Dem Boykotteur ist nichts zu schwör

Es war nichts anderes zu erwarten: Weil Israel anlässlich seines 60. Geburtstages Ehrengast der diesjährigen Pariser Buchmesse Salon du livre ist, boykottieren zahlreiche arabische Länder – darunter der Libanon, Tunesien, Algerien, Marokko, der Jemen und Saudi-Arabien – sowie Dutzende von arabischen Buchverlagen die morgen beginnende Literaturschau in der französischen Metropole, wie sie es bereits für eine vergleichbare Veranstaltung im Mai in Turin angekündigt haben. Sie folgen damit dem Aufruf der Islamischen Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (ISESCO) und der Union palästinensischer Schriftsteller. Der Präsident der letztgenannten Vereinigung fand die Einladung von israelischen Schriftstellern nämlich „unwürdig“, denn Israel sei ein „rassistischer Henker-Staat“, der „mehr denn je die Menschenrechte mit Füßen tritt“. Daher gelte es, die „Anti-Normalisierungsfront“ zu stärken. Und der notorische Tariq Ramadan sekundierte in der französischen Tageszeitung Le Monde, die Messe könne nicht „den jüdischen Staat feiern und das Schicksal der Palästinenser ignorieren“. Business as usual also.

Zwar wurden vereinzelt arabische Stimmen laut, die den Boykottaufruf kritisierten, aber deren Motivation war durchweg hanebüchen. Der algerische Verleger Mohamed Boilattabi etwa erklärte er die Buchmesse wegen ihres Ehrengastes zu einem „antikulturellen Ereignis“, würde jedoch ungeachtet dessen gerne nach Paris fahren – um seine Autoren vom „aktiven palästinensischen Widerstand“ erzählen zu lassen. Auch Alaa al-Aswani, Autor des mittlerweile sogar verfilmten Bestsellers Das Haus Yacoubian, hält es für einen „sehr schweren Fehler“, ein Land zum Ehrengast zu machen, das der „Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig“ sei. Dennoch will er in Frankreichs Hauptstadt reisen und dort „Fotos von libanesischen und palästinensischen Kindern verteilen, die Opfer der israelischen Politik geworden sind“. Die in Paris lebende libanesische Romanautorin Hoda Barakat wiederum tat kund, israelische Autoren zwar zu „bewundern“, doch den Boykott als „symbolische Aktion“ zu unterstützen.

Die offiziellen Reaktionen in Frankreich auf den Rückzug der arabischen Teilnehmer fielen bislang eher reserviert aus: Kulturministerin Christine Albanel und Außenminister Bernard Kouchner bedauerten die Absagen und die „Politisierung“ der Veranstaltung „außerordentlich“; Christine de Mazières und Serge Eyrolles, die für die Organisation der Messe verantwortlich sind, erklärten unisono: „Wir haben nicht Israel eingeladen, sondern die israelische Literatur.“ Den Boykott offen einen antisemitischen Affront zu nennen, kam ihnen allen nicht in den Sinn, obwohl die Beweggründe für ihn offensichtlich sind. Schließlich genügt Judenhassern zum einen bereits das Etikett „israelisch“, um Sturm gegen die Präsenz von Bürgern des jüdischen Staates zu laufen; zum anderen verbirgt sich hinter dem Protest gegen die angeblichen Menschenrechtsverletzungen Israels und der Parteinahme für den „Widerstand“ genannten palästinensischen Terror ein kaum verhohlener Vernichtungswunsch.

Dabei nehmen es die arabischen Literaten und Verlage sogar bewusst in Kauf, sich ins eigene Fleisch zu schneiden. Denn der Pariser Buchsalon mit seinen rund 200.000 Besuchern ist für sie eigentlich eine wichtige Bühne, zumal in Frankreich zahlreiche Bücher aus dem Maghreb und anderen französischsprachigen Ländern Afrikas veröffentlicht werden. Doch dem Antisemitismus ist solch ökonomisch-rationales Denken grundsätzlich fremd; schließlich ist seine Rendite der Judenmord. Das ist einerseits zwar fraglos skandalös, doch es hat andererseits auch einen nicht unerheblichen Vorteil: Dem Salon du livre bleibt so manche Zumutung erspart.

Hattips: barbarashm, Mona Rieboldt, Olaf K.

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