Märtyrerturniere

Dem Sport im Allgemeinen und dem Fußball im Besonderen wird oft und gerne nachgesagt, „völkerverbindend“ und dem „Abbau von Feindbildern“ dienlich zu sein. Dahinter steht der Gedanke vom fairen Wettkampf unter letztlich Gleichgesinnten, der grenzüberschreitend sei und etwaige Differenzen per allseits akzeptierter Mittel überwinden möge. Eine naive Weltsicht und eine romantizistische obendrein, die handfeste und teils grundsätzliche Interessenunterschiede einebnet und sie am liebsten auf das Feld der Zeiten, Weiten und Tore verlagern möchte, auf dass, wie es immer mit kindlich-sonnigem Gemüt heißt, der Bessere gewinnen möge. Auch der Weltfußballverband Fifa folgt von Amts wegen diesem Leitmotiv, und dabei entgeht der Öffentlichkeit allzuoft, dass die Protagonisten dieser Organisation selbstverständlich handfeste Politik betreiben, die jedoch – gerade weil sie vordergründig so harmlos und menschelnd daherkommt – als unpolitisches Engagement für die gerechte Sache wahrgenommen werden soll. Vor diesem Hintergrund werden nicht selten Fakten geschaffen, die in ihrer Wirkung nicht zu unterschätzen sind. Denn die Fifa orientiert sich nicht zwangsläufig an bestehenden politischen Grenzen, sondern zieht ihre eigenen. Und daher gehören dem Verband auch Mitglieder an, die keinem international anerkannten Staatswesen zuzurechnen sind.

Eines davon ist die Palestinian Football Federation (PFF), 1964 gegründet und 1998 aufgenommen. Seit neun Jahren darf Palästina also offiziell Länderspiele austragen und an der Qualifikation zu internationalen Turnieren wie der Weltmeisterschaft teilnehmen (bei den Ausscheidungsspielen zu den Wettkämpfen 2002 in Japan und Südkorea sowie 2006 in Deutschland scheiterte die Auswahl jedoch bereits frühzeitig). Darüber hinaus erfreuen sich die palästinensischen Kicker einer besonderen finanziellen und logistischen Förderung durch den Weltverband, etwa in Form des Goal-Projekts, mit dem, so heißt es, die fußballerische Infrastruktur verbessert werden soll. Gegen letzteres wäre gewiss nichts einzuwenden, würden die Sportplätze nicht regelmäßig auch anderen Zwecken dienen – etwa als Trainingslager für Djihadisten oder als Raketenabschussrampen –, und würden Fußballspiele in den palästinensischen Gebieten nicht immer wieder in antisemitische Manifestationen verwandelt. So wurde beispielsweise 2003 ein Turnier nach einem Selbstmordattentäter benannt, der im März des Vorjahres im Park Hotel Netanya 31 Menschen bei einer Pessach-Feier getötet hatte; darüber hinaus kam dessen Bruder die Ehre zu, dem Sieger den Pokal überreichen zu dürfen. Die Fifa mochte dazu keine Stellung beziehen – genauso wenig wie etwa im Oktober 2003, als im Restaurant Maxim in Haifa drei Funktionäre des lokalen Fußballklubs Maccabi bei einem Selbstmordattentat verletzt wurden.

Nun fand in einer Schule in Tulkarem, das in der Westbank liegt, ein Fußballturnier statt – und auch dieses trug den Namen eines mörderischen Judenhassers, wie Palestinian Media Watch berichtet: Ziyad Da’as, ein städtischer Kommandeur der Tanzim-Milizen innerhalb der Fatah, war für die Planung eines Attentats verantwortlich, bei dem im Januar 2002 während einer Bat Mitzvah-Feier in Hadera sechs Menschen ermordet und 30 verletzt wurden, und er stand zudem hinter der Entführung und Ermordung zweier Israelis in Tulkarem im gleichen Monat. Im August jenes Jahres töteten ihn schließlich israelische Soldaten. Grund genug für die Schulleitung in Tulkarem, seiner mit einem Wettbewerb zu erinnern, und Anlass für eine Zeitung der Palästinensischen Autonomiebehörde, ihn als „einen der mutigen Menschen des palästinensischen Widerstands“ zu rühmen, den „die israelischen Besatzungstruppen kaltblütig ermordeten“: „Am Ende des Turniers bezeugten die Zuschauer, dass der Wettkampf geeignet war, des mutigen Märtyrers Ziyad Da’as, die Gnade Allahs sei mit ihm, zu gedenken, und dass alljährlich ein Turnier an seinem Todestag stattfinden soll.“ Die diesjährige Ausscheidung gewann übrigens eine Mannschaft, die sich nach den „Märtyrern“ des südlichen Viertels von Tulkarem benannt hatte.

Eine Kritik der Fifa ist gleichwohl erneut nicht zu vernehmen. Aber vielleicht ist die Bezeichnung Goal-Projekt ja auch wörtlicher gemeint, als man bisher dachte.

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