Das Problem heißt Deutschland

Andreas Rinke, Redakteur beim Handelsblatt, bewirbt sich mit seinem Kommentar „Frieden und Boden“ für das Bundesverdienstkreuz:

„Ganz offen rückt Israels Regierungschef [Benjamin Netanyahu] von der internationalen Einigung auf einen Siedlungsstopp ab und lässt auch im arabischen Ostjerusalem neu bauen. […] Seite an Seite mit der härteren Israel-Politik der Obama-Administration sollte deshalb auch die Bundesregierung eine neue Tonlage anschlagen. […] Es stimmt, dass der Beistand für Israel Teil der deutschen Staatsräson ist, wie Kanzlerin Merkel betont. Aber auch sie scheint langsam zu erkennen, dass dies keine Nibelungentreue zu einer Regierung rechtfertigt, die mit ihrer Politik jede Friedenslösung unmöglich macht und nur neuen Hass sät. Sicherlich muss eine Bundesregierung bedenken, dass israelische Hardliner wenig Hemmung haben, eine härtere deutsche Haltung als ‚antiisraelisch’ oder gar ‚antisemitisch’ zu brandmarken. Bewusst verwendet Netanjahu gegenüber deutschen Gesprächspartnern den Ausdruck, das Westjordanland dürfe nicht ‚judenrein’ werden. Aber zum einen lassen sich Vorwürfe klar widerlegen, gerade wenn die eigene Politik eng mit den EU-Partnern und der US-Regierung abgestimmt wird. Zum anderen muss die Bundesregierung überlegen, wie groß eigentlich der Schaden in anderen Teilen der Welt ist, wenn Deutschland mit dem steten Hinweis auf bedingungslose Solidarität als Erfüllungsgehilfe einer international geächteten Politik angesehen wird.“

Auch Arno Widmann will unbedingt vorgeschlagen werden und verlegt die – selbstverständlich illegitime – Gründung des Staates Israel, vor Kühnheit zitternd wie Martin Walser damals in der Paulskirche, sogar um ein Jahr nach hinten sowie den von Eleazar Ben-Ja’ir geführten Aufstand um 23 Jahre nach vorne (um von der Bar-Kochba-Rebellion ganz zu schweigen):

„Was spricht dafür, dass die Juden, die 1949 den jüdischen Staat gründeten, die Kindeskindeskinder derjenigen waren, die im Jahre 49 das Heilige Land verließen? Und selbst wenn? Gibt einem das das Recht, 1900 Jahre später zu sagen: Hier bin ich wieder. Das ist mein Land. Wer bisher hier gewohnt hat, hat zu gehen? Und selbst wenn – gibt einem das das Recht, dieses Land Jahr um Jahr zu erweitern? Immer neue Bewohner zu vertreiben?“

Und Yassin Musharbash verteidigt auf Spiegel Online eine, der diese Ehrung gerade zuteil wurde:

„Geehrt werden sollte, wer das geistige Leben in diesem Land bereichert hat, neue Einsichten ermöglicht hat, sich auf die Seite der Schwachen gestellt, sich engagiert hat. Und das hat Felicia Langer.“

Langers Bereicherung des geistigen Lebens in der Bundesrepublik, ihre Ermöglichung neuer Einsichten und ihr Engagement bestehen, kurz gesagt, in der „Friedenskampf“ genannten Hetze gegen Israel und in der als „Einsatz für die Schwachen“ euphemisierten Verharmlosung des palästinensischen Terrors. Dadurch hat die Anwältin – als jüdische Kronzeugin der Anklage – dazu beigetragen, den Deutschen ihre Schuldgefühle gegenüber den Juden, sofern sie überhaupt je welche besaßen, zu nehmen und den Antisemitismus in Form der vermeintlich unverdächtigeren „Israelkritik“ zu popularisieren. Darin liegt Langers Verdienst, und genau dafür ist sie vor knapp einer Woche geehrt worden. Nicht zuletzt deshalb fühlen sich Leute wie Andreas Rinke von allen Hemmungen befreit und rechnen mit frechen Judenlümmeln wie Benjamin Netanyahu oder Avigdor Lieberman ab, wenn die es wagen, die Konsequenz aus der Forderung nach einem Siedlungsstopp auf den Punkt zu bringen. Und nicht zuletzt deshalb glauben Leute wie Arno Widmann, dem jüdischen Staat mal eben das Existenzrecht absprechen zu sollen.

Dass eine Israelhasserin die höchste Auszeichnung der Bundesrepublik Deutschland bekommen hat, kann nur diejenigen verwundern, die ernsthaft glauben, hierzulande habe sich an der Virulenz des Antisemitismus grundlegend etwas geändert. Doch das ist nicht der Fall, weshalb die Ehrung weniger etwas über die Geehrte aussagt als vielmehr eine ganze Menge über diejenigen, die ihr den Orden umgehängt haben. Und exakt hier liegt das eigentliche Problem, das deshalb Deutschland heißt und nicht Felicia Langer.

Foto: Staatssekretär Hubert Wicker hält die Laudatio auf Felicia Langer. Villa Reitzenstein, Stuttgart, 16. Juli 2009 (Quelle: Staatsministerium).

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