Mies gemacht (V)

Lieber Günter Netzer! Im Zeitalter von Lean-Production und Outsourcing hat es selbst der Exportweltmeister nicht immer leicht, sein „Made in Germany“ an die Kundschaft zu bringen. Da ist der Rückgriff auf, sagen wir mal, Bewährtes und Vertrautes zweifellos hilfreich. „Deutsche Tugenden haben wir immer noch am besten“, warben Sie also nach dem Flick-Kick gegen Portugal für den geschundenen Standort, denn „dafür fürchtet man uns, und damit verbreiten wir Angst und Schrecken“. Beruhigend immerhin, dass notfalls die US-Army am Ende wieder leistet, woran andere zuvor gescheitert sind.

Lieber Fußballgott! Tschechien raus, Portugal raus, Kroatien raus, Holland raus – was ist es, das dich zürnen lässt? Das Turnierreglement der Uefa? Oder sollte es am Ende gar so sein, dass das Martyrium deines Jüngers Gary Lineker – „Fußball ist ein Spiel, bei dem 22 Spieler hinter einem Ball herjagen, und am Ende gewinnt immer Deutschland“ – von der Botschaft zum Gebot geworden ist? Dem Himmel sei Dank sind wir Atheisten.

Lieber Slaven Bilić! Hat vor dem vergeigten Viertelfinalspiel Ihrer Kroaten bloß der CD-Player die Grätsche gemacht? Oder hat Ihnen die humorlose Uefa verboten, in der Kabine weiterhin Faschomucke aufzulegen? Jedenfalls viel Erfolg beim Elfmeter-Schießen gegen die Jungs von der Ustaša!

Lieber Josef Hickersberger! Wissen Sie, was das Beste am Ausscheiden Ihrer Mannschaft ist? Dass uns, um es mit Ihren Worten zu sagen, Ihr Eierkopf nicht mehr auf den Sack geht. Ungelogen.

Liebe Uefa! Die Begründung für die zurückgenommene gelb-rote Karte im Spiel zwischen den Niederlanden und Russland glaubt ihr doch nicht mal euch selbst, oder? Falls aber doch, solltet ihr Luboš Michels Helfer an der Seitenlinie schnellstmöglich befördern, bevor der gute Mann mit dem Röntgenblick von der NASA abgeworben wird.

Liebe deutsche Autokorsofahrer! Mit zweieinhalb Promille und dem Ranzen auf der Hupe stundenlang Smogalarm spielen – aber die Türken reiten den Globus zuschanden, ja? Wir erinnern euch daran, wenn ihr das nächste Mal die Benzinwut kriegt oder die Bullen euren Lappen kassieren.

Liebes Schweizer Fernsehen! Den Text der ersten Strophe einzublenden, wenn Deutsche und Österreicher anlässlich eines Ereignisses von schicksalhafter Tragweite gemeinsam stramm stehen – das hatte was. Ihr habt euren durchaus geschichtsbewussten Mitarbeiterinnen jetzt aber nicht etwa angekündigt, zur Strafe nach Bautzen zu müssen?

Liebe Kollegen von „sportal.de“! Eine Frage: Wenn die Nazis das Hoffmannsche „Deutschland über alles“ bloß „missbraucht“ haben, wie ihr meint – wie sähe dann die reguläre Umsetzung dieser überaus bescheidenen Forderung zwischen Maas und Memel, Etsch und Belt aus? Na?

Liebe deutsche Privatflieger! Bevor es in Vergessenheit gerät: Die „Legion Condor“ gibt es gar nicht mehr, und was aus dem „Unternehmen Barbarossa“ wurde, könnt ihr eure in solchen Dingen recht auskunftsfreudigen Vorfahren fragen. Spielt doch einfach mit Mathias Rust eine Runde Poker. Dann stellt ihr in dieser Zeit wenigstens keinen anderen Unsinn an.

Liebe Fanmeilen-Besucher! Irgendein schlauer Kopf hat kürzlich den Euphemismus „Public Viewing“ mit der Erfindung des Wortes „Rudelgucken“ zur Kenntlichkeit entstellt. Und wir setzen mit Jürgen Roth gerne noch einen drauf: „Der einzige Ort, an dem sich das unvergleichliche Spiel Fußball würdevoll und adäquat verfolgen lässt, ist die Quartierskneipe alten Stils, in der, unbesehen ihres Standes, ihrer Kleidung, ihres Gebarens, Einzelgänger so beheimatet sind wie Ansprachebedürftige und Dauerunterhalter. Alles andere gehört zum Teufel und nach der EM für alle Zeiten wieder abgeschafft.“

Mies gemacht ist die EM-Kolumne von Lizas Welt.

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