Ghetto-Kids on tour

Schon mal von Fred Schlomka gehört? Eldad Brin? Oder Torsten Teichmann? Kein Problem: Der erste ist Tourismusveranstalter, der zweite Reiseführer und der dritte Hörfunkreporter, allesamt in Israel. Teichmann hat Schlomka und Brin bei ihrer Arbeit begleitet, das heißt: Er ist „mit dem Bus durch Ost-Jerusalem“ gereist. Aus seinen auf diese Weise gewonnenen Erkenntnissen hat er anschließend einen Radiobeitrag für die ARD gebastelt. Es seien „ungewohnte, extreme Eindrücke“, die man auf dieser Fahrt „ins Westjordanland und entlang des israelischen Sperrwalls“ sammeln könne, befand er. Aber genau das sei auch das Anliegen von Fred Schlomka, der „nicht weniger als den Verlauf der Dinge in Nahost verändern“ wolle. Um es in Schlomkas eigenen Worten zu sagen: „Letzten November hatte ich im Internet entdeckt, dass eine Gruppe der Siedler Touren ins Westjordanland anbot. Deren Absicht ist es, Israelis zu werben, die Häuser in den Siedlungen kaufen – und ausländische, jüdische Touristen sollen dort auch investieren. Das hat mich geärgert. Und dann dachte ich: Was die können, kann ich auch.“ Und zwar schon lange.

Schlomkas Reiseunternehmen heißt Alternative Tours in English. Die „Informationen und Analysen“, die bei den Fahrten durch „Israel, Palästina und die West Bank“ verbreitet würden, basierten, so heißt es auf der Website des Veranstalters, „auf menschenrechtlichen Aspekten, dem Recht auf Selbstbestimmung und dem Recht aller Völker, in Sicherheit und politischer Freiheit zu leben“. An ihrer Selbstbestimmung, Sicherheit und Freiheit werden die Palästinenser aber natürlich nicht durch die Mordbanden der Hamas und Fatah gehindert, sondern ausschließlich durch israelische Sperranlagen und Checkpoints. Das findet jedenfalls Schlomka und mit ihm sein Guide Eldad Brin, der Teichmann und den anderen Tourteilnehmern deshalb auch „den schrecklichsten Abschnitt der Mauer“ zeigt, nämlich den an der palästinensischen Ortschaft Abu Dis gelegenen. „Stellen Sie sich vor, sie wachen früh auf und entlang der Hauptstraße ihres Wohnviertels verläuft plötzlich eine acht Meter hohe Mauer“, echauffiert sich Brin. Wie es für die in Jerusalem lebenden Menschen vor dem Bau der Sperranlagen war, stets mit der Furcht vor Selbstmordattentätern aufzuwachen, sagt er nicht.

Überhaupt ist weder bei Schlomkas Touren noch in Teichmanns Reportage die Rede davon, dass der Antiterrorwall – der nur zu drei Prozent aus Beton besteht – und die Kontrollen an den Grenzübergängen die Sicherheit der israelischen Bürger vor tödlichen Anschlägen nachweislich verbessert haben. Seit es sie gibt, ist die Zahl der suicide attacks drastisch gesunken – und genau das war auch das Ziel. Diese Tatsache hätte zu berücksichtigen, wer sich ernsthaft „dem Recht auf Selbstbestimmung und dem Recht aller Völker, in Sicherheit und politischer Freiheit zu leben“, verpflichtet fühlt. Aber Schlomka, Brin und Teichmann wollen nicht über den Terror der Hamas und der Fatah sprechen; sie stellen lieber die Schutzbefestigungen als Ausdruck israelischer Willkür, Schikane und Gängelei dar. Was geschähe, wenn sie wieder abgebaut würden, fragen sie sich gar nicht erst. Stattdessen lässt der Mann vom öffentlich-rechtlichen Hörfunk die Reiseteilnehmerin „Dina aus Boston“ zu Wort kommen. Die wundert sich darüber, dass es in Israel „nicht mehr Opposition gibt“, denn: „In den Vereinigten Staaten sind viele linke Juden. Und viele Kriegsgegner – schon während des Vietnamkriegs – waren Juden. Ich verstehe nicht, warum diese Einstellung hier nie angekommen ist.“ Da wird der Radiomann aus Germany gewiss genickt haben.

Zum Schluss seines Beitrags hält Torsten Teichmann für seine deutschen Hörer noch ein ganz besonderes Schmankerl bereit. Fred Schlomkas Bus stoppt nämlich vor einem geschichtsbewussten Graffito, das vor einigen Jahren auf den Schutzwall gesprüht wurde, auf der israelischen Seite, gegenüber von Abu Dis. „Vom Warschauer Ghetto zum Abu-Dis-Ghetto“, steht dort in englischer Sprache (Foto). „Mich durchfährt jedes Mal ein Schauer, wenn ich das sehe“, sagt Reiseführer Brin. Und Teichmann setzt andächtig fort: „An dieser Stelle wird es ganz ruhig im Bus. Die meisten Teilnehmer der kleinen Gruppe kommen aus jüdischen Familien, die dem Holocaust entkommen sind. Aber keiner regt sich in diesem Moment. Es sind ungewohnte, vielleicht auch extreme Eindrücke, die Touristen auf dieser Fahrt sammeln können. Aber Schlomka ist überzeugt, dass er so etwas verändern kann.“ Indem er nämlich die Israelis zu den Nazis von heute macht. Auch und gerade vor „jüdischen Familien, die dem Holocaust entkommen sind“.

Bei der nächsten Tour nach Abu Dis wird der alternative Reiseveranstalter seinen Fahrgästen dann sicher zeigen, wo die jüdischen SS-Wachen sind, was die Palästinenserräte alles tun müssen und wie die ausgemergelten Bewohner zur Zwangsarbeit verschleppt werden, bevor die Zionisten die noch Lebenden im Zuge der Endlösung der Palästinenserfrage schrittweise in die israelischen Vernichtungslager deportieren, den folgenden Aufstand niederschlagen und das Ghetto von Abu Dis schließlich liquidieren. Torsten Teichmann wird darüber ausführlich im deutschen Radio berichten. Die GEZ zahlt ihm dafür bestimmt sogar eine Gefahrenzulage.

Foto: Lizas Welt – Herzlichen Dank an Ralph Bruns für wertvolle Hinweise.

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