Alpendonaunazis für Ahmadinedjad



Über die abendländischen Freunde des Djihad und ihr eigentliches Feindbild.



VON RENATE GÖLLNER UND GERHARD SCHEIT


Sie brüllen „Daham statt Islam“ und bewundern die Djihadisten. Die unter österreichischen Neonazis besonders beliebte Website alpen-donau.info, die nicht anders als die Kronen Zeitung und die FPÖ das „Abendland in Christenhand“ wünscht, ist zugleich auf Distinktionsgewinn aus: „Mit billiger Moslemfeindlichkeit kühlt man sein Mütchen. Wir haben kein Religionsproblem, sondern ein Ausländerproblem!“ Hier im engen Kreis der Weitblickenden denkt man in Großräumen und distanziert sich, was die Berichterstattung über den Iran betrifft, heftig von der kleinräumigen Boulevardzeitung, mit der sich anzulegen sonst niemand wagt, nicht einmal die Präsidentschaftskandidatin der Boulevardpartei, die einst Jörg Haider groß gemacht hat. Und da bricht inmitten der Ausländerfeindlichkeit der Neid auf das weltweit so erfolgreiche Konkurrenzunternehmen in Sachen Barbarisierung hervor – darauf, dass es im anderen Großraum die Führer gibt und die Rackets: Ahmadinedjad und Khamenei, die Revolutionsgarden und die Bassidji; dass man dort steinigen darf, wer sich der Gemeinschaft nicht fügt; vor allem aber, dass nur noch dort dem gemeinsamen Feind, der die Grenzen niederreißt und den freien Verkehr von Kapital und Arbeitskräften organisiert und garantiert, die Stirn bietet: Der Iran sei der „letzte freie Staat“.

Der Alpendonaunazi ist der Inbegriff des Neonazis. Wie der Antiimperialist zur „Linken“ verhält er sich zur FPÖ: Er fühlt sich als der ausgewiesene Großraumtheoretiker, der außenpolitische Stratege innerhalb einer Bewegung, die sich, was das große Ziel betrifft, im alltäglichen politischen Kampf des Kleinraums verheddert. Die Hymne auf die Islamische Republik Iran und die Verteufelung Israels und der USA, wie sie die Alpen-Donau-Info bietet, könnten ebensogut von der Homepage des Kai-Homilius-Verlags stammen, wo Jürgen Elsässer seine Volksinitiative simuliert. Die originären Nazis sind einfach nur die konsequenteren Antiimperialisten: Sie sagen nicht nur „Zionismus“, sie konzentrieren sich mit besonderer Verve direkt auf die Juden, und sie greifen nicht nur die Juden ganz allgemein an, sondern zielen auch gleich auf einen ganz bestimmten Juden oder eine ganz bestimmte Jüdin.

Die antisemitische Projektion braucht im Unterschied zum Rassismus immer auch einzelne konkrete Personen als Objekte. Die Personifizierung muss vollendet werden: Es genügt nicht das Judentum oder die jüdische „Rasse“, um all dem, was abstrakt ist am Kapital, was unheimlich und bedrohlich erscheint an der Moderne, eine fassbare Gestalt zu geben. Es bedarf vielmehr einer ganz bestimmten, möglichst allgemein bekannten „Persönlichkeit“, damit sich der Hass konzentrieren kann: eines Individuums, das in der paranoiden Fantasie all das, was den Juden ganz allgemein unterschoben wird, im Wortsinn personifiziert. Nicht zufällig wurden der „Dokumentarfilm“ über den Ewigen Juden und der „Spielfilm“ über Jud Süß gleichzeitig gedreht: Die Weltverschwörung muss in der anonymen Masse des Judentums ungreifbar bleiben und zugleich in der einzelnen Person greifbar werden; sie verlangt ebenso nach der Vorstellung von den dunklen geheimnisvollen Machenschaften einer Israel-Lobby wie nach dem in den Medien gegenwärtigen Gesicht von Ignatz Bubis oder Ariel Sharon. Nur dadurch kann die Wut es sich selbst beweisen, dass sie es in jedem Fall auf den Tod der Juden, jedes einzelnen, abgesehen hat.

Die Alpendonaunazis haben nun zu diesem Zweck Simone Dinah Hartmann „auserwählt“. Sie sprechen von „Hetze gegen den Iran“, die sie betreibe, um ihre eigene gegen die Juden zu organisieren: „Allen Hetzern voran die verstörte, jüdische Antideutsche Simone Dinah Hartmann, mit ihrem Bündnis: Stop the Bomb.“ Es genügt nicht, von der „Israel-Lobby“ und vom „Propagandafeldzug“ der USA zu schreiben; mit dem sicheren Instinkt einer Hetzmasse wird eine Person aufgespürt, die als Sprecherin einer Kampagne für Sanktionen gegen den Iran bis an die Schwelle einer gewissen Medienöffentlichkeit gelangt ist, über die man selbst gerne kommen möchte. Wie im antisemitischen Witz begnügt sich der Hass nicht mit dem Namen der Person; er zielt unmittelbar auf die Physis: Es muss ihre Stimme zu hören sein, es muss ihr Foto her, und darunter steht: „Die Augen sind der Spiegel der Seele.“ Aber auch den Haaren der Angegriffenen wird besondere Aufmerksamkeit zuteil, wie um auszudrücken, dass man alles zu verwerten wisse, wenn es einmal wieder soweit sei.

Die Neonazis bilden so etwas wie das abgekürzte Bewusstsein, das diese Gesellschaft von sich selbst hat. Darum das Bizarre: Die Verkürzung betrifft zunächst die individuelle Entwicklung, die „Herrschaft infantiler Komplexe“ (Freud). Vom Jargon über den Habitus und die Attribute bis zur Gestaltung der Websites: Der Eindruck, den sie machen, ist immer der eines zur Infantilität Verdammten, ewig mit der Drohung konfrontiert, dass man ihm das „teure Organ wegnehmen“ werde, wenn er „sein Interesse dafür allzu deutlich betätigt“. Unter dem Einfluss dieser ihnen selbst unbewussten Kastrationsdrohung fürchten, verachten und hassen sie die Juden, die sie sich ebenso als unmännliche Männer wie von besonderer Lüsternheit besessen ausmalen. Ist die Jüdin als Objekt der Projektion ausersehen, verstärkt hier das „sexuelle Tirolertum“ (Karl Kraus), die Angst vor der sexuellen Autonomie der Frauen, noch die Paranoia. Direkten Einblick auf diese Gemütslage gewährt die Zeichnung des allseits beliebten Cartoonisten Carlos Latuff, die von den Alpendonaunazis, wie in einer Fehlleistung, ans Ende ihrer Hasspredigt gesetzt wurde: Ein Palästinenser im Gazastreifen, der offensichtlich nach einem Raketenangriff der Israelis mit blutbefleckter Hose ein totes Kind im Arm hält; aber so tief unten hält er das Kind, dass nur ja die unbewusste Assoziation mit dem Geschlechtsorgan nicht ausbleibe.

Die Alpendonaunazis kokettieren gern mit ihrer Gefährlichkeit, aber das hat etwas Verzweifeltes, denn sie wissen, dass die Gesellschaft, in der sie leben, es ihnen verweigert, richtige, erwachsene Nazis zu werden, dass sie also dazu verurteilt sind, kindisch zu bleiben. So bedrohlich sie für den Einzelnen sind, der ihnen zufällig begegnet – sie bleiben doch nur eine gewalttätige Reminiszenz des postnazistischen Subjekts, eine in bestimmten Zonen arretierte und eingehegte, rezente Gewaltform. Darum der sehnsuchtsvolle Blick in den anderen Großraum, zu den Selbstmordattentätern und den Selbstmordkollektiven des Nahen und Mittleren Ostens. Aber statt Sprengstoffstangen trägt der Alpendonaunazi nur eine Fahnenstange (siehe das Signet der „Alpen-Donau-Info“) oder einfach Bierdosen mit sich herum; statt der Aussicht auf eine Atombombe, die auf Israel zielt, hat er nur die Aussicht, einzelne Juden zu bedrohen, und zuletzt vielleicht auf einen Posten bei der Freiheitlichen Bildungsakademie. Schon im nahen Ungarn, bei den Jobbik-Nazis, nimmt die Solidarität mit Ahmadinedjad praktischere Formen an: Der Vorsitzende wünscht sich nicht nur Wahlbeobachter aus dem Iran, die Partei dürfte, wie auf einer Konferenz in Washington vermutet wurde (Népszabadság, 20.11.2009; wir danken Karl Pfeifer für den Hinweis), auch Geld von dort bekommen, und es formiert sich eine „Ungarische Garde“, bei der man nicht weiß, ob sie mehr die alten Pfeilkreuzler oder die iranischen Pasdaran zum Vorbild hat.

So oder so, in ihrer Isoliertheit wie in ihrer Anschlussfähigkeit, die Neonazis sind eine Art Hohlspiegel des Ganzen: Sie bringen nicht nur zum Ausdruck, woher diese Gesellschaft kommt, sondern auch – in trauter Einigkeit mit den Linksextremen –, wohin sie treibt: Auf dem Massenmord an den Juden errichtet, drohen Appeasement und Gleichgültigkeit gegenüber den djihadistischen Kräften, die dieses Verbrechen in neuen Formen wiederholen wollen, jederzeit umzuschlagen in offene Unterstützung.

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