Mistvolk im Weltbürgerkrieg

Vor ein paar Monaten saß ich in einer S-Bahn, die mich aus einer deutschen Großstadt in den eine gute Dreiviertelstunde entfernten Ort bringen sollte, in dem meine Eltern wohnen. Zwei oder drei Stationen, nachdem ich zugestiegen war, betraten eine junge Frau und ein junger Mann den Waggon, in dem ich saß, und nahmen auf der Doppelbank rechts von mir Platz. Er begann sofort, in einem Mischmasch aus Deutsch und Türkisch auf sie einzureden, erst noch verhältnismäßig zurückhaltend, dann immer lauter. Es fielen Beleidigungen wie „Flittchen“, „Schlampe“ und „Fotze“. Ich brauchte eine Weile, um zu verstehen, dass die beiden Geschwister waren und kein Pärchen, wie ich ursprünglich dachte. Seine Vorhaltung: Sie laufe herum „wie eine Nutte“ und lasse sich mit deutschen Männern ein. Ihre Reaktion: genervtes Schweigen, in schnellem Wechsel unterbrochen von energischem Widerspruch auf Türkisch, Platzwechseln und Telefonaten mit dem Handy. Die anfangs noch zahlreichen anderen Fahrgäste, die die Tiraden zwangsläufig mitanhören mussten, taten so, als ob sie nichts bemerkten, während sich umgekehrt der junge Mann bei der ausführlichen Beschimpfung seiner Schwester nicht daran störte, dass jeder seine Invektiven mitbekam.

Es zeichnete sich ab, dass das Ganze so schnell kein Ende finden würde. Und während der Zug ganz allmählich leerer wurde und ich noch überlegte, welche Art der Einmischung wohl die effektivste sein könnte – und ob sie der jungen Frau überhaupt zupass käme –, grölte ein ziemlich angetrunkener Deutscher, vielleicht Anfang dreißig und in zerschlissenen Klamotten, durchs Abteil: „Geht das auch leiser? Wir sind hier nicht auf dem Basar!“, bevor er einen kräftigen Schluck aus seiner Bierflasche nahm. Das war für das teuer gekleidete Ehepaar Mitte siebzig, das mir inzwischen gegenübersaß, offenbar das Signal, sich nicht mehr anzuschweigen, sondern sich über das Pärchen mit Migrationshintergrund zu unterhalten, zunächst untereinander. Sie: „Unmöglich so was. Belästigen alle anderen Fahrgäste.“ Er: „Bei denen zu Hause kennt man so was wie Rücksicht nicht. Das ist ’ne ganz andere Kultur.“ Sie: „Die müssen sich aber anpassen, wenn sie hier sind.“ Er: „Das können die nicht. Da sind die anders als wir.“ Sie: „Dann sollen sie wieder zurückgehen, wo sie hergekommen sind, und uns in Ruhe lassen.“

Nun wachte auch mein unmittelbarer Sitznachbar auf – ein Endvierziger mit Halbglatze, Schnauzbart, schwarzer Lederjacke und Jeans – und sekundierte: „Man fühlt sich gar nicht mehr als Deutscher“, sagte er, und dann, mit Nachdruck in der Stimme: „Das ganze Rattenpack müsste man abschieben. Konsequent abschieben. Rein ins Flugzeug und ab nach Hause mit denen. Aber das darf man ja nicht laut sagen, sonst ist man gleich Rassist.“ Beifälliges Nicken des Ehepaares. Jetzt beugte sich eine Frau Mitte zwanzig herüber – kurze Haare, randlose Brille, Jeansjacke –, die in der Reihe hinter mir saß, und gellte: „Solche Kommentare kotzen mich echt an. Das ist typisch deutsch. Die regeln ihre Familienangelegenheiten schon untereinander und sind halt ein bisschen emotionaler dabei. Also, mich stört das nicht. Und Sie halten jetzt mal den Mund!“ Daraufhin keifte die Ehefrau etwas von „Das ist ja wohl das Letzte!“, der Ehemann presste mit rotem Kopf ein „Unverschämtheit!“ hervor, und die Halbglatze bekräftigte noch einmal: „Alle abschieben!“, während der junge Deutsch-Türke seiner Schwester unbeirrt und unvermindert eine Ausfälligkeit nach der anderen an den Kopf warf, bis beide schließlich eilig ausstiegen.

Ich saß derweil da wie paralysiert und war mir nicht sicher, ob ich mich nun schlecht fühlen sollte, weil ich zu alledem kein Wort gesagt hatte, oder froh sein durfte, inmitten dieser Irrenhaus-Freigänger meinen Mund gehalten zu haben. Schließlich waren sie alle auf engstem Raum beisammen: der islamische Macker, der Lumpenproletarier mit Herrenmenschenstatus, das Ehepaar aus der HJ- und BdM-Generation, der Blockwart und die kulturrelativistische Antirassistin. Wahrscheinlich hätte ich trotzdem aufstehen und der jungen Frau zur Seite springen müssen, auch wenn ich nicht absehen konnte, ob die das überhaupt will und ob das die Sache nicht noch ärger gemacht hätte. Vielleicht hätte ich sie auch alle zusammen gegen mich aufgebracht mit dem Israel-Button an meiner Umhängetasche aus den USA. Ich weiß es nicht und werde es auch nicht mehr herausfinden können, aber ich beanspruche mildernde Umstände. Schließlich war ich unbewaffnet.

Dieser Tage muss ich oft an dieses Erlebnis denken, wenn ich die erregten Diskussionen über „Jugendkriminalität“, „Migrantengewalt“, „Spießerprobleme“ und „Scheiß-Deutsche“ verfolge, die derzeit vom hessischen Wahlkampf bis zum Feuilleton alles beherrschen. In dieser vor allem über die Medien geführten Schlacht – und hier finde ich diese Vokabel tatsächlich einmal passend – wird schwerstes Gerät aufgefahren und beherzt aus allen Rohren geballert, wobei sich erfahrene Kombattanten ausgemachten Frischlingen gegenübersehen, bei denen man bislang gar nicht ahnte, zu welcher Form sie im Schützengraben auflaufen können. Zur erstgenannten Einheit gehören zweifellos solche Kampfschweine wie Koch und Schirrmacher, die mit Verve zum finalen Gefecht blasen. Der eine lädt gegen „kriminelle Ausländer“ sowie die drohende Wiederkehr des Kommunismus durch und würde gerne wieder die guten alten Erziehungslager einführen; der andere sieht allen Ernstes einen neuen „Weltbürgerkrieg“ heraufziehen, der für die Deutschen aber immerhin quasi den Vorteil hat, als potenzielle Opfer der Rolle des Tätervolks entkommen zu können, wenn sie das dräuende Armageddon denn überleben.

Deren Gegner wiederum schießen aus einer Ecke, von der man zwar wusste, dass sie regelmäßig noch die übelsten Völkeleien als kulturelle Eigenheit zu verniedlichen bereit ist oder diese als irgendwo doch verständliche Reaktionen auf vermeintlich oder tatsächlich erlittenes Unrecht begreift. Aber dass anlässlich der enthemmten Attacke zweier Migranten auf einen übereifrigen Pensionär selbst der saturierte Feuilletonchef einer Wochenzeitung für Oberstudienräte vor einem Lenin-Bild den Punker in sich entdeckt und das vormalige rotgrüne Regierungsblatt urplötzlich findet, dass die Deutschen ein „Mistvolk“ sind, ist dann doch bemerkenswert. Fast könnte man den Eindruck haben, dass der ultimative Showdown unmittelbar bevorsteht: kriminelle Kanaken gegen reaktionäre Rentner. Dass beide letztlich ein zutiefst autoritäres Weltbild miteinander verbindet und sie einem – getrennt marschierend, vereint schlagend – das Leben zur Hölle machen können, beklagt seltsamerweise niemand. Dabei dürften Situationen wie die eingangs geschilderte keine Seltenheit sein, zumindest im Westen der Republik. Im Osten dominiert fraglos der deutsche Pöbel, dem gleichwohl niemand Einhalt gebietet, wenn nicht gerade eine Fußball-Weltmeisterschaft oder ein ähnliches Ereignis von nationaler Tragweite ansteht.

Am meisten ärgert mich an meiner S-Bahn-Geschichte übrigens, das ich keine Videokamera im Gepäck hatte. Denn die Episode hätte sich hervorragend für einen Werbespot geeignet: Ihr seid Deutschland. Vielleicht sollte ich aufs Auto umsteigen. Aber dann kriege ich Ärger mit den Klimaschützern.

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