Ahmadinedjad, recht verstanden

Seit mehr als zwei Jahren geistert eine geradezu absurde Debatte durch die Medien und das Internet, die sich um die Äußerungen Mahmud Ahmadinedjads zu Israel dreht. Dabei steht vor allem ein Satz im Mittelpunkt, den der iranische Präsident am 26. Oktober 2005 auf einer Konferenz in Teheran von sich gegeben hat. Mit „Israel must be wiped off the map“ wurde dieser Satz aus dem Persischen ins Englische übersetzt und mit „Israel muss von der Landkarte radiert werden“ ins Deutsche. In der britischen Tageszeitung The Guardian bestritt Jonathan Steele im Juni 2006 jedoch, dass Ahmadinedjad dem jüdischen Staat seine Vernichtung angekündigt hat: Der Präsident sei falsch übersetzt worden; er habe lediglich gesagt, das „Jerusalem besetzende Regime müsse von den Seiten der Zeit verschwinden“. Damit habe Ahmadinedjad keine militärische Drohung ausgesprochen, meinte Steele: „Er forderte ein Ende der Besetzung Jerusalems zu irgendeinem Zeitpunkt in der Zukunft. Die Redewendung ‚Seiten der Zeit‘ legt nahe, dass er es nicht in unmittelbarer Zukunft erwartet.“ Auch die beiden amerikanischen Autoren des Buches Die Israel-Lobby, Stephen Walt und John Mearsheimer, betonten unlängst, sie glaubten nicht, „dass Ahmadinedjad zum Völkermord aufruft“.

In Deutschland schrieb die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur Ende März dieses Jahres in der Süddeutschen Zeitung, der iranische Präsident habe in seinem „Schlüsselsatz“ nur geäußert, das „Besatzerregime“ in Israel müsse „Geschichte werden“. Er habe also nicht zum Vernichtungskrieg aufgerufen, sondern bloß dafür plädiert, „die Besatzung Jerusalems zu beenden“. Amirpurs Auslassungen stießen nicht zuletzt bei einem linksradikalen Grüppchen namens Arbeiterfotografie auf begeisterte Zustimmung: Dort war man bereits seit Januar eifrig damit beschäftigt, diverse Institutionen und Redaktionen mit E-Mails und Appellen auf den vermeintlichen Übersetzungsfehler sowie die angebliche Friedfertigkeit der Mullahs hinzuweisen. Nicht ohne Erfolg: Der Spiegel gestand einen „Irrtum“ ein, auch das ZDF stimmte den „Arbeiterfotografen“ zu, die Nachrichtenagentur AP erklärte, die „falsche Wiedergabe des Zitats“ nicht mehr zu verwenden, und die dpa kündigte an, sie werde „in Zukunft bei der Berichterstattung darauf achten, dass der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedjad nicht die Auslöschung Israels oder dessen Tilgung von der Landkarte gefordert hat“.

Es war Henryk M. Broder, der Sinn und Unsinn dieser Gespensterdebatte über den Wortlaut von Ahmadinedjads Stellungnahme mit einem historischen Vergleich auf den Punkt brachte: „Der ‚Führerbefehl’ zur Endlösung der Juden- und Zigeunerfrage ist bis heute nicht gefunden worden. [Hitler] hat nur dazu aufgerufen, die Welt von den Juden zu befreien. Von Vernichtung war keine Rede. So wie Ahmadinedjad sich heute eine ‚World without Zionism’ wünscht.“ In der Tat kann es keinerlei Zweifel darüber geben, was letzterer meinte, als er – wörtlich übersetzt – sagte: „Unser teurer Imam [Khomeini] befahl, dass dieses Jerusalem besetzende Regime von den Seiten der Zeit getilgt werden muss. Dies war eine sehr weise Äußerung.“ Doch angesichts der fortgesetzten internationalen Relativierungsversuche unternahm Joshua Teitelbaum vom Jerusalem Center for Public Affairs (JCPA) die Kärrnerarbeit, diese und weitere Äußerungen Ahmadinedjads und anderer Vertreter des Regimes wörtlich zu übersetzen und genau zu analysieren. „Jene, welche sich apologetisch vor die iranische Führung stellen, sollten nicht ohne Widerspruch bleiben, wenn sie auf wissenschaftliche Art versuchen, diese extremen und vorsätzlichen Aufrufe zur Zerstörung Israels zu vernebeln“, schrieb Teitelbaum. „Sprache bedingt Bedeutung“, befand er und resümierte:

„Eine umfassende Analyse dessen, was Ahmadinedjad tatsächlich gesagt hat – und wie es im Iran verstanden wurde – zeigt, dass der iranische Präsident nicht lediglich zum ‚Regimewechsel’ in Jerusalem aufrief, sondern die faktische physische Zerstörung des Staates Israel forderte. Es ist schwierig, ein Land von der Karte zu wischen, ohne dass […] die Bevölkerung zerstört wird. Die iranische Regierung selbst bestärkt dieses Verständnis in der Art und Weise, wie sie diese Parolen auf Plakaten und Werbetafeln bei offiziellen Paraden präsentiert. […] Ahmadinedjads Forderungen sind eindeutig ein Aufruf zum Völkermord – [zur] Zerstörung des jüdischen Staates und seiner Bevölkerung. Eine Analyse des Äußerungskontextes zeigt ohne Zweifel auf, dass, wenn die iranische Führung die Euphemismen ‚zionistisches Regime’ oder ‚das Besatzungsregime in Jerusalem’ verwendet, sie ausschließlich den Staat Israel meint und nicht seine gegenwärtige Regierung. […] Die iranische Führung spricht zudem auch nicht über einen ungesteuerten, natürlichen historischen Prozess, welcher zum Niedergang Israels führen werde. Stattdessen befürwortet sie aktiv die Zerstörung Israels und hat klargestellt, dass sie den Willen und auch die Mittel hat, dies umzusetzen.“

Die Feinde des jüdischen Staates werden sich von Teitelbaums Ausführungen gewiss nicht überzeugen lassen, dazu sind sie ideologisch viel zu verbohrt. Allen anderen jedoch – insbesondere denjenigen deutschen Medien, die den Kotau vor einer Sekte von Israelhassern vollzogen haben – sei die gründliche Lektüre des „Plädoyers gegen apologetische Kampagnen zur Entschuldung des Aufrufs zum Völkermord“ empfohlen. Zuerst in englischer Sprache erschienen, liegt der Beitrag nun auf der Website des JCPA auch in deutscher Übersetzung vor.

Zum Foto: „Down with Esrail“ („Nieder mit Israel“) und „Down with USA“ steht in englischer Sprache auf den bei einer iranischen Militärparade gezeigten Schildern; auf Arabisch heißt es: „Tod Israel“ und „Tod USA“.

%d Bloggern gefällt das: