Normale Absurdität, absurde Normalität

Kein Antisemitismus, nur Israelkritik. Essen, 18. Juli 2014.

Von Woody Allen stammt der berühmte Witz über die beiden New Yorker Intellektuellen, die sich auf einer Party unterhalten, als plötzlich der eine zum anderen sagt: »Du, ich habe einen Essay geschrieben, gegen den Antisemitismus.« Darauf der andere zum einen: »So? Wie schön! Ich bevorzuge Baseballschläger.« Der Witz ist deshalb so gut, weil er radikal wahr ist. Über den Hass auf die Juden ist bereits unendlich viel zu Papier gebracht worden, ohne dass er dadurch verschwunden wäre oder auch nur signifikant nachgelassen hätte – weshalb es zuvorderst darum gehen müsste, die Antisemiten daran zu hindern, das zu tun, was sie tun, wenn man sie nicht daran hindert. Doch das ist die Sache der Politik nicht, wo man Handlungsdruck gerne in Absichtserklärungen verpuffen lässt und ansonsten getreu dem Motto verfährt: »Wenn du nicht mehr weiter weißt, gründe einen Arbeitskreis«. So setzte der deutsche Innenminister Thomas de Maizière dann auch jenen »Expertenkreis Antisemitismus« ein, dessen Gründung der Deutsche Bundestag kürzlich befürwortet hatte, um »Antisemitismus entschlossen zu bekämpfen und jüdisches Leben in Deutschland weiterhin nachhaltig zu fördern«. Es ist der zweite Versuch dieser Art, der erste vor drei Jahren geriet vollkommen zu Recht schnell in Vergessenheit.

Juden wurden übrigens nicht in das Gremium berufen, was man ein bisschen eigenartig finden könnte, schließlich käme wohl auch niemand »auf den Gedanken, eine Konferenz zum Islamhass ohne muslimische Vertreter oder einen Runden Tisch zur Diskriminierung von Frauen ohne Frauen anzusetzen«, wie Anetta Kahane von der Amadeu-Antonio-Stiftung bemerkte. Es hätten ausschließlich »fachliche Erwägungen« bei der Besetzung der Expertenrunde eine Rolle gespielt, verteidigte der Innenminister daraufhin seine Auswahl. Das heißt also: Jüdische Experten, die womöglich einen besseren Überblick darüber haben, welche Verheerungen der Antisemitismus in den jüdischen Gemeinden und Gemeinschaften anrichtet, und deren Perspektive mit Blick auf die beabsichtigte Förderung des jüdischen Lebens in Deutschland nicht ganz unerheblich sein könnte, genügen den vorzüglichen Ansprüchen des Ministeriums nicht. Aber wo kämen wir auch hin, wenn die Juden in Deutschland jetzt schon über die Frage mitreden dürften, was Antisemitismus ist und wie man ihm beikommen könnte?

Zumal sie befangen sind und außerdem schamlos übertreiben. So sieht man es jedenfalls beim Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA), der in Deutschland führenden Einrichtung zur Erforschung des Hasses gegen die Juden. Diese hat jüngst im Auftrag des Berliner Senats eine Studie vorgelegt, die den Titel »Antisemitismus als Problem und Symbol – Phänomene und Interventionen in Berlin« trägt. Ihr Tenor: Jüdische und andere Initiativen gegen Antisemitismus dramatisierten antisemitische Vorfälle und instrumentalisierten sie für ihre Zwecke. Das Problem sei weniger der Hass auf Juden als vielmehr dessen »Dämonisierung«. Der Kampf gegen Antisemitismus, die Erinnerung an die Shoa und die Beziehungen zu Israel würden für politische Machtstrategien missbraucht. Antiisraelische Äußerungen und Demonstrationen von in Deutschland lebenden Muslimen wie im vergangenen Sommer seien kein Antisemitismus, sondern das Resultat einer rassistischen Diskriminierung in Deutschland und schlechter Erfahrungen der Vorfahren mit Israel.

Nicht nur in der deutschen Dependance des American Jewish Committee schüttelte man über diese bizarren Einschätzungen den Kopf (»Statt die Erscheinungsformen des Judenhasses gründlich zu untersuchen, greift die Studie richtungsgebende Handlungskonzepte gegen Antisemitismus an«). Auch Matthias Küntzel war befremdet: Die Autoren der Studie schränkten, so der Politikwissenschaftler und Publizist in der Welt, »die Bedeutung des Wortes Antisemitismus derart ein, dass selbst ein Mahmud Ahmadinedschad aufatmen kann«. Der Begriff Antisemitismus gelte für sie nämlich nur bei einer »Ablehnung von Juden als Juden«. Damit seien, so Küntzel weiter, »Ahmadinedschad und seine Freunde, die ›nur‹ den jüdischen Staat, nicht aber die ›Juden als Juden‹ auslöschen wollen, vom Stigma des Antisemitismus befreit«. Überdies vermittle »der Bericht nicht selten den Eindruck, als würden Opfer und Täter vertauscht«. In der Tat ist die 140 Seiten umfassende Studie vor allem eines, nämlich eine Kampfschrift gegen die Kritik des Antisemitismus. Der wissenschaftliche Duktus vermag das nicht zu ändern, er ist bloß Camouflage.

Wenn das nur ein Ausrutscher wäre, nur eine Ausnahme von der Regel, man könnte halbwegs entspannt darüber hinwegsehen. Aber es ist keine Ausnahme. Das ZfA hat von seinem Forschungsgegenstand einen Begriff, den fragwürdig zu nennen noch geschmeichelt wäre. Für den früheren, langjährigen Chef des Zentrums, Wolfgang Benz, ist nicht einmal Heinrich von Treitschke (»Die Juden sind unser Unglück«) ein Antisemit – und der Islamist, der vor drei Jahren in Toulouse in einer jüdischen Schule drei jüdische Kinder und einen Rabbiner ermordete, ist es ebenfalls nicht. Nimmt man Benz beim Wort, dann haben wir es mit dem Phänomen eines Antisemitismus ohne Antisemiten zu tun. Das ist zwar kein ernst zu nehmendes, aber immerhin ein originelles Forschungsresultat. Im Übrigen ist das ZfA wegen zweifelhafter Veranstaltungen bereits in der Vergangenheit in die Kritik geraten. Und dass es sich zur vordringlichen Aufgabe gemacht hat, »Vorurteilsforschung« zu betreiben – so, als handelte es sich beim Antisemitismus nicht um ein geschlossenes, auf antijüdischen Ressentiments basierendes Weltbild, sondern lediglich um eine vorgefertigte Meinung unter vielen –, hat seine internationale Bedeutungslosigkeit verdientermaßen noch einmal verstärkt.

Man kann das alles absurd finden. Aber wenn man bedenkt, dass unlängst ein deutsches Gericht befand, selbst ein versuchter Brandanschlag auf eine Synagoge müsse nicht zwangsläufig antisemitisch, sondern könne auch »israelkritisch« sein, dann ist diese Absurdität offenbar normal und die Normalität entsprechend absurd. In Deutschland, so hat Henryk M. Broder diese Denklogik einmal auf den Punkt gebracht, fange der Antisemitismus bei sechs Millionen Toten an. Alles unterhalb dieser Marke sei kein Verbrechen, sondern allenfalls eine Ordnungswidrigkeit. Und nicht einmal die wird geahndet.

Zuerst veröffentlicht auf Fisch + Fleisch.

Foto: Kein Antisemitismus, nur Israelkritik. Essen, 18. Juli 2014.

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