Jägerlatein

Man kann über Lorenz Jäger vieles sagen, aber ganz gewiss nicht, dass er nicht jederzeit für eine rabulistische Performance gut ist. In seinem Stammblatt, das sich völlig zu Recht Zeitung für Deutschland nennt, hat sich der Diplom-Soziologe just gestern mit einem Kommentar zum neuesten Werk des dänischen Künstlerduos Surrend verewigt. Dieses Werk (Foto oben) – das in verschiedenen Berliner Stadtteilen verklebt wurde – ist ein Plakat, das balkendick mit der Überschrift „Endlösung“ aufmacht und darunter einen Landkartenausschnitt zeigt, auf dem Israel nicht mehr existiert, sondern einem Staat namens „Ramallah“ gewichen ist. Jäger sieht darin eine „Satire gegen Israelkritiker“ und glaubt: „Wer die Aktionen von ‚Surrend’ kennt, müsste wissen, was diesmal die Absicht war. Nämlich: nicht irgendeine Attacke auf das Existenzrecht Israels.“ Ganz im Gegenteil solle „offenbar der Kritik an bestimmten Formen der israelischen Politik durch Konsequenzmacherei der Boden entzogen werden, durch den Gestus: Schaut her, dahin wird es kommen“. Durch das Wort „Endlösung“ werde dabei „infamerweise suggeriert, dass eben hierin die wahre, aber verschwiegene Absicht der Israel-Kritiker liege“.

Es ist immer wieder erhellend zu beobachten, wie eine „israelkritische“ Gesinnung zwangsläufig dazu führt, die Wirklichkeit nur noch selektiv wahrzunehmen, um es freundlich auszudrücken. Denn der FAZ-Mann wusste selbstverständlich, was Jan Egesborg, die eine Hälfte des Surrend-Teams, zu seiner Kreation auszuführen hatte: „Die Idee, die von diesen Plakaten ausgeht, gerade im deutschen Kontext, soll eine Diskussion über die aggressive und negative Haltung Israels im Nahen Osten anregen. Wir haben nie das Existenzrecht Israels geleugnet, aber es war ein historischer Fehler, Israel zu gründen. Als Jude fand ich es immer schon problematisch, dass Israel auf gestohlenem Land erbaut wurde. Wie der israelische Staat heute die Palästinenser behandelt, ist schrecklich. Es gibt keine andere Antwort, als dass die Juden aus Israel eine neue Heimat finden, etwa in den USA, Deutschland oder Dänemark.“

Ohne diese Stellungnahme wäre die Mutmaßung, dass Surrend auf die Konsequenzen der „Israelkritik“ hinweisen wollte, durchaus zulässig gewesen – nicht zuletzt deshalb, weil Egesborg und seine Partnerin Pia Bertelsen sich in der Vergangenheit mehrmals mit islamkritischen Aktionen hervorgetan haben. Doch nach Egesborgs Äußerungen – die keineswegs sarkastisch gemeint waren – gibt es keinen Interpretationsspielraum mehr: Die Künstler „reden wie Ahmadinedjad“, brachte es Shimon Samuels, Direktor des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Paris, auf den Punkt. Sie haben den jüdischen Staat gewissermaßen „künstlerisch von der Landkarte getilgt“, wie es Benjamin Weinthal im Tagesspiegel formulierte, und dass sie ihren Vorschlag für eine Endlösung der Nahostfrage unbedingt „gerade im deutschen Kontext“ unterbreiten wollten, rundet das Ganze erst richtig ab. Insofern hat Surrend tatsächlich die Konsequenzen der Israelfeindschaft deutlich gemacht und ihren antisemitischen Kern freigelegt – wenn auch gänzlich ungewollt.

Dass Lorenz Jäger seinen Lesern Egeborgs Statement unterschlägt, dürfte deshalb kein Zufall sein. Nur so konnte er seine abwegige These, das Plakat sei in Wahrheit eine pro-israelische Intervention, überhaupt erst aufstellen. Per E-Mail um eine Auflösung des eklatanten Widerspruchs zwischen der Aussage des Surrend-Künstlers und der Deutung des Plakats in der FAZ gebeten, verwies Jäger zunächst lediglich auf einen Kommentar im Kölner Stadt-Anzeiger („Vielleicht überzeugt Sie dieser Beitrag mehr“), um auf die erneute Bitte um eine inhaltliche Antwort schließlich mit einem persönlichen Angriff zu reagieren: „Ich finde es viel passender, wenn Sie bei Ihrer Ansicht bleiben – sie ist Ihrem Horizont und Ihrem Schaffen irgendwie angemessen.“ Selten hat ein Redakteur einer führenden deutschen Tageszeitung einen so freimütigen Einblick in seine journalistischen wie charakterlichen Prädispositionen gegeben.

Überraschend ist das gleichwohl nicht, wenn man auf Jägers Horizont und Schaffen (um in seiner eigenen Terminologie zu bleiben) einen genaueren Blick wirft: Seine Adorno-Biografie ist ein Verriss der Kritischen Theorie, für seinen Artikel zur antisemitischen Pius-Bruderschaft wurde er von der Jungen Freiheit gelobt, er verteidigte Norman Finkelsteins Buch „Die Holocaust-Industrie“, ist ein Anhänger von Ernst Nolte und handelte sich für seine Kulturgeschichte des Hakenkreuzes vom Historiker Bernd Buchner den Vorwurf ein, „eine Hakenkreuz-Apologie“ verfasst zu haben. Darüber hinaus ist Jäger mit kruden Ausführungen zur angeblichen Macht der „Israel-Lobby“ in Erscheinung getreten und hat den französischen Intellektuellen André Glucksmann und Bernard-Henry Levy allen Ernstes vorgeworfen, mit ihrer Kritik an der russischen Politik bloß die Interessen des jüdischen Staates zu vertreten. Kurzum: Lorenz Jäger ist ein antiisraelischer Überzeugungstäter – und auch das ist noch zurückhaltend geurteilt.

Ein Wort noch zum Plakat von Surrend: An Walter Herrmanns „Klagemauer“ in Köln wäre es fraglos gut aufgehoben, zumal Egesborg und Bertelsen nicht befürchten müssten, dafür rechtlich belangt zu werden. Denn die Staatsanwaltschaft in der Domstadt würde es ohne Zweifel als „legitime Israelkritik“ betrachten, schließlich zeigt es keine „bestimmten anatomischen Stereotypen, die den Juden schlechthin charakterisieren sollen“. Und wenn alle Stricke reißen, dann geht die Überschrift „Endlösung“ samt ihrer künstlerisch-kartografischen Umsetzung eben als „judenkritisch“ durch. Mark my words.

Update 8. Mai 2010: Es sei doch alles ganz anders gemeint gewesen, rechtfertigt sich Jan Egesborg in der taz – und bestätigt schließlich genau das, was er zu widerlegen glaubt: „Wer in Deutschland Israel kritisiert, wird häufig umgehend und reflexhaft als Antisemit oder Holocaustleugner angegriffen“, glaubt er, weshalb Surrend mit seinem Werk eine Botschaft, „so spitz wie eine Nadel“, habe übermitteln wollen: „Die Plakatüberschrift ‚Endlösung’ haben wir sorgsam ausgewählt, denn der Begriff ist in Deutschland ein Tabuwort. Wird es in ein Bild von einer Landkarte integriert, aus der Israel gelöscht und durch ‚Ramallah’ ersetzt wurde, dann haben wir hier einen Klassiker zwecks Demaskierung der öffentlichen Meinung. Diese wird die Macher unmittelbar als Antisemiten brandmarken, ohne auch nur einmal deren Hintergrund zu überprüfen.“

Sollte sich Egesborg mit der öffentlichen Meinung hierzulande tatsächlich ernsthaft auseinandergesetzt haben, dann müsste er wissen, dass die „Israelkritik“ für die erdrückende Mehrheit der Deutschen eine Herzensangelegenheit ist und Surrend mit seiner spitzen Nadel nur die kleine Minderheit der Israelfreunde getroffen hat, die nach Kräften vor einer Endlösung der Nahostfrage warnt, wie sie auf dem Plakat dargestellt ist. Wenn er trotzdem das Gegenteil behauptet, reiht er sich ein in die Phalanx derjenigen, die in paranoider Verkennung der Wirklichkeit glauben, ein pro-israelisches Meinungskartell dominiere die deutsche Nahostdebatte. Mit ihrem vermeintlichen Tabubruch haben die dänischen Künstler lediglich sich selbst demaskiert – und sich als konformistische Rebellen zu erkennen gegeben, die exakt auf einer Linie mit vierschrötigen Israelfeinden wie Lorenz Jäger liegen.

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