrer für die jüdische Sache sozusagen.

Die Reaktionen auf Krügers Vortrag waren deutlich: „Das ist eine der schlimmsten Formen der Dehumanisierung des Staates Israel“, sagte Ilan Mor, der stellvertretende israelische Botschafter in Berlin, „und eine Form des neu aufflackernden Antisemitismus in Deutschland, verpackt als Israelkritik“. Die deutsche Politik und die Universitätsleitung müssten gegen Krüger vorgehen, forderte er. Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, schloss sich an: „Das ist Antisemitismus pur. Hier sind Konsequenzen längst überfällig.“ Äußerungen der Tagungsteilnehmer auf den Vortrag reichten von „gefährlicher Unfug“ bis zu „antijüdische Stereotype“. Die Wissenschaftler forderten die Göttinger Universität zu Maßnahmen auf und informierten die Ethikkommission der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft. Das Präsidium der Hochschule hingegen mauerte: Es „bedauerte“ in einer Erklärung zwar, „dass Äußerungen eines Göttinger Wissenschaftlers Anlass dazu gegeben haben, als Angriff auf den Staat Israel und seine Bürger oder als antisemitische Positionen verstanden zu werden“, verwies ansonsten jedoch auf den „wissenschaftlichen Diskurs“, in dem „Thesen oder Hypothesen von Angehörigen der Universität behandelt und bewertet werden“ müssten.

Noch tiefer in den Sumpf

Inzwischen hat sich auch Arnd Krüger zu einer Stellungnahme durchgerungen, die auf der Website der Universität veröffentlicht wurde. „Meine Erklärungsversuche des Kontextes des Ereignisses waren offensichtlich untauglich“, heißt es darin. Die Verwendung aktueller israelischer Literatur zum Körperverständnis habe „keine Aussagekraft für die Situation 1972“. Er habe diese Arbeiten aus Israel zitiert, „weil ich hoffte, hiermit ein kulturhistorisches Phänomen erklären zu können – und nicht, weil ich beabsichtigt hätte, hiermit irgendjemanden zu diskreditieren“. Auch zu seinem Vergleich zwischen Hebron und München bezog der Sportprofessor Position: „Für 1929 ist es überliefert, dass die jüdische Bevölkerung konkret durch die Hagana gewarnt wurde, aber blieb, weil man sich nicht vorstellen konnte, dass die arabischen Nachbarn, mit denen man seit Generationen zusammengelebt hatte, zu solchen Gräuel fähig sein würden.“ Ob die israelische Mannschaftsführung gewarnt worden sei, werde sich erst nach Öffnung aller Archive für 1972 ermitteln lassen. Abschließend schrieb Krüger, er bedauere es, „dass der Eindruck entstanden ist, als sei ich ein Anti-Semit“. Seine bisherigen Publikationen bewiesen sämtlich „das Gegenteil“, beteuerte er. Zudem widersprach der Historiker rundweg den Äußerungen seiner Hörer: „Bei meinem Referat in Göttingen habe ich eine Fülle von möglichen Erklärungen angesprochen, aber ich habe zu keiner Zeit vom ‚Opfer-Tod’ der israelischen Sportler gesprochen.“ Natürlich seien Ermordete Opfer, „aber sie haben sich deshalb noch nicht ‚geopfert’“.

Durch diese nachgeschobenen Erklärungsversuche hat sich Krüger trotz der teilweisen Selbstkritik letztlich noch tiefer in den Sumpf gezogen. Denn zum einen bezichtigte er de facto die anwesenden Wissenschaftler, die Unwahrheit über seinen Vortrag erzählt zu haben, und bereits das dürfte kaum unwidersprochen bleiben. Zum anderen stellt sich die Frage, wieso er erst im Brustton der Überzeugung vor einem Fachpublikum verkündete, die israelischen Sportler hätten von dem Attentat gewusst und es aus politischen Gründen in Kauf genommen, um dann plötzlich auf die Archive zu verweisen, auf deren Öffnung man zur Klärung der Hintergründe warten müsse. Dieser offenkundige Widerspruch wirft auch ein Licht auf Krügers Motivation bei der Ergründung des „kulturhistorischen Phänomens“, dessen Existenz er in seiner Stellungnahme weiterhin behauptete, obwohl es doch nur seine eigene Erfindung war: Der Versuch, von 1929 über 1972 bis heute eine Kontinuität in der jüdischen Kultur aufzuzeigen, die sich durch Eugenik, Lebensfeindlichkeit, Opferkult und Kriegslüsternheit auszeichne, basiert nachweislich auf nichts als falschen Zahlen, Unterstellungen und Fehleinschätzungen – und hier war nicht ein Erstsemester am Werk, sondern ein habilitierter Wissenschaftler.

Da hat also augenscheinlich ein Akademiker seinen Projektionen freien Lauf gelassen – Projektionen, mit denen nicht zufällig und nicht zum ersten Mal Juden das unterstellt wird, was die Nationalsozialisten Praxis werden ließen und was in Teilen auch die arabisch-muslimischen Feinde Israels kennzeichnet. Dass die israelischen Olympiateilnehmer sich nicht zuletzt deshalb so willig hätten ermorden lassen, um „die Schuld (und auch die Schulden) Deutschlands gegenüber dem Staat Israel zu verlängern“, wie Krüger in seinem Referat behauptete, rundet seine Verschwörungstheorie schließlich ab. Das Zurückrudern in der öffentlichen Erklärung erfolgte nur halbherzig, und es wirkt weniger glaubwürdig als vielmehr wie die hektische Reaktion von einem, dem gerade der Wind eiskalt ins Gesicht bläst. Die „Fallstricke des Antisemitismus“, von denen Arnd Krüger sprach, er hat sie selbst ausgelegt und ist dann über sie gestolpert. Man darf gespannt sein, wie die Konsequenzen aussehen werden – wenn es denn überhaupt welche gibt und die Angelegenheit nicht, wie von der Universitätsleitung gewünscht, im „wissenschaftlichen Diskurs“ verschwindet.

* „Definitiv falsch und doch ein bisschen richtig“ – Interview mit Prof. Dr. Arnd Krüger, in: Seitenwechsel, Sommersemester 2008, Seite 40/41 (nur Printausgabe; Auszüge finden sich bei Sportswire).
** Krüger spielte auf das Massaker von Hebron aus dem Jahr 1929 an; die Jahreszahl 1949 ist deshalb falsch.

Das Foto zeigt die elf Ermordeten. Von links oben nach rechts unten: Moshe Weinberg (33, Ringer-Trainer), Jakov Springer (50, Gewichtheber-Kampfrichter), Eliezer Halfin (24, Ringer), Mark Slavin (18, Ringer), Kehat Shorr (45, Schützen-Trainer), Joseph Gottfreund (44, Ringer-Kampfrichter), David Berger (28, Gewichtheber), Zeev Friedman (28, Gewichtheber), Joseph Romano (31, Gewichtheber), Amitzur Shapira (40, Leichtathletik-Trainer), André Spitzer (27, Fecht-Trainer).

- – - – - – - – - -

Update 3. Juli 2008: Der Druck auf Krüger wächst, wie diese Meldung zeigt: „Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Thomas Bach, und DOSB-Generaldirektor Michael Vesper haben den Göttinger Sportwissenschaftler Professor Arnd Krüger aufgefordert, seine abstrusen Thesen zum Tod der israelischen Geiseln anlässlich des palästinensischen Terroranschlags auf die Olympischen Spiele von München 1972 öffentlich zurückzunehmen. Vor allem aber, so Bach und Vesper weiter, solle sich Krüger unverzüglich bei den Hinterbliebenen der damaligen Terroropfer entschuldigen. Krüger hatte seine Thesen bei der Jahrestagung der Sektion Sportgeschichte der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaften am 20. Juni 2008 in Göttingen vorgetragen. Diese seien ‚völlig inakzeptabel’ nicht nur, weil sie sich auf keinerlei Belege stützten, sondern vor allem wegen des daraus sprechenden antisemitischen Menschenbildes, so Bach und Vesper.“

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