In memoriam Eike Geisel

Über das angeblich „andere“, „bessere“ Deutschland schrieb Hannah Arendt einmal, es sei „noch durch einen Abgrund von der zivilisierten Welt getrennt“. Es war nicht zuletzt diese Erkenntnis, die den Publizisten Eike Geisel immer wieder antrieb, mit jenem zählebigen Gründungsmythos der Bundesrepublik aufzuräumen und den Erscheinungsformen dieser „contradictio in adjecto“ (1) durch faktengesättigte Polemiken entgegenzutreten. Wo beispielsweise mit reichlich Pomp und Pathos die „Männer des 20. Juli“ als Helden des Widerstands gefeiert wurden – nachdem man sie zuvor lange Zeit als „Verräter“ an der vaterländischen Sache gehandelt hatte – und Heerscharen von Geschichtslehrern den Versuch unternahmen, ihren Schülern die am gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler beteiligten Generäle und Offiziere als nachahmenswerte Vorbilder zu empfehlen, befand Geisel anlässlich der Jubelfeiern zum fünfzigsten Jahrestag 1994 (2):

„An diesem besonderen Tag wurde man als Jugendlicher regelmäßig mit Gewissenskonflikten von Leuten gelangweilt, die sich endlos damit abgequält hatten, ob sie Hochverrat üben, ihren Eid brechen oder Tyrannenmord begehen dürften. Sie hätten alle umstandslos geputscht, wenn der Führer es ihnen befohlen hätte. Aber leider lag kein Befehl dazu vor. Andererseits hatten sie keine sichtbaren Probleme damit gehabt, halb Europa in Schutt und Asche zu legen und Millionen von Menschen umbringen zu lassen. Sie hatten ein reines Gewissen, weil sie es nie benutzt hatten.“

Den Einwand, die Verschwörer des 20. Juli seien doch – gleich, ob Monarchisten oder Sozialisten, Konservative oder Nazis – immerhin gegen Hitler gewesen, weshalb man ihre sonstigen Motive und weitergehenden Vorstellungen vernachlässigen könne, ließ Geisel nicht gelten (3):

„Wenn schon alle in einen Topf geworfen werden, dann sollte man den Antisemitismus als würzende Zutat nicht vergessen. Er hat dem Verschwörerkreis nämlich genau jenes Aroma verliehen, das Hannah Arendt 1963 in einem Brief an den Philosophen Karl Jaspers folgendermaßen beschrieben hat: ‚Was ich meine, ist, dass jeder, der politisch auftrat, auch wenn er dagegen war, auch wenn er im Geheimen ein Attentat vorbereitete, in Wort und Tat von der Seuche angesteckt war. In diesem Sinn war die Demoralisation komplett.“


Erinnerung als höchste Form des Vergessens

Der unentwegte Versuch der Deutschen, Nazis zu finden, die „anständig geblieben“ seien, korrespondierte spätestens seit den 1980er Jahren anlässlich diverser Pogrom- und Vernichtungsjahrestage mit einer „unspezifischen Erinnerungswut“ (Clemens Nachtmann, 4), die vor allem darin ihren Ausdruck fand, „dass man einen gewissen heimlichen Stolz auf eine Tat entwickelte, die weltweit für so viel Kontroversen sorgte, mit deren Erforschung zahllose Wissenschaftler beschäftigt waren und die einen lukrativen Erwerbszweig hervorgerufen hatte, das ‚Shoabusiness’“, wie Geisels Verleger Klaus Bittermann schrieb (5). „Aus den begriffsstutzigen Deutschen wurden Experten, und die Experten meldeten eine Art Copyright auf die Shoa an – ‚Auschwitz bleibt deutsch’ –, während andere Experten wiederum jedes kleinere Massaker schon mit der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik gleichsetzten.“ Eike Geisel durchschaute diese beflissene Betriebsamkeit namens Wiedergutmachung als Sehnsucht nach der „Wiedergutwerdung der Deutschen“, zu deren Zweck eigens ein „flächendeckendes Arbeitsbeschaffungsprogramm“ auf die Beine gestellt worden sei (6):

„Keine Gemeinde ist mehr ohne Judenreferent, jeder Sender hat seinen Vernichtungsexperten – die Nazis hätten sich die Finger nach so viel Fachleuten geleckt. Durch deren vereinigte Anstrengung gibt es zwar in der Bundesrepublik nicht weniger Antisemiten, nur weniger Arbeitslose, aber es wird durch sie noch einmal bestätigt, was zur Erfahrung der letzten Jahrzehnte gehörte: dass Erinnerung in Deutschland die höchste Form des Vergessens darstellt. Ihr Modell ist, vom Ende des Hauptbeteiligten abgesehen, der Eichmann-Prozess. Nach seiner Festnahme in Argentinien wurde Eichmann aufgefordert, eine Erklärung zu unterschreiben, er sei einverstanden, vor ein israelisches Gericht gestellt zu werden. Diese Erklärung unterzeichnete er erst, nachdem er deren Sprache seinem grammatikalisch verkorksten Amtsdeutsch anverwandelt und ihr eine kuriose Bitte hinzugefügt hatte: ‚Nachdem ich mich nicht an alle Einzelheiten mehr erinnere und auch manches verwechsle und durcheinanderbringe, bitte ich, mir dabei behilflich zu sein, durch Zurverfügungstellung, durch Unterlagen und Aussagen, die meinen Bemühungen, die Wahrheit zu suchen, behilflich zu sein.’“

Zum Rahmenprogramm der deutschen Selbstfindung im „Biotop mit toten Juden“ (7) gehöre jedoch auch „jenes unerträgliche Gemisch aus jugendbewegtem Begegnungskitsch und immergleicher Beschäftigungstherapie, aus betroffenen Christen, schwärmerischen Israeltouristen, geduldigen Berufsjuden, bekennenden Deutschen, eifernden Hobbyjudaisten und akribischen Alltagshistorikern“, schrieb Geisel 1989 (8). „Man könnte nachgerade sogar sagen, die Deutschen seien, wenn man sie beim Wort nähme, das größte jüdische Volk.“ Diese Eifersucht auf die Opfer sei „am besten als Judenneid bezeichnet“ (9). Und deshalb beteuerten alle tränenschwangeren Auges, wie groß der Verlust durch die Austreibung und Ermordung der Juden sei. Doch diesen Verlust habe nicht nur nie jemand verspürt (10),

„es ist gar keiner. Denn in Wahrheit hat die Massenvernichtung bewiesen, erstens, dass man sie veranstalten kann, und zweitens, dass ein derartiges Verbrechen langfristig gut ausgeht und sich nicht nur in Exportquoten, sondern auch in Kultur auszahlt. Die Klage über den Verlust ist ohnehin nicht ernst gemeint. Es handelt sich dabei um eine weinerliche Selbstbezogenheit, nicht um Trauer über andere, sondern um Mitleid mit der eigenen Banalität, kurz: um die Behauptung, die Deutschen hätten sich mit ihren Verbrechen selbst etwas angetan.“


Neue Sonderbehandlung

Geisels Absage an den Verständigungsschmus folgte vor allem „dem Beharren auf der Unversöhnlichkeit von Täter und Opfer, zwischen denen es nach der ‚vollendeten Sinnlosigkeit’, wie Hannah Arendt einmal das System der Konzentrationslager genannt hat, keine Verständigung geben konnte, d.h. die Ablehnung aller Versuche, sich den Opfern ‚anzunähern’, um sich ein gutes Gewissen zu machen“ (Klaus Bittermann, 11). Diese Annäherungsversuche folgten (und folgen) jedoch nicht nur der Ansicht, die Deutschen hätten sich durch ihre eifrige Vergangenheitsbewältigung selbst geläutert, also aus ihrer Geschichte gelernt und sich somit ein Verzeihen redlich verdient. Sie finden zudem in dem Glauben statt, dass es sich bei den Juden genau umgekehrt verhält: Statt Auschwitz als Besserungsanstalt zu begreifen, führten sie sich wie ihre vormaligen Peiniger auf und bedürften daher einer besonderen Fürsorge. Es ist, wie bereits Adorno befand: Wenn man schon zugibt, dass Verbrechen geschehen sind, dann will man auch, dass das Opfer mitschuldig ist. Wer sich dieser Sonderbehandlung der etwas anderen Art verweigert, wird bestraft, vorerst noch mit Liebesentzug in Form der „Israelkritik“, die Eike Geisel anlässlich des Golfkriegs 1991, aber nicht zum ersten Mal, als das identifizierte, was sie ist (12):

„Im Namen des Friedens gegen Israel zu sein, ist etwas Neues. Denn dieses Ressentiment hat alle praktischen und politischen Beweggründe abgestreift. […] Dieser neue Antisemitismus erwächst weder aus niedrigen Instinkten noch ist er Ausfluss ehrbarer politischer Absichten. Er ist die Moralität von Debilen. Das antijüdische Ressentiment entspringt den reinsten menschlichen Bedürfnissen, es kommt aus der Friedenssehnsucht. Es ist daher absolut unschuldig, es ist so universell wie moralisch. Dieser moralische Antisemitismus beschließt die deutsche Wiedergutwerdung insofern, als sich durch ihn die Vollendung der Inhumanität ankündigt: die Banalität des Guten.“

Diesen „hilflosen Antisemitismus“ (13) fand Geisel nicht nur bei „Otto Normalvergaser“, sondern auch und vor allem bei den Linken aller Schattierungen, bei den Leitern evangelischer Akademien und in den Redaktionen linksliberaler Periodika wie auch bei den Paechs, Krippendorffs und anderen friedensbewegten, guten Deutschen. Schließlich waren sie es, die mit dem Verweis auf ihre vorgeblich tadellose Gesinnung und über den Umweg der Parteinahme für die Palästinenser als den „Opfern der Opfer“ Kategorien wie Nation, Volk und Heimat zu retten versuchten und den Antisemitismus in Gestalt des Antizionismus rehabilitierten. Auschwitz wurde – nicht nur von den Linken – als Chiffre für ins Äußerste gesteigertes Unrecht gebraucht (nicht zuletzt in Bezug auf Israel) und ansonsten für die nationale Sinnstiftung beansprucht, die im Berliner Holocaust-Mahnmal, dem „Monument der Vernichtungsgewinnler“, (14) schließlich Stein werden sollte (15):

„Auschwitz war also doch noch gut ausgegangen. Dieser Unort war nicht das Massengrab nationaler Aufgaben und Verpflichtungen gewesen, vielmehr hatte dort die von den Juden geschaukelte Wiege eines ganz besonderen Gemeinschaftsgefühls gestanden. […] In Anerkennung ihrer Verdienste schenkt Deutschland den Ermordeten ein Denkmal. Diese waren zwar für nichts und wegen nichts umgebracht worden, aber vielleicht dafür, dass Lea Rosh in marktgängiger Edelbetroffenheit wieder ‚Wir Deutsche’ schreiben konnte.“


Die Banalität der Guten

Gegen diese Entsorgung von Geschichte, gegen diese Fortsetzung der Volksgemeinschaft mit anderen Mitteln schrieb Eike Geisel an. Das führte zum Bruch mit etlichen früheren Mitstreitern, denn er „hatte sich nicht auf den langen Marsch durch die Institutionen begeben, um eine A 13-Stelle mit Pensionsanspruch zu ergattern“, resümierte Klaus Bittermann, der in seiner Edition Tiamat insgesamt drei (nur noch antiquarisch zu erwerbende) Sammelbände mit Aufsätzen von Eike Geisel veröffentlichte. „Zwar hatte er gegen eine solche nichts einzuwenden, aber er besaß weder die Geduld noch die Zähigkeit, eine Karriere einzuschlagen, bei welcher der Erfolg durch Verbitterung erkauft wird. Dass es andere taten, warf er ihnen nicht vor, er mochte sich bloß nicht damit abfinden, dass mit dem schleichenden Einrichten der ehemaligen Genossen in der Bundesrepublik der freiwillige Verzicht auf Kritik an ihr einherging.“ (16) Geisel übersetzte Essays von Hannah Arendt ins Deutsche und schrieb unter anderem für konkret*, die damals noch nicht durchweg antizionistische junge Welt und die Ha’aretz sowie gelegentlich für die taz, die Frankfurter Rundschau, die Wochenpost und die Zeit. Doch nicht selten lehnten Redaktionen seine Texte ab, weil sie Ungemach fürchteten: Massenkompatibel waren Eike Geisels Beiträge nie.

Dennoch landete er mit einem seiner letzten Artikel einen echten Coup. In der Frankfurter Rundschau verriss er das Buch „Auge um Auge. Opfer des Holocaust als Täter“, in dem der amerikanische Autor John Sack blutrünstig die Racheaktionen jüdischer KZ-Häftlinge schildert, als „antisemitische Rohkost“. Geisel hatte einen Vorabdruck der Übersetzung aus dem Englischen erhalten. Seine Rezension führte dazu, dass der Piper Verlag das Buch im Februar 1995 noch vor der Auslieferung zurückzog. Klaus Bittermann schilderte, was anschließend geschah (17):

„Der Skandal war perfekt. Er wurde selbst in der New York Times und der Herald Tribune registriert. In der folgenden ausgedehnten Kontroverse waren die meisten Journalisten trotz der primitiven antisemitischen Töne John Sacks dem Überbringer der schlechten Nachricht nicht sehr freundlich gesonnen, weil viele von ihnen der dünnen These von der Angleichung der Opfer des Nationalsozialismus an die Täter eine gewisse Plausibilität abgewinnen konnten. Tagesspiegel, Welt, taz, Spiegel, Süddeutsche Zeitung, ja sogar die Zeit, die den ‚Opfern der Opfer’ nicht nur ein ganzes Dossier widmete, sondern auch einen Leserbrief John Sacks in den redaktionellen Teil hievte, waren sich einig, dass ein tapferer und wegen seiner jüdischen Herkunft unverdächtiger Autor zwar etwas naiv, aber durchaus verdienstvoll das ‚Tabuthema Vertreibung’ behandelt habe, dem man sich, wie es in der taz hieß, ‚unverkrampft’ nähern wollte. Zu diesem Thema nämlich könne man sich ‚entweder überhaupt nicht, oder wenn, dann (nur) unter permanenter Hinzufügung, dass die Vertreibung letztendlich eine Folge des von Deutschen begangenen Weltkrieges, von Auschwitz und den deutschen Verbrechen sei’, äußern. Man will kein Blatt mehr vor dem Mund nehmen müssen und reden dürfen wie ein Vertriebenenfunktionär, insofern hat Eike Geisel diesen Journalisten zu ihrem coming out verholfen.“

Obwohl Geisels Aufsätze zumeist einen unmittelbaren Bezug zum Tagesgeschehen hatten, sind sie auch heute noch von nachgerade schmerzlicher Aktualität. Denn seine Polemiken und Analysen waren grundsätzlicher Art und bezogen ihre Hellsichtigkeit daraus, nicht im Hier und Jetzt verhaftet zu bleiben, sondern dem deutschen Sozialcharakter und seinen Kontinuitäten prinzipiell nachzuspüren. Die „Banalität der Guten“ und der „Triumph des guten Willens“, die Eike Geisel konstatierte, sind hierzulande ungebrochen; sie bestimmen die deutsche Geschichtspolitik und die Packelei mit den Feinden Israels wie auch die Inanspruchnahme von jüdischen Kronzeugen, die beiden das Koscher-Zertifikat verleihen sollen.

Zuletzt bemühte sich Eike Geisel „um einen Lehrauftrag in den Vereinigten Staaten, den er zum einen mit Archivforschungen für sein Buchprojekt über jüdische Rache nutzen wollte, zum anderen hoffte er, mit der Ortsveränderung etwas Abstand von den immer unerträglicher und zäher werdenden Debatten in Deutschland zu gewinnen“, schrieb sein Verleger (18). Dazu kam es nicht mehr: Heute vor zehn Jahren, am 6. August 1997, starb Eike Geisel in Berlin, gerade einmal 52-jährig. Er fehlt sehr.

* konkret-Herausgeber Hermann L. Gremliza ergänzte und konkretisierte in einer E-Mail an Lizas Welt vom 6. August 2007: „Eike Geisel hat zusammen mit seinen Freunden Wolfgang Pohrt und Ingolf Schulte in konkret 1981 die monatliche Kolumne ‚Enzyklopädie des XX. Jahrhunderts’ geschrieben, außerdem bis 1997 siebzehn weitere Essays und Kommentare, darunter auch den zum Piper-Buch von John Sack, der zuerst in konkret 2/95 und eine Woche später, in stark gekürzter Fassung, in der Frankfurter Rundschau erschien. Für konkret (9/97) schrieb Wolfgang Pohrt den Nachruf: Erinnerung an Eike Geisel.“

Anmerkungen:
(1) Eike Geisel: Triumph des guten Willens. Gute Nazis und selbsternannte Opfer. Die Nationalisierung der Erinnerung, Berlin 1998, S. 13.
(2) Ebenda, S. 9.
(3) Ebenda, S. 11.
(4) Clemens Nachtmann: Nachruf auf Eike Geisel, in: Bahamas Nr. 24, Herbst 1997, S. 52f.
(5) Klaus Bittermann: Nachwort, in: Eike Geisel: Triumph des guten Willens, S. 197-202.
(6) Eike Geisel: Die Banalität der Guten. Deutsche Seelenwanderungen, Berlin 1992, S. 42f.
(7) Ebenda, S. 57.
(8) Ebenda, S. 18.
(9) Eike Geisel: Triumph des guten Willens, S. 57.
(10) Ebenda, S. 59.
(11) Klaus Bittermann: Nachwort.
(12) Eike Geisel: Die Banalität der Guten, S. 120f.
(13) Ebenda, S. 97-112.
(14) Eike Geisel: Triumph des guten Willens, S. 61-65.
(15) Ebenda, S. 58f.
(16) Klaus Bittermann: Nachwort.
(17) Ebenda.
(18) Ebenda.

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