Ein Gläschen in Ehren

Bisweilen haben die Weltläufte schon ein absurdes Theater im Programm: Im April 1933 boykottierten die Nationalsozialisten Warenhäuser, die Juden gehörten, darunter jene der Leonhard Tietz AG; deren Geschäfte wurden schließlich „arisiert“ und heißen seither Kaufhof. Nun veranstaltet just dieser Kaufhof in vielen seiner Filialen noch bis zum 25. August die Aktion Kulinarisches Israel und bietet dabei koschere Lebensmittel an. Gegen diese Werbemaßnahme richtet sich wiederum ein Boykottaufruf mit dem Motto „Fair Trade – auch mit Israel!“, verfasst von der Jüdischen Stimme für einen gerechten Frieden und dem Arbeitskreis Nahost, zwei stramm antizionistischen Gruppen. Die Begründung: „Galeria Kaufhof verkauft israelische Siedlungsprodukte aus dem besetzten palästinensischen Westjordanland und aus den annektierten syrischen Golan-Höhen. […] Von den etwa 40 beteiligten Unternehmen haben mindestens fünf direkte Beziehungen zu den völkerrechtswidrigen Siedlungen im Westjordanland und in den Golan-Höhen.“

Also fordert man „die Kaufhof Warenhaus AG auf, Produkte aus den israelischen Siedlungen aus dem Sortiment zu nehmen und zu überprüfen, welche weiteren Waren mit den Siedlungen verwoben sind“. Die „Israel-Wochen“ sollten derweil ausgesetzt werden. Alsdann richten sich die Boykotteure mit Nachdruck an die Kundschaft: „Schließen Sie sich bitte diesen Forderungen an! Verweigern Sie sich als Verbraucher und Verbraucherin einer Unterstützung von Besatzung und Siedlungspolitik!“ Es folgen Ausführungen über die „Kräuter der Apartheid“ sowie eine akribische Aufzählung von Unternehmen, die in oder mit israelischen Siedlungen wirtschaften, bevor das Pamphlet mit der obligatorischen Litanei gegen den jüdischen Staat schließt: „Siedlungspolitik und Besatzung bedeuten für die Palästinenser: Wasserknappheit, Landraub, Zerstörung eines erträglichen Alltagslebens, Einzwängung in Kantone, bis zu etwa 600 Kontrollposten (Checkpoints), die Mauer/Sperranlage, ein faktisches Apartheidsystem in allen Lebensbereichen, ‚gezielte Tötungen’ durch Verbände der israelischen Armee (mit vielen umgebrachten palästinensischen Zivilisten), Armut und Traumatisierung: Bis heute terrorisieren z.B. Verbände der israelische Armee jede Nacht die Bewohner des Flüchtlingslagers Jenin durch Lärm.“

Und beim Schreiben von Flugblättern belassen es die furchtlosen Rächer der Enterbten nicht: Am kommenden Samstag wollen sie zudem eine Mahnwache auf dem Berliner Alexanderplatz ins Werk setzen – vor dem Eingang zu besagtem Warenhaus. Blasen dort also neuerlich Antisemiten zum Boykott? Ach was: bloß „Israelkritiker“, die ein von den Nazis entjudetes Geschäft daran hindern wollen, ein bisschen Merchandising mit Produkten aus dem jüdischen Staat zu betreiben. Das nennt man dann wohl Antifaschismus. Gut, dass Leonhard Tietz, der Gründer des ersten Kaufhauses in Deutschland, das nicht mehr miterleben muss.

Update 18. August 2007: Henryk M. Broder über ein Dutzend Nebbichs vor dem Kaufhof am Alex.

Lesetipp: Karl Selent: Ein Gläschen Yarden-Wein auf den israelischen Golan. Polemik, Häresie und Historisches zum endlosen Krieg gegen Israel, ça ira Verlag, Freiburg 2003.

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