Subjektive Objektive

Dieses Foto ging um die Welt: Israelische Kinder bemalen Raketen mit Sprüchen wie „To Nasrallah with love“ oder „From Israel“. Raketen, die wenig später auf Hizbollah-Stellungen fliegen würden. Der Aufschrei war und ist groß: Während im Libanon Kinder sterben, schreiben ihre Altersgenossen auf der anderen Seite lachend zynische Sprüche auf tödliche Waffen. Wo immer dieser Tage Kundgebungen stattfinden – mal offen antisemitische, mal als Friedensdemo getarnte –, wird die Aufnahme des israelischen AP-Journalisten Sebastian Scheiner herumgereicht und in die Luft gehalten. „Kindermörder Israel!“, skandieren die Adepten des antisemitischen Furors, nur noch etwas lauter als vorher. Denn ihre ressentimentgeladene Attacke ist diesmal mit Blick auf das Alter der israelischen Mädchen zweideutig gemeint.

Ein solches Bild emotionalisiert, mehr als jeder Zeitungsbericht; es scheint die Realität abzubilden. Es konnte gar nicht lügen, und daher schien es eindeutig und unzweifelhaft, dass es sich bei den Israelis um ein grundverdorbenes Volk handeln muss, das ohne Rücksicht auf Verluste blind um sich schlägt und sich daher über die Angriffe der Hizbollah nicht beschweren darf. Die Wucht, die die Wirkung des Fotos verursachte, trieb Lisa Goldman zur Suche nach seinen Hintergründen. Und wie so oft zeigte sich, dass die Abbildung eines kleinen momentanen Ausschnittes eben nicht das darstellt, was sie darzustellen scheint. Goldman beschreibt die Situation in Kiryat Shmona, einer israelischen Stadt direkt an der Grenze zum Libanon, die unter Dauerbeschuss durch Hizbollah-Raketen steht und menschenverlassen wirkt. Die Bewohner fliehen, wenn sie können, oder sie suchen Schutz in ihren Häusern und in den Schutzkellern.

Als eine neue Armeeeinheit in Kiryat Shmona ankommt und die Verteidigung Israels an einer besonders gefährlichen Stelle übernimmt, reist ein veritabler Tross Journalisten hinterher. Als Soldaten und Reporter eintreffen, wagen sich zum ersten Mal seit fünf Tagen wieder Kinder aus den Kellern, angelockt auch durch den Rummel, den sie in der Geisterstadt als Attraktion empfanden, nicht zuletzt wegen der Medienschaffenden aus dem In- und Ausland. Lisa Goldman beschreibt, was dann geschah:

„Offenbar schrieben einige der Eltern in Hebräisch und Englisch Botschaften an [den Hizbollah-Führer] Nasrallah auf die Raketen. ‚To Nasrallah with love’, schrieben sie an den Mann, dessen Name für sie ein teuflisches Bild im Fernsehen war – den Mann, der den Israelis in Reden, die auf ‚Al Manar’ und im israelischen Fernsehen liefen, spottend sagte, dass die Hizbollah sich darauf vorbereite, noch mehr Raketen auf sie zu feuern. Dass er glücklich darüber sei, dass sie leiden. Die Fotografen versammelten sich um die Mädchen. Zwölf von ihnen. Wissen Sie, wie viel das ist? Eine Menge. Und sie alle hielten ihre langen Kameraobjektive in die Szenerie, immer und immer wieder den Auslöser betätigend.

Die Eltern gaben die Stifte ihren Kindern, und diese malten kleine israelische Fahnen auf die Gehäuse der Raketen. Fotografen sind auf der Suche nach reißerischen Bildern, und was wäre reißerischer als niedliche, unschuldige kleine Kinder, die den Kontrast zur Hässlichkeit des Krieges bilden? Immer weiter klickten die Kameras, und ich glaube, diese Kinder müssen sich wie Stars gefühlt haben, vor allem durch die Abwechslung, die auf die Mischung aus Langeweile und ständiger Angst folgte, resultierend aus dem Abwarten des [Hizbollah-] Bombardements in den Bombenschutzräumen.“

Goldman sprach mit dem Fotografen Sebastian Scheiner, der bereitwillig Auskunft gab, aber nicht zitiert werden wollte. Dafür schilderte Shelly Paz, Reporterin bei der israelischen Tageszeitung Yedioth Ahronoth, ihre Beobachtungen:

„Keiner von den Eltern oder den Kindern drückte irgendeinen Hass auf das libanesische Volk aus. Niemand drückte irgendeine Befriedigung darüber aus, dass Libanesen sterben – wie auch Israelis sterben. Ihre Botschaften waren an Nasrallah (Foto links) gerichtet. […] Sie dachten, die Raketen seien gleichbedeutend damit, dass die anderen Raketen aufhören, die auf meinem Haus landen. Die Raketen werden den Mann mit dem Turban davon abhalten, uns mit der Ermordung zu drohen.“

Goldman kritisiert die Aktion dennoch als „kindisch“ und „leere Geste“, als „dumme Sache“ in einer emotionalen Stresssituation. Die Eltern hätten nicht verstanden, wie sie möglicherweise interpretiert werden können. Noch schärfer geht die Autorin jedoch mit der heftigen Resonanz auf das Foto ins Gericht:

„Ich habe mir die letzten zwei Tage Gedanken über dieses Bild und den Sturm der Reaktionen gemacht, die es auslöste. Ich mache mir Sorgen über das Klima des Hasses, in dem Leute auf das Foto gucken und automatisch das absolut Schlimmste annehmen – um es dann zum Dehumanisieren und Viktimisieren zu gebrauchen. Ich frage mich, warum so viele Menschen Befriedigung aus dem Glauben zu ziehen scheinen, dass kleine israelische Mädchen mit Stiften in ihren Händen – keinen Waffen, sondern Stiften – böse sind oder von einer bösen Gesellschaft hervorgebracht wurden. Ich frage mich, wie diese Leute sich fühlen würden, wenn Israelis ein Foto eines palästinensischen Kindes, das auf einer Hamas-Demonstration eine Sprengstoffgürtel-Attrappe trägt, ansehen müssten und daraus schlössen, dass alle Palästinenser – nein, alle Araber – böse sind.“

Es steht zu bezweifeln, dass die tatsächlichen Hintergründe eines Bildes, das binnen kürzester Zeit Karriere gemacht hat, in Deutschland und Europa auf nennenswertes Interesse stoßen – zumal bei denen, deren antisemitischer Hass auf Israel ohnehin notwendig faktenresistent ist und die sich manisch über den angeblichen Beleg für etwas freuen, wovon sie ohnehin längst ausgegangen sind und für das es daher gar keine Beweise braucht. Für diejenigen jedoch, die noch der Aufklärung zugänglich und nicht völlig vernagelt sind, hat Lisa Goldman eine wertvolle Recherche angestellt.

Übersetzung: Liza, Hattip: Hayo W.

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