Dilemma mit weiser Entscheidung

Irgendwie passt es, dass in einem der bemerkenswertesten Spiele in der Geschichte der Europameisterschaft auch eines der umstrittensten Tore der Turnierhistorie fiel. Mit einem überragenden, ja, bezaubernden dreizunull schlugen am Montagabend die Niederlande den amtierenden Weltmeister Italien; der Sieg war über alle Maßen verdient, wurde jedoch mit einem Treffer eingeleitet, der noch lange für Diskussionen sorgen wird: Nach einem Freistoß von Rafael van der Vaart in den Strafraum der Italiener faustete deren Torhüter Buffon den Ball in der 26. Minute zunächst aus der Gefahrenzone – und seinen Mitspieler Panucci gleichzeitig unabsichtlich aus dem Spielfeld. Während Panucci dort lag (und liegen blieb), schlug der Niederländer Sneijder den Ball aufs Tor. Sein verdächtig frei stehender Mitspieler van Nistelrooy grätschte in den Schuss und beförderte den Ball in die Maschen. Sofort reklamierten die italienischen Spieler mit erhobenen Armen eine Abseitsposition des Schützen, und auch die niederländischen Kicker jubelten zunächst nur zögerlich – bis ihnen ein Blick zum schwedischen Schiedsrichter Peter Fröjdfeldt verriet: Der Treffer zählt.

Die Zeitlupe schien die Italiener auf den ersten Blick zu bestätigen: Im Moment des Abspiels von Sneijder befand sich van Nistelrooy klar vor dem Ball und hatte nur noch den Torwart vor sich – also weniger als die zwei gegnerischen Spieler, die erforderlich sind, damit die Abseitsposition aufgehoben ist. Aber da war ja noch Panucci, der neben dem Pfosten und hinter der Torauslinie lag, also außerhalb des Spielfeldes. Die alles entscheidende Frage lautete nun: Wird er mitgezählt oder nicht? Ja, entschieden der Referee und sein Assistent. Nein, meinten die italienischen Spieler, die kaum zu beruhigen waren; Luca Toni bekam wegen allzu ungestümen Protestierens sogar die gelbe Karte. Auch die TV-Kommentatoren waren sich uneins: Während der ARD-Reporter Steffen Simon befand, das Tor sei regulär erzielt worden, wurde im Schweizer Fernsehen das Gegenteil behauptet.

Was hilft in solchen Fällen? Ein Blick in die Fußballregeln und die Einschätzung kompetenter Menschen. Zu den Letztgenannten gehört zweifellos der Uefa-Generalsekretär David Taylor, und der bekräftigte die Schiedsrichterentscheidung: „Van Nistelrooy stand nicht im Abseits, weil sich noch der Torhüter und ein weiterer Spieler vor ihm befanden. Ein Spieler befindet sich im Spiel, auch wenn er nicht auf dem Spielfeld ist. Diese Regel ist unter Schiedsrichtern bekannt, in der Öffentlichkeit häufig nicht.“ Mit ihr solle vermieden werden, dass ein Verteidiger das Verlassen des Spielfeldes als taktisches Mittel benutzt, um einen Angreifer ins Abseits zu stellen. Taylor weiter: „Stellen Sie sich vor, bei einer Ecke steht ein Verteidiger auf der Torlinie und verlässt im letzten Moment das Feld. Welcher Schiedsrichter oder Assistent sollte das sehen? Wer soll entscheiden, ob das absichtlich war?“ Der Abteilungsleiter der DFB-Referees, Lutz-Michael Fröhlich, schloss sich an: „Das Tor war regulär. Die Regel besteht seit ewigen Zeiten. Sie soll verhindern, dass eine neue Trickkiste aufgemacht wird.“

In den Fußballregeln wiederum heißt es unter Regel 11 („Abseits“): „Begibt sich ein verteidigender Spieler hinter die eigene Torlinie, um einen Gegner abseits zu stellen, lässt der Schiedsrichter das Spiel weiterlaufen und verwarnt den verteidigenden Spieler bei der nächsten Spielunterbrechung, weil er das Spielfeld ohne Erlaubnis des Schiedsrichters absichtlich verlassen hat.“ Im Falle Panuccis allerdings lag ganz gewiss keine Absicht vor, kein taktisches Verhalten und auch keine „neue Trickkiste“. Das ändere jedoch nichts, erklärte DFB-Schiedsrichtersprecher Manfred Amerell: „Ein Abwehrspieler kann einen Angreifer nicht abseits stellen, nur weil er sich hinter der Torlinie befindet. In diesem Fall lag der Spieler unabsichtlich hinter der Linie und wird deshalb auch nicht verwarnt, wie es von der Regel im Absichtsfall verlangt wird. Dennoch ist er Teil des Spiels und hebt damit eine Abseitsstellung auf.“ Er werde „in diesem Fall so behandelt, als ob er auf der Torauslinie liegen würde“, ergänzte Lutz-Michael Fröhlich. Das hat fraglos eine gewisse Logik, denn dort, also auf der Torauslinie, wäre Panucci schließlich „genauso zur Tatenlosigkeit gezwungen gewesen, hätte aber für jeden Beobachter ersichtlich die mögliche Abseitsstellung van Nistelrooys aufgehoben“, bemerkte Daniel Meuren in der FAZ.

Dass die Erläuterungen der genannten Funktionäre so ausführlich ausgefallen sind, deutet an, dass das Innerhalb und Außerhalb in den Fußballregeln offenbar nicht immer ganz so buchstabengetreu geklärt ist und deshalb einer Interpretation bedarf. Und in der Tat finden sich ein paar Ungereimtheiten, deren für alle befriedigende Auflösung allerdings kaum möglich ist. Da wäre zunächst die Regel 3 („Zahl der Spieler“), in der festgelegt ist, wann und unter welchen Umständen ein Spieler das Spielfeld überhaupt verlassen darf: Er muss einen nachvollziehbaren Grund haben – im Klartext: „Austausch nicht erlaubter Kleidung oder Ausrüstung oder eines blutverschmierten Trikots, die Behandlung einer Verletzung oder einer blutenden Wunde“ – und außerdem die Zustimmung des Schiedsrichters einholen.

Nur in drei Ausnahmefällen wird von diesem Grundsatz abgesehen. Der erste tritt dann ein, wenn ein Spieler den Platz verlassen muss, um einen Abstoß, Eckstoß, Freistoß oder Einwurf auszuführen. Der zweite lautet: „Überschreitet ein Spieler zufällig eine Begrenzungslinie des Spielfelds, gilt dies nicht als Regelübertretung. Das kurzfristige Verlassen des Spielfelds kann als Teil der Spielbewegung betrachtet werden.“ Damit ist beispielsweise eine Zweikampfsituation an der Seitenlinie gemeint, bei der ein Akteur versehentlich kurzzeitig außerhalb des Platzes gerät. Die dritte Ausnahme betrifft pikanterweise das Abseits: Während ein Verteidiger nicht vom Feld gehen darf, um einen Angreifer ins Abseits zu stellen, ist es dem Stürmer im Sinne des Offensivgeistes sehr wohl erlaubt, sich kurzzeitig hinter die Torlinie zu flüchten, um so dem Abseits zu entgehen. Bedingung: Er muss sich dort passiv verhalten.

In allen anderen Fällen muss gemäß den Regeln mit einer gelben Karte und einem indirekten Freistoß bestraft werden, wer den Platz verlässt, ohne dem Schiri vorher Bescheid gesagt zu haben. In der von der Theorie abweichenden Praxis wird jedoch von einem verletzten Spieler – sozusagen aus menschlichen Gründen – nicht erwartet, dass er den Referee erst um Erlaubnis bittet, bevor er sich vom Feld schleppt oder rollt, um sich jenseits der Begrenzungsmarkierungen behandeln zu lassen. Ist er dann erst mal draußen, darf er zwar vorerst nicht ins Spiel eingreifen, wird aber gewissermaßen auch nicht mehr mitgezählt – bis er wieder den Rasen betritt, nachdem der Unparteiische ihm das per Handzeichen gestattet hat. Panucci ist dabei ein Grenzfall: Angenommen, er hätte sich eine Minute vor dem Torerfolg verletzt und wäre fernab des Spielgeschehens ohne Information des Schiedsrichters über die eigene Torauslinie gehumpelt, um sich dort medizinisch versorgen zu lassen. Dann hätte ihn der Referee zweifellos gewähren lassen – und bei einer möglichen Abseitssituation, anders als am Montagabend vor dem 1:0, nicht als Abwehrspieler berücksichtigt.

Doch der italienische Verteidiger wurde just in dem Moment unfreiwillig vom Feld befördert, als es vor dem Tor seiner Mannschaft gerade lichterloh brannte. Und da stellt sich ein Problem: Wie hätten der Unparteiische und sein Assistent binnen kürzester Zeit – zwischen Panuccis unfreiwilligem Satz hinter die Torauslinie und van Nistelrooys Abschluss vergingen gerade einmal handgestoppte dreieinhalb Sekunden – entscheiden sollen, ob der Italiener sich wirklich ernsthaft weh getan hat oder ob er nicht zumindest auch aus taktischen Gründen liegen blieb (immerhin drohte akut ein Gegentor)? Das hätte wohl nicht einmal ein Arzt vermocht, schon gar nicht per Ferndiagnose. Ein perfektes Dilemma, das auch nicht durch eine Regeländerung oder -ergänzung aus der Welt zu schaffen ist. Denn man würde dem Schiedsrichter eine unverantwortlich große Last aufbürden, wenn man ihn zwänge, in einem Fall wie dem Panuccis binnen weniger Wimpernschläge zu beurteilen, was eine Verletzung ist und was bloß Simulation oder Taktik. Demgegenüber birgt die praktizierte Auslegung, im Zweifelsfall den außerhalb liegenden Verteidiger das Abseits aufheben zu lassen, also für den Angreifer zu entscheiden, zwar im Einzelfall Härten; zumindest ist sie aber eine Richtschnur – für den Referee wie für die Spieler.

Wie auch immer: Peter Fröjdfeldt und sein Linienrichter haben nicht nur intuitiv eine regelkonforme, sondern auch eine weise Entscheidung getroffen. Sie mag ungerecht der italienischen Mannschaft und insbesondere Panucci gegenüber gewesen sein, aber sie war gerecht gegenüber den Niederländern, die schließlich nichts dafür konnten, dass der italienische Torwart seinen eigenen Mitspieler aus dem Feld boxte. Sie war gerecht in Bezug auf den Spielverlauf, denn das 1:0 war überfällig. Und sie war gerecht gegenüber allen Freunden des offensiven Fußballs. Dass immer noch heftig über sie diskutiert wird, gereicht ihr ebenfalls nicht zum Nachteil. Denn so bleibt dieses wunderbare Spiel noch ein bisschen länger im Gespräch, wie kontrovers auch immer.

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