Deutsches Shoa-Business

Eigentlich ist ein nicht gerade unbeträchtlicher Teil der Deutschen ja schon immer davon überzeugt gewesen, dass Auschwitz, Majdanek und Treblinka im Grunde genommen große Besserungsanstalten waren, deren Insassen (und ihre Nachkommen) bloß den Lehrplan nicht richtig verstanden haben. 51,2 Prozent der Nachfahren von Eichmann & Co. fanden deshalb laut einer Umfrage vor etwas mehr als drei Jahren: „Was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im Prinzip auch nichts anderes als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben.“ Weil sie aber ernsthaft glauben, das nicht öffentlich sagen zu dürfen, obwohl sie tagein, tagaus nichts anderes tun und sie – leider – niemand daran hindert, sind die wiedergutgemachten Deutschen ständig auf der Suche nach Juden, die sich als Kronzeugen für das hergeben, was kein Antisemitismus sein soll, sondern natürlich nur freundschaftlich gemeinte „Israelkritik“. Fündig werden sie dabei so schnell wie problemlos, denn die Avnerys, Grossers, Hecht-Galinskis, Meyers und Melzers warten nur darauf, ihnen zu bestätigen, dass die Israelis das Werk der Nationalsozialisten im Nahen Osten wiederholen – und deren Menschheitsverbrechen damit relativieren.

Dabei werden nicht Kosten noch Mühen gescheut, den Entscheidungsträgern des jüdischen Staates ihre angeblichen Ausrottungspläne den Palästinensern gegenüber nachzuweisen. Jeder israelische Militärschlag ist in dieser Sichtweise eine versuchte Vernichtung, jede Kabinettsentscheidung ein Schritt auf dem Weg zur Endlösung. Der Gazastreifen firmiert mal als „größtes Gefängnis der Welt“ und mal gleich als „Konzentrationslager“; was auch immer die Gotteskrieger der Hamas oder des Islamischen Djihad unternehmen, mutiert demzufolge zur schieren Notwehr gegen eine Staatsmacht, die auf die Elimination ihrer Feinde drängt. Wenn sich ein israelischer Politiker äußert, wird er dementsprechend wahlweise der hinterhältigen Verdrehung von Tatsachen oder direkt der Lüge geziehen. Es sei denn, er scheint etwas zu sagen, das den Judenhassern aller Couleur in den Kram passt. Wie beispielsweise Matan Vilnai (Foto), der stellvertretende Verteidigungsminister. Der hatte sich just gestern zu dem andauernden und in den letzten Tagen sogar noch intensivierten Beschuss Israels durch Kassam- und Grad-Raketen geäußert und Konsequenzen angekündigt. Anschließend vermeldete die Nachrichtenagentur Reuters: „Israelischer Vize-Minister droht Palästinensern ‚Holocaust’ an“, und die taz schlagzeilte: „Israeli droht mit ‚Holocaust’“.

Hatte Vilnai das tatsächlich getan? Nein, folgt man der Übersetzung seines fraglichen Statements durch Spiegel-Online, ein Israel üblicherweise nicht eben freundlich gesinntes Medium: „Wenn die Palästinenser noch mehr Raketen abschießen und deren Reichweite vergrößern, bringen sie sich in die Gefahr einer gewaltigen Katastrophe, weil wir alles in unserer Macht Stehende tun, uns zu verteidigen“, wurde Vilnai dort zitiert. Die „gewaltige Katastrophe“ hieß im hebräischen Original wörtlich „Shoa“, was nicht nur deutschsprachige Medien und die üblichen antiimperialistischen Verdächtigen mit „Holocaust“ übersetzten, sondern auch die Hamas. Sami Abu Zuhri etwa, einer ihrer Sprecher, sagte: „Wir haben es mit neuen Nazis zu tun, die das palästinensische Volk töten und verbrennen wollen.“ Und Hamas-Führer Ismail Hanija glaubte: „Dies zeigt, dass Israel von vornherein aggressive Absichten gegenüber unserem Volk verfolgt. Sie wollen, dass die Welt verurteilt, was sie Holocaust nennen, und nun drohen sie unserem Volk mit einem Holocaust.“ Vilnai hatte zweifellos und unbestritten „Shoa“ gesagt – aber wirklich im Sinne von „Holocaust“?

„Wenn man in Israel von einer ‚Katastrophe’ redet, wird oft das Wort Shoa benutzt, aber damit ist nicht der ‚Holocaust’ in Europa gemeint“, stellte Ulrich Sahm, Israel-Korrespondent beim Nachrichtensender n-tv, klar. Vielmehr firmiert die Vernichtung der europäischen Juden im jüdischen Staat als haShoa, also mit bestimmtem Artikel (die Shoa), während das Wort Shoa ohne Artikel allgemein ein großes Unglück, eine Katastrophe, den Untergang bezeichnet. Es sei dahin gestellt, inwieweit Matan Vilnai in seiner – vollkommen berechtigten – Erregung über die Raketenangriffe auf Israel, die am Mittwoch erneut ein Todesopfer forderten, dennoch falsche Assoziationen bedient hat. Tatsache ist gleichwohl: Zum einen hat Israel nachweislich nicht vor, Vernichtungslager einzurichten und die Palästinenser industriell auszurotten, wie es die Nationalsozialisten taten – sondern lediglich, den Beschuss seiner Bevölkerung nachhaltig zu unterbinden. Zum anderen hat Matan Vilnai inzwischen ausdrücklich bekräftigt, mit der Verwendung des Wortes Shoa nicht auf die Vernichtung der Juden im Zweiten Weltkrieg angespielt zu haben.

Und selbst wenn man ihm das als taktisches Zurückrudern auslegt, verdeutlicht es immer noch eindrucksvoll einen entscheidenden Unterschied zur Hamas. Denn die hat von ihrem bereits in ihrer Charta formulierten Ziel einer Vernichtung Israels – also einer neuerlichen haShoa – niemals Abstand genommen; vielmehr verfolgt sie dieses Ansinnen mit der maßgeblichen Unterstützung des Iran nach Kräften weiter, Tag für Tag. Das zu erkennen – also festzustellen, wer das Vernichtungsprojekt der Nazis tatsächlich fortführt –, wollen und können die meisten Deutschen jedoch offenkundig nicht leisten. Denn es ist ein interessiertes Missverständnis, dem sie folgen. Eines, das ideologische Gründe hat. Es ist das deutsche Shoa-Business.

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