Der langsame Tod eines Hexenkessels

Am 3. Juni 1928 wurde er mit einem Spiel der Alemannia gegen Preußen Krefeld eingeweiht (der Endstand lautete übrigens 4:3); heute ist er dem Verfall preisgegeben, und in Kürze wird die Abrissbirne anrücken. Auf dem Gelände des legendären alten Tivoli in Aachen werden dann Einfamilienhäuser, ein Verbrauchermarkt und Büroflächen entstehen. Bereits seit zwei Jahren trägt die Alemannia ihre Heimspiele im unmittelbar neben dem alten Stadion gelegenen neuen Tivoli aus, und auch wenn diese Stätte zweifellos alle Anforderungen an eine moderne Arena erfüllt – und, nebenbei bemerkt, erheblich mehr Charakter hat als viele andere Exemplare der neuen Generation von Stadien –, gibt es doch eine Menge bester Gründe, mit Wehmut an das langjährige Domizil der Schwarz-Gelben und seine unvergleichliche Atmosphäre zurückzudenken. Bald wird nur noch die Bushaltestelle vor dem (ehemaligen) Eingang zur überdachten Stehtribüne an den alten Tivoli erinnern, der gerade einen langsamen Tod stirbt, wie Rolf Behrens’ Fotostrecke eindrucksvoll zeigt. (Für eine – sehr lohnenswerte – größere Darstellung bitte auf das jeweilige Bild klicken.)


VON ROLF BEHRENS (FOTOS UND TEXTE)

Getränke und Snacks gibt es jetzt nur noch nebenan: an der Aral-Tankstelle.


Alemannia Aachen wird nicht untergeh’n. (Vereinslied)
Unkraut vergeht nicht. (Sprichwort)

Im Schatten des Flutlichtmastes: „Am 28. August 1957 fand das Einweihungsspiel der neuen Flutlichtanlage sowie der neuen Tribünen statt. Die Alemannia verlor das Spiel gegen Espanyol Barcelona vor einer Rekordkulisse von 35.000 Zuschauern mit 2:4. Die neue Flutlichtanlage zählte damals zu den Modernsten in ganz Europa.“ (Wikipedia)

Der Alptraum aller Gästespieler: Wann immer diese sich der Außenlinie näherten, drohten plötzliche Schreie aus dem S-Block. Heute zuckt kein Gegenspieler mehr zusammen: Der Hexenkessel ist verwaist.

Der Hauch der Legenden: „Seit dreißisch Jahren jeh’ isch op der Tivoli, aber so eine Scheiße hab isch noch nie jesehen – TOR!“, entfuhr es hier einst einem Hardcore-Fan mit dem liebevollen Spitznamen „Goldzahn“.

Der Verfall des Tivoli scheint weitgehend zufällig zu verlaufen. Allein im Strafraum vor dem Würselener Wall erkennt man, dass sorgfältig Rasenstücke ausgestanzt wurden: zum Verkauf im Fanshop.

Von hier aus wird niemand mehr eingewechselt: Wo einst Meijer, Schlaudraff und Rolfes gesessen haben, sprießt jetzt Unkraut.

Ein Platz im Grünen: Der letzte Hartschalensitz auf der alten Haupttribüne hat es sich gemütlich gemacht. Kaum zu glauben, dass er (vermutlich) mal Teil eines „M“ in „ALEMANNIA“ war.

Seine Nachbarn gibt es für ein paar Euro im Fanshop nebenan. Teure Plätze sind das nicht mehr. In der Sprecherkabine erwischte die Aachener Polizei übrigens vor kurzem zwei nächtliche Metalldiebe. Tagsüber hätte vermutlich niemand von ihnen Notiz genommen.

Nie mehr Bundesliga: Fast trotzig wirkt es, wie das Bundesliga-Logo sich dem Vandalismus widersetzt. Und keiner steht im S-Block, um der Leichenfledderei Einhalt zu gebieten.

Kleiner war der Abstand zwischen Spielfeld und Zuschauern nirgends im bezahlten Fußball.

Ein paar hundert Meter weiter ist der Tivoli in einem seiner schönsten Momente zu sehen: Sobald alle Zuschauer das Stadion betreten haben, wird Stefan Blank noch einmal aus 30 Metern abziehen und zum 1:0 gegen den FC Bayern München treffen. Leider nur im Maßstab 1:87. Und hinter Glas, im Fanshop des neuen Tivoli.

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