Wieder kein Flächenbrand?

Entschließt sich Israel zu Militärschlägen, heißt es in Politik und Medien regelmäßig, nun drohe die Gefahr eines „Flächenbrandes im Nahen Osten“. Der bleibt dann zwar genauso regelmäßig aus, doch das hindert niemanden daran, die These bei nächster Gelegenheit wieder hervorzukramen; so auch jetzt. Wer sie aber ernst meint, müsste zumindest die Frage beantworten können, wo denn bereits ein Fanal gesetzt worden ist, das sich zu einem raumgreifenden Feuer ausweiten könnte. Vielleicht in der West Bank, da, wo man es zuerst vermuten könnte? Nein – ganz im Gegenteil: In Ramallah und Nablus, Qalqiliya und Jenin ist es erstaunlich ruhig. Warum das so ist, hat sich Khaled Abu Toameh in der Jerusalem Post gefragt; David Hazony hat den Beitrag gelesen und für Contentions, das Weblog des Commentary Magazine, seine Schlüsse daraus gezogen. Lizas Welt hat Hazonys Text ins Deutsche übersetzt.

Warum ist die West Bank ruhig?

VON DAVID HAZONY

Khaled Abu Toameh, der für die Jerusalem Post aus Ramallah schreibt, wirft ein Schlaglicht auf die anderen Palästinenser: die in der West Bank. Während zehntausende Demonstranten sowohl in Europa als auch in arabisch-israelischen Orten wie Sakhnin und Um el-Fahm Israel an den Pranger stellen, ziehen Protestveranstaltungen in der von der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) kontrollierten West Bank bislang allenfalls jeweils ein paar hundert Menschen an. Und das, obwohl der Hamas-Führer Khaled Mashaal zu einer „dritten Intifada“ aufgerufen hat. Warum ist das so? Abu Toameh hat eine Reihe von Antworten anzubieten. Hier ist die erste:

„Ein Grund hängt mit den durchgreifenden Maßnahmen der Sicherheitskräfte des PA-Präsidenten Mahmud Abbas in der West Bank zusammen. Die PA hat Pro-Hamas-Demonstrationen verboten; Palästinenser, die mit Hamas-Fahnen erwischt wurden, sind entweder verprügelt oder festgenommen worden.“

Das ist verständlich, nicht wahr? Mahmud Abbas ist in Sorge, dass zu viel Unterstützung für die Hamas sein Regime unterminieren würde und es womöglich gar zu einem Umsturz käme, ähnlich dem, der die Hamas in Gaza an die Macht brachte. Aber Moment mal: Was ist mit der berühmten „arabischen Straße“? Sind die Palästinenser nicht außer sich vor Wut über Israels mutwilliges Töten von Kindern in Gaza? Gut, die Demonstranten in der West Bank dürfen zwar nicht die Hamas unterstützen – aber sollte man nicht trotzdem weit verbreitete Riots, Gewalt gegen israelische Soldaten oder massive Proteste gegen Israel erwarten? Noch einmal Abu Toameh:

„Ein anderer Grund für die relative Ruhe hat damit zu tun, dass einige Palästinenser der Hamas die Schuld für die jüngste Gewalteskalation geben. Sie sind davon überzeugt, dass die Hamas für das Elend der Palästinenser im Gazastreifen verantwortlich ist, weil sie sich geweigert hat, den Waffenstillstand zu verlängern, und weiter Raketen auf Israel geschossen hat. Es ist auch möglich, dass die Bewohner der West Bank inzwischen spüren, dass sie mehr zu verlieren haben, wenn sie bei der Gewalt Zuflucht suchen. In den letzten beiden Jahren hat sich die wirtschaftliche Situation deutlich verbessert, nachdem die internationale Gemeinschaft die finanzielle Unterstützung der PA wieder aufgenommen hat. Im Gegensatz dazu hat sich die Lage im Gazastreifen auf fast allen Ebenen deutlich verschlechtert, seit die Hamas dort die volle Kontrolle übernahm.“

Die große Mehrheit der Palästinenser empfindet den Krieg in Gaza demnach nicht als etwas, wogegen sich ein Protest lohnen würde. Folgt man dieser Theorie, dann kennen die Palästinenser die Alternativen, sie wissen, wer Schuld hat, und begreifen, dass es auch einen anderen Weg gibt, als das Leben in selbstmörderischer Unterstützung fanatischen Terroristen zu widmen. Diese Theorie könnte stimmen, aber auch falsch sein. Möglicherweise liegt die erste Antwort näher: Die Palästinenser protestieren deshalb nicht, weil man ihnen gesagt hat, dass sie es nicht sollen, und sie tun immer, was man ihnen sagt.

All das lässt in Bezug auf die Palästinenser eine kleine Zahl von Antworten möglich erscheinen, von denen mindestens eine stimmen muss, aber keine wirklich zum antiisraelischen Narrativ passt. Es ist denkbar,

  1. dass die „arabische Straße“ ein Mythos ist und gewalttätige Proteste immer von oben befohlen werden, sogar angesichts so genannter israelischer Gräueltaten;
  2. dass die Palästinenser in der West Bank zu verstehen beginnen, dass der Verzicht auf Terror und Gewalt womöglich ernsthafte Vorteile mit sich bringt;
  3. dass die Zerstörung des Hamas-Regimes nicht nur für den Westen und die ihn stillschweigend unterstützenden Ägypter von Vorteil ist, sondern auch für die meisten Palästinenser, sogar um den Preis von Opfern unter der Zivilbevölkerung;
  4. dass die nationale Identität der Palästinenser erheblich schwächer ist, als wir bislang angenommen haben, und dass die Bewohner der West Bank eher gewillt sind, ihre regionale Regierung und den regionalen way of life zu unterstützen als ihre Brüder in Gaza.

Das sollten die Mächtigen der Welt zur Kenntnis nehmen.

Das Foto entstammt einer Pro-Hamas-Demonstration in Manhattan am 28. Dezember 2008. In Ramallah wurden am gleichen Tag Einheimische beim Konsumieren zionistischer Fruchtsäfte gesehen. Die Parole scheint also nicht bei allen Palästinensern konsensfähig zu sein.

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