Himmelwärts

Ihr Name bedeutet übersetzt so viel wie himmelwärts, und ihre allererster Auftrag war dementsprechend gleich ein ganz besonderer: Die (damals noch staatliche) israelische Fluggesellschaft El Al brachte im September 1948 den ersten Staatspräsidenten Israels, Chaim Weizmann, unbeschadet von Genf nach Tel Aviv. Es blieb nicht ihre einzige außergewöhnliche Mission; El Al war nie einfach nur eine Airline, sondern gezwungenermaßen immer auch ein Politikum. Dies zumal für die Feinde des jüdischen Staates, die zahllose Angriffe auf die Linie unternahmen, den ersten davon am 27. Juli 1955: Bulgarische MiG-Kampfflugzeuge schossen eine El Al-Maschine ab, die sich auf dem Weg von London nach Tel Aviv über Wien befand. Sie soll angeblich unbefugt in den bulgarischen Luftraum eingedrungen sein. Alle 58 Passagiere starben.

In den 1960er und 1970er Jahren war es dann vor allem die palästinensische PFLP (Popular Front for the Liberation of Palestine), die mehrfach mit Flugzeugentführungen und tödlichen Schüssen El Al attackierte, bevor am 27. Dezember 1985 mit Abu Nidal ein Fatah-Führer die Flughafenschalter der Airline in Wien und Rom unter Beschuss nehmen ließ; 19 Menschen wurden dabei getötet. Doch El Al ließ sich von solch mörderischen Manövern nicht einschüchtern, sondern trotzte dem Terror und verschärfte die Kontrollen. Wie sehr sie sich ihrer Aufgaben und ihrer Bedeutung bewusst ist, zeigt sich dieser Tage einmal mehr: Die zwei neuesten Maschinen in der Flotte tragen ganz besondere Namen. Näheres dazu und noch mehr zur nicht nur sichersten, sondern wohl auch ungewöhnlichsten Fluggesellschaft der Welt weiß Franklin D. Rosenfeld in seinem Gastbeitrag.

Franklin D. Rosenfeld

Keine alltägliche Airline

Oftmals spiegeln staatliche Fluggesellschaften nicht nur die Attribute, sondern auch die Situationen der Länder wider, in denen sie ihren Sitz haben. Das gilt in besonderem Maße für die israelische El Al, die mittlerweile zwar privatisiert wurde, aber dennoch weiterhin als „Flag Carrier“ gelten darf. El Al verbindet den jüdischen Staat sozusagen mit der Welt, und dass sie nicht auch Dubai oder Casablanca ansteuert, liegt nicht an ihr. Sie symbolisiert in vielerlei Hinsicht den Wunsch Israels nach friedlichen Beziehungen mit den Nachbarländern, nach Normalität und nach einem Leben ohne Terror – oder doch zumindest nach einem Leben, das trotz allen Terrors weitergeht. Damit repräsentiert El Al gewissermaßen auch die Essenz Israels – den Willen, allen Feinden und Katastrophen zum Trotz nicht klein beizugeben, sondern Herausforderungen anzunehmen. Das funktioniert bei El Al so gut, dass ungeachtet offensichtlicher Bedrohungen seit nunmehr 39 Jahren keine Maschine dieser Gesellschaft mehr entführt werden konnte. Und auch wenn Attentatsversuche bisweilen erst in letzter Sekunde aufgedeckt wurden, so ist das El Al-System, das der israelische Inlandsgeheimdienst Shin Bet entwickelte, bemerkenswert undurchlässig.

Das bedeutet jedoch auch, dass El Al täglich mit der Perfidie und dem Vernichtungswillen von Judenhassern und -mördern konfrontiert ist und somit bei jedem Passagier zunächst einmal vom Schlimmsten ausgeht. Selbst El Al-Büros in europäischen Großstädten müssen von Sicherheitsbeamten mit Maschinenpistolen bewacht werden, und die El Al-Flughafenschalter waren wiederholt das Ziel terroristischer Angriffe – beispielsweise 1985 in Wien und in Rom sowie 2002 in Los Angeles. El Al spielte stets eine wichtige Rolle in der israelischen Geschichte – sei es, um Adolf Eichmann von Buenos Aires nach Tel Aviv zu transportieren, sei es, um mehr als 14.000 äthiopische Juden nach Israel zu bringen. Auch wenn der Hass von Israels Nachbarn extreme Umwege nötig machte – arabische Länder gewähren fast ausnahmslos keine Überflugsrechte –, ließ sich die Fluggesellschaft nicht davon abbringen, neue Routen zu eröffnen, beispielsweise nach Asien oder Südafrika.

El Al ist also ganz ohne Zweifel eine alles andere als alltägliche Airline – mit einer Ausnahme: Bei der Namensgebung für ihre Flugzeuge geht sie genauso vor wie die meisten anderen Gesellschaften auch. So, wie die größten Maschinen bei der Lufthansa Berlin, München oder Düsseldorf getauft wurden und die Swiss ihrer Langstreckenflotte Namen wie Matterhorn oder Dufourspitze gab, so heißen die Flugzeuge des El Al-Modells 747-400 (mit Platz für rund 350 Passagiere) Jerusalem, Tel Aviv-Yaffo, Be’er Sheva und Haifa, während die 777-200er-Maschinen (etwa 300 Sitzplätze) Negev, Galilee, Carmel und Ha’Sharon genannt wurden.

Diese Tradition wurde nun für die beiden neuesten 777er-Flieger außer Kraft gesetzt. Aus Solidarität mit den Einwohnern der Kleinstadt Sderot, die seit dem Rückzug der israelischen Armee aus Gaza vor zwei Jahren unter dem Beschuss von Qassam-Raketen leidet, sowie mit den Einwohnern von Israels nördlichster Stadt Kiryat Shmona, die als erste von den Raketen der Hizbollah getroffen wurde, beschloss der Vorstandsvorsitzende von El Al, Chaim Romano, die beiden neuesten Maschinen nach diesen Städten zu benennen: Sderot und Kiryat Shmona. Darüber hinaus wurden Kinder aus Sderot auf Firmenkosten in die USA geflogen; anschließend konnten sie als Gäste dem Erstflug der Sderot von New York nach Tel Aviv beiwohnen. Im Rahmen einer offiziellen Solidaritätsveranstaltung besuchten Chaim Romano und der El Al-Aufsichtsratsvorsitzende Issy Borovich Sderot und sprachen mit Betroffenen des palästinensischen Terrors. Eine ähnliche Maßnahme ist in Kürze in Kiryat Shmona geplant; die entsprechende Maschine soll Ende August zur El Al-Flotte stoßen. Da die 777er-Flugzeuge auf El Al-Routen um die ganze Welt jetten, wird El Als Rolle als Botschafterin Israels erweitert, um die Namen dieser Städte ins Gewissen der Weltöffentlichkeit zu bringen – wie vergeblich das auch immer sein mag.

Neben der Tatsache, dass El Al genau wie Sderot für Unbeugsamkeit und die Entschlossenheit steht, dem Terror zu trotzen, gibt es noch ein weiteres Element, das zu dieser Geste passt: Alle 777er-Flotten der El Al verfügen – nachdem im November 2002 eine Maschine der israelischen Chartergesellschaft Arkia beinahe von Al-Qaida abgeschossen worden wäre – über ein Raketenabwehrsystem, das die Flugzeuge vor den meisten Boden-Luft-Raketen schützt. Es bleibt zu hoffen, dass in Zukunft auch die Einwohner Sderots, Kiryat Shmonas und des gesamten Negevs und Galiläas in den Genuss einer solchen relativen Sicherheit kommen.

Zu den Bildern (von oben nach unten): (1) Der El Al-Maschinentyp 777: die Sderot. (2) Ankunft: Mehr als 14.000 äthiopische Juden wurden 1991 nach Israel gebracht. (3) Flugkarte der El Al (zum Vergrößern aufs Bild klicken): Nur wenige arabische Staaten gewähren Überflugsrechte.

%d Bloggern gefällt das: