Nem kérünk a Nácikbol!

Schon seit längerer Zeit terrorisieren ungarische Neonazis vor allem in Budapest immer wieder Menschen, die nicht in ihr extrem beschränktes Weltbild passen. Doch inzwischen regt sich organisierter Widerstand dagegen. Karl Pfeifer schildert im folgenden Gastbeitrag für Lizas Welt, was sich in jüngster Zeit in der Hauptstadt Ungarns zutrug, und er hat darüber hinaus einen in der Zeitschrift Szombat erschienenen Bericht des Journalisten János Gadó über die erste von zwei antifaschistischen Demonstrationen aus dem Ungarischen ins Deutsche übersetzt.

Von Karl Pfeifer, 13. April 2008

Die ganze Affäre begann am 20. März dieses Jahres, als eine junge Frau im Kartenbüro Broadway in der Hollán-Ernö-Straße im XIII. Budapester Bezirk zehn Tickets für das Konzert der rechtsradikalen Band Hungarica kaufen wollte. Vom anschließenden Geschehen existieren zwei verschiedene Versionen: die des Geschäftsführers dieses Büros und die der berüchtigten Neonazi-Website kuruc.info. Die Neonazis behaupten, das „ungarische Mädchen“ sei nicht bedient, sondern lautstark als Faschistin beschimpft und aus dem Büro geworfen worden. Doch letztlich ist das ohne Belang, denn kurze Zeit später wurde ein Molotowcocktail auf das Geschäft geworfen, das daraufhin ausbrannte. Die Nationale Befreiungsarmee Pfeile der Ungarn bekannte sich zu dieser kriminellen Tat, so wie sie sich in der Vergangenheit bereits zum Zusammenschlagen des ehemaligen sozialistischen Abgeordneten Sándor Csintalan bekannt hatte. Der Name der rechtsradikalen Organisation ist ein Hinweis auf die Pfeilkreuzler, die Ende 1944 und Anfang 1945 eine Schreckensherrschaft in Ungarn ausübten.

Auf der Internetseite ZeneSzöveg („Texte der Musik“) fand die Budapester Tageszeitung Népszabadság einige einschlägige Texte des Ensembles Hungarica. Ich übersetze davon lediglich einen, der auch auf Ungarisch nicht anders klingt als in der Übersetzung:

Demokratur

Lautstark klingt die Stimme der Antiungarn, fremde zivile Kosmopoliten,
in deren Auge die Glut des Hasses brennt, die Peitsche der Söldner schneidet in dein Fleisch.
Wenn es auf sie ankäme, dann würden sie Szózat [die patriotische Hymne, K.P.] und die Nationalhymne verbieten,
die Marionettenfiguren mit blutigen Händen veranstalten für uns einen Zirkus.
Lautstark klingt die Stimme der Antiungarn, Tag und Nacht, überall,
Hirn und Körper waschend, vergiftend eine verdorbene Zeit.
Sekt und Kaviar gebührt dem, den nie die Wunde Trianon [dort unterzeichnete der Außenminister des Horthy-Regimes 1920 den Friedensvertrag, K.P.] schmerzte, seine Nadel und sein Schwert, der Giftzahn der Demokratur.

Refrain:
Geistiger Terror belagert, der Bulldozer der Demokratur.
Er zerstört alles, bis es Staub wird, wenn du in deiner eigenen Heimat kein Wort hast.

In einem anderen Lied wird offener Revisionismus zum Ausdruck gebracht: „Die Stadt Pressburg (Bratislava, Pozsony) wird noch ungarische Könige sehen“, und man werde nie auf eine Reihe von slowakischen Städten verzichten, heißt es dort.

Ungarische Neonazis wollten anscheinend für das Konzert werben, das ebenfalls mit „Demokratur“ betitelt war und am 11. April stattfand. Vier Tage zuvor war es zu einem denkwürdigen Aufmarsch dieses Gesindels unter der Leitung des Unternehmers Tamás Polgár gekommen, der als Schnittlauch auf allen rechtsextremistische Suppen schwimmt und sich „Tomcat“ nennen lässt (siehe auch den folgenden Beitrag von János Gadó). Er droht gleichwohl jeden wegen Verleumdung zu verklagen, der ihn als Faschisten bezeichnet. Doch erst unlängst hat er eine Hetzkampagne gegen einen jüdischen Jugendlichen begonnen, der am 15. März, dem Nationalfeiertag, eine Diskussion mit einem Mädchen hatte und dem „Tomcat” unterstellt, ihre Kokarde mit den Nationalfarben heruntergerissen zu haben. „Tomcat” erklärte: „Dieser Jude muss zusammengeschlagen werden, man muss ihn erniedrigen, man muss ihn kastrieren, damit seine Rasse sich schlussendlich besinnt, dass das hier nicht ihr Land ist. Das war es nicht und wird es nicht sein. […] Du großmäuliger, dreckiger Jude! Wir werden ganz Budapest durchkämmen, um dich zu finden! Wir werden dich finden, auch wenn du dich unter der Erde versteckst, und wir werden deine Nieren kaputt schlagen! […] Wir werden ein langes Band in den Nationalfarben beschaffen und dich damit aufhängen.”

Am Nachmittag des 11. April, an dem das Hungarica-Konzert stattfinden sollte, demonstrierten schließlich erneut die Neonazis vor dem Kartenbüro, das noch am Vormittag vom ungarischen Präsidenten László Solyom besucht worden war. Doch auch diesmal waren die Gegner der Rechtsradikalen gekommen und sogar in größerer Anzahl vertreten, den Regierungschef Ferenc Gyurcsány sowie den ehemaligen deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder eingeschlossen, der eine kurze Rede hielt. Die Neonazis marschierten schließlich zum Parlament; einige von ihnen demolierten am Denkmal für die sowjetischen Befreier der Stadt die Kränze.

Die konservative Partei Fidesz hat in der lokalen Behörde einen Vertreter mit israelischer und ungarischer Staatsbürgerschaft, der früher zehn Jahre lang in der israelischen Armee gedient hat. Er hat sich – und das ist hoch einzuschätzen – als Erster gegen die Zusammenrottung der Neonazis ausgesprochen. Freilich bedeutet eine Schwalbe noch keinen Sommer: Fidesz pflegt auch Querverbindungen zur rassistischen ungarischen Garde – beispielsweise, als bei deren Fahnenweihe die Fidesz-Abgeordnete Maria Wittner eine Rede hielt. Doch es gibt noch gefährlichere Erscheinungen. So attackierte unlängst Zsolt Bayer in der ehemaligen liberalen Tageszeitung Magyar Hirlap die Journalisten des linksliberalen politischen Lagers: „Es handelt sich bei ihnen um ‚Zweck-Juden’. Ihre bloße Existenz bestätigt den Antisemitismus. […] Lassen wir sie entschieden nicht in das Bassin der Nation pinkeln oder hineinschnäuzen.“ Bayer hält Reden bei wichtigen Fidesz-Veranstaltungen und soll auch den ehemaligen Ministerpräsidenten Viktor Orbán beraten. Fidesz hat sich bislang nicht von ihm distanziert. Im Gegenteil zwei Tage nach Erscheinen dieses skandalösen Text zeigte ihn das Fernsehen bei einem Fest von Fidesz.

Besorgnis erregend ist auch die Haltung der christlichen Kirchen, deren Würdenträger die Fahnen der Ungarischen Garde geweiht haben. Am schlimmsten treibt es der calvinistische Pfarrer Lóránt Hegedüs junior, der vor einem Jahr in seiner Kirche am Deák Platz in der Mitte von Budapest David Irving empfangen hat und öffentlich fordert, Juden auszugrenzen. Vielleicht sollte man diejenigen evangelischen Akademien in Deutschland, die ständig „Kritik” am Staat Israel üben, einmal fragen, was sie diesbezüglich tun.

János Gadó

Nach dem Kampf, vor dem Kampf

Szombat, April 2008

Am 7. April verteidigten wir Újlipótváros, ein [ehemaliges, K.P.] jüdisches Zentrum in Budapest. An der Ecke der Hollán-Ernö-Straße stoppten wir die Leute mit den schwarzen Uniformen. Um die Angst und die „Es ist besser, nichts zu tun“-Mentalität zu bekämpfen, organisierten sich Budapester Juden, Liberale, Linke und einige Konservative und warteten auf die Rechtsradikalen, die „Tickets kaufen“ wollten.

Eine in ultrarechten Kreisen bekannte Frau hatte eine Diskussion mit den Angestellten einer Kartenverkaufsstelle in der Hollán-Ernö-Straße. Auf rechtsradikalen Websites behauptete sie anschließend, beleidigt worden zu sein. Man habe zu ihr gesagt: „Ungarn werden in diesem Geschäft nicht bedient!“ Eine Woche später warf jemand einen Molotowcocktail auf den Laden. Da dessen Eigentümer „selbst daraus nichts gelernt“ habe, trommelte „Tomcat“ alias Tamás Polgár (Foto), der verrufene Blogger, seine Gefolgschaft zusammen und wies sie an, in Naziuniformen zu dem Geschäft zu marschieren, um „Tickets zu kaufen“.

Sie sind voller Tatendrang. Seit 2006 dominiert die Rechte in den Straßen von Budapest. Für sie ist es daher nur folgerichtig, zu glauben, sie könnten auch in Újlipótváros zeigen, dass ihnen die Straßen gehören. Bislang begingen sie nur nachts während der nationalen Feierlichkeiten ihre „revolutionären Akte“ im Stadtzentrum. Mittlerweile halten sie die Zeit für gekommen, um dies auch am helllichten Tage und genau hier zu tun. Weil sie fantasieren, die Ungarn würden ausgeschlossen! Das heißt: Weil vergleichsweise viele Juden hier leben.

Es ist bekannt, dass die Neonazis einschüchtern wollen. Aber es gibt Menschen, die diese Gefahr erkannt haben, sie nicht tolerieren wollen und sich deshalb organisiert haben. Etliche E-Mails wurden verschickt, und jüdische Websites boten ein Forum an. Viele vernünftige Menschen erfuhren auf diese Weise, was geplant war. György Szabó, der konservative Fidesz-Repräsentant des XIII. Bezirks im Stadtrat, informierte die Behörden und die Stadt davon, dass man demonstrieren werde, und er war selbst vor Ort, um in Kontakt mit den Behörden und anderen Menschen zu bleiben. Auch Politiker anderer Parteien kamen, um ihren Bezirk zu verteidigen.

Die versammelten 30 Skinheads wurden von 400 Gegendemonstranten empfangen. Die Neonazis, die auf die Kartenverkaufsstelle zumarschierten, wurden von der Polizei gestoppt, ihre Ausweise wurden kontrolliert, und sie wurden aufgefordert, den Ort wieder zu verlassen. „Nazis go home!“, riefen die Demonstranten, und die Skinheads antworteten: „Wir sind hier zu Hause!“ Die Demonstrationsteilnehmer waren froh, die Polizei in ihrer Nähe zu haben.

„Tomcat“ erklärte, er könne hier keine Tickets kaufen, weil er Ungar sei, und das verletze seine demokratischen Rechte. Nach einer zehnminütigen, lautstarken Diskussion verzogen sich die Neonazis, und die Demonstranten applaudierten. „Tomcat“ kehrte mit einigen seiner Getreuen jedoch wieder zurück und knipste Fotos aus der fünften Etage eines Gebäudes. Als die Skinheads wiederkamen, wurden sie von der Polizei zurückgedrängt. Sie fühlten sich dadurch beleidigt, dass die Polizei die Menschen mit den Rasta-Haaren verteidigt.

Bleiben wir für einen Moment bei dem T-Shirt mit dem Foto von Hitler (Bild rechts). Was kann man wohl von einem Zeitgenossen (und seinen Freunden) erwarten, der Újlipótváros mit solch einem Kleidungsstück betritt?

Die ungarischen Medien hatten sich zur Kartenverkaufsstelle begeben, um sich die beiden verschiedenen Versionen des Vorfalls anzuhören. Sie glaubten, so die Wahrheit herauszufinden. Wahrscheinlich war alles nur ein Missverständnis. Wahrscheinlich kann man den Konflikt lösen. Wahrscheinlich ist das Verhältnis zwischen Juden und Neonazis aufgrund eines Missverständnisses so angespannt. „Ist es nicht möglich, dass Sie zu ihm gehen und mit ihm sprechen?“, fragte der Reporter der [liberalen, K.P.] Wochenzeitung HVG den Journalisten Péter Rózsa, einen der Organisatoren der Demonstration, und deutete dabei auf „Tomcat“. Rózsa weigerte sich, mit den Neonazis zu sprechen. Daher fragte HVG „Tomcat“, wie das Land aussähe, wenn er Regierungschef in Ungarn wäre:

„Tomcat“: „Es wäre voller Ruinen, voller jüdischer Leichen und Babys, die gegen die Mauern geworfen wurden. Die schwarz gekleideten Todesbrigaden würden Andersdenkende mit Speeren durchbohren.“ – HVG: „Das war ironisch; ich habe aber ernsthaft gefragt.“ – „Tomcat“: „Nein, das ist keine Ironie, das ist genau das, was ich tun will und was ich ersehne.“

Zu den Fotos (von oben nach unten): (1) Antifaschistische Demonstration am 11. April 2008 in Budapest; auf dem Transparent steht: „Wir brauchen keine Nazis!“ (2) Das Plakat, mit dem für das Konzert der rechtsradikalen Band Hungarica geworben wurde. (3) „Tomcat“ alias Tamás Polgár, eine führende Figur in der ungarischen Neonaziszene. (4) Ein ungarischer Neonazi mit einem Hitler-T-Shirt, der an der rechtsradikalen Demonstration am 7. April in Budapest teilnahm.

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