Eisbrecher mit Initial-Irritation

Max Horkheimer wusste es schon im Mai 1967: „Amerika hat, aus welchen Motiven auch immer, Europa von völliger Versklavung gerettet. Die Antwort ist heute überall, nicht bloß in Deutschland, eine weitverbreitete und tiefgehende Amerika-Feindlichkeit.“ Überraschend sei dabei „der Umstand, dass überall dort, wo der Anti-Amerikanismus sich findet, auch der Antisemitismus sich breit macht“, und sogar grotesk „die Verwirrung unter den linken Studenten“. Denn: „Die Einheit von Theorie und Praxis, die sie früher gefordert haben, wird zu einer kruden anti-amerikanischen Praxis, ohne dass eine echte Theorie dahinter stände.“ Vierzig Jahre später ist der Hass auf die USA mit oder ohne Theorie längst keine Domäne der Linken mehr, sondern zu einer Art deutsch-europäischem Sozialcharakter geronnen, zu einer conditio sine qua non geworden. Und die geradezu symbiotische Verbindung mit dem als „Israelkritik“ bauernschlau verbrämten Antisemitismus muss deshalb niemanden mehr wundern. „Es ist die Figur des harten, aggressiven, skrupellosen und rücksichtslosen Juden in Gestalt des machtvollen und brutalen Israeli, die dem europäischen Antisemitismus von heute eine neue Dimension gibt“, schrieb der Politikwissenschaftler Andrei S. Markovits in seinem Buch Amerika, dich hasst sich’s besser. (1) „Und es sind wiederum die Stärke und (militärische) Macht, die dem Antiamerikanismus eine zusätzliche und unersetzliche Rolle in dieser neuen Form des Antisemitismus als Israelfeindschaft zuweisen und diese zwei Phänomene zu politisch potenten Zwillingen in ganz Europa machen.“

Thomas von der Osten-Sacken wies nach, dass es die „Identifizierung Amerikas mit Israel, des Juden mit dem Finanzkapital der US-Ostküste, die inzwischen in arabischen Medien ebenso selbstverständlich verbreitet wird wie auf den Treffen der Globalisierungsgegner“, bereits 1906 gab. (2) Der völkische Autor Otto Ladensdorf hatte seinerzeit kund getan: „Heute kann man schon in gewissem Sinne den Juden als den Vertreter des Amerikanismus bei uns bezeichnen. Verjudung heißt eigentlich Amerikanisierung.“ Auch die Niederschlagung des Nationalsozialismus konnte diesen Ressentiments nichts anhaben; im Gegenteil. Die oft bloß taktisch motivierte demonstrativ proamerikanische Haltung deutscher Bundesregierungen erfuhr bald nach dem Beitritt der DDR einen Revisionsprozess; ultimativ mit ihr gebrochen wurde schließlich im Zuge des Amtsantritts von Rot-Grün 1998. Seitdem agiert sich der Antiamerikanismus klassenübergreifend nahezu ungehemmt aus, nicht selten in Verbindung mit dem Antizionismus: Keine Party ohne Bush-Witze, kein Stammtischgespräch ohne Zoten über die „zionistische Lobby“, keine Wahl ohne kampagnenartige Tiraden gegen die USA, kein Tag ohne eine mit vor Kühnheit zitternder Stimme vorgetragene Philippika über dieses kulturlose, kriegsgeile und umweltschädliche Volk jenseits des Atlantiks und seinen Bündnispartner Israel – von Hartz IV bis Heidemarie Wieczorek-Zeul weiß man, wo der Feind steht. Und das ist keine Frage mangelnder Bildung. Vielmehr steigen die Chancen auf besondere Penetranz bei Begegnungen mit vermeintlich oder tatsächlich Höherqualifizierten sogar noch.

Diese Erfahrung machen nicht wenige der rund 3.200 Gaststudenten aus den Vereinigten Staaten, die derzeit in Deutschland leben. „Sie sind Botschafter wider Willen, werden von Kommilitonen und Unbekannten stellvertretend für ihre Regierung daheim angegangen – ein Affront, der Akademikern aus China, Russland oder arabischen Ländern meist erspart bleibt“, resümiert Jan Friedmann auf Spiegel-Online die Verwandtschaft des Amerikahasses mit dem Judenhass in Gestalt der „Israelkritik“ liegt auch hier auf der Hand. Die Angriffe tauchen zwar „in keiner Statistik und keinem Polizeibericht auf“. Doch das liegt schlicht daran, dass Antiamerikanismus hierzulande keine Straftat, sondern Ehrensache ist. Friedmann zitiert stellvertretend den Austauschstudenten Edward Janssen und dessen „typische Konversation mit deutschen Kommilitonen“: „Erste Frage: Wie heißt du? Zweite Frage: Woher kommst du? Dritte Frage: Hast du Bush gewählt?“ Und dann sei man „schon mittendrin in der Diskussion über den Irak-Krieg, über Todesstrafe, Waffengesetze und Klimaschutz“. Es gebe nur eine Chance, sagt Janssen: „Wenn ich die ersten 15 Minuten überstehe, kann es ein gutes Gespräch werden.“ Dann dürfe er erzählen, dass er während des Deutschunterrichts in seiner Schule in Jersey City ansehen musste, wie die Türme des World Trade Centers zusammenstürzten und dabei Mitschüler, Angehörige und Freunde starben.

Nach einer Studie des Pew Research Centers in Washington äußern sich zwei Drittel der Deutschen negativ über die USA. In einer anderen Umfrage erklärten im Frühjahr 57 Prozent der 18- bis 29-jährigen Deutschen, sie hielten die USA für gefährlicher als den Iran. Unbeliebter ist das Land nur in muslimischen Staaten. Jetzt soll allen Ernstes ein Programm namens „Rent an American“ („Miete einen Amerikaner“) Abhilfe schaffen, schildert Jan Friedmann: In dem gleichnamigen, bundesweit einzigartigen Pilotprojekt vermittelt das Deutsch-Amerikanische Institut Tübingen seit einigen Wochen amerikanische Gaststudenten für Unterrichtsbesuche an Schulen der Region.“ Jeder vierte der etwa einhundert US-Gaststudenten in dem beschaulichen Universitätsstädtchen habe sich „im laufenden Semester für die Eisbrecher-Initiative gemeldet“. Im Erfolgsfall werde daran gedacht, das vom Land Baden-Württemberg mitgetragene und von der Robert Bosch Stiftung unterstützte Projekt auf das ganze Bundesland auszudehnen. Antiamerikanismus will Bernd Engler, Amerikanist und Rektor der Universität Tübingen, es allerdings nicht nennen, was den Bürgern der Vereinigten Staaten hierzulande entgegenschlägt und Anlass für die Idee seiner Einrichtung war, die Eis- den Tabubrechern auszusetzen; er spricht lieber von „Ressentiments, die je nach außenpolitischer Lage Konjunktur haben“ und sich „mit wachsender Kenntnis über die USA auflösen“ (was nachweislich Unfug ist). Wie auch immer: Deutsche Hochschulen seien „uneingeschränkt gastfreundlich“; außerdem handle es sich bei den Erfahrungen vieler US-Gaststudenten um eine lehrreiche „Initial-Irritation“. Das muss so eine Art Burschenschafterritual sein, nur ohne Schmiss und Bierverschiss.

Audrey Bashore hatte ihre Initial-Irritation jedenfalls gegenüber der Klasse 8 b des Katholischen Freien Gymnasiums St. Meinrad in Rottenburg am Neckar, wie Friedmann berichtet. Die 13- bis 14-jährigen Schüler müssen die 22-jährige Studentin der University of Michigan einem regelrechten Verhör unterzogen haben: „Glaubst du, dass ein anderer Präsident das Image deines Landes ändern könnte?“, „Findest du gut, wie die Amerikaner mit Rohstoffen umgehen?“, „Billigst du die Todesstrafe?“, „Unterstützen die Amerikaner den Irak-Krieg?“, „Warum essen Amerikaner so viel Fast Food?“, „Können sie auch Bio-Lebensmittel kaufen?“. Eine Stunde später, vor einer elften Klasse, wiederholten sich die Themen offenbar: „Was denkst du über Bush und die Politik seiner Regierung?“, gefolgt vom Klimawandel, der Todesstrafe, dem Waffenbesitz, Michael Moore und dem Ku-Klux-Klan. Die Schüler dürften genau wie ihre Lehrer mit Audrey Bashore und ihren Antworten zufrieden gewesen sein: Sie sei auch gegen Bush, den Irak-Krieg, die Todesstrafe sowie Rohstoffmissbrauch und zeige das auf Demonstrationen. Derlei hört man in Deutschland und Europa natürlich gerne, und auch hier zeigt sich eine auffällige Parallele zum Antisemitismus: Amerikaner, die Bush nicht wählen und außerdem ihren Müll trennen, erfreuen sich fast so großer Beliebtheit wie antizionistische Juden, die Israel an den Pranger stellen.

Marc Chmielewski und Johannes Kaufmann haben in ihrem Verschwörungs-ABC – Alles für den Verschwörungstheoretiker unter dem Stichwort „USA“ treffend die Methode umrissen, derer sich Antiamerikaner bedienen:

„Wenn die USA etwas tun oder lassen, hat dies in der Regel größere Auswirkungen auf das Weltgeschehen, als wenn Deine Anhänger die Redaktionen der Republik mit empörten Leserbriefen traktieren. Das erzeugt Neid und Missgunst, und da setzt Du an. Wenn es um die USA geht, kannst Du alle Hemmungen über Bord werfen […]. Normalerweise sind Vorurteile, Stereotype und Pauschalisierungen verpönt – beim ‚großen Bruder’ jenseits des Atlantiks aber darfst und solltest Du in die Vollen gehen: Verurteile die Amerikaner wahlweise kollektiv als zu prüde oder zu exhibitionistisch. Vergiss PISA und mach Dich lieber über die ungebildeten Trottel im Mittleren Westen lustig, von denen es in Deinen Michael-Moore-Büchern wimmelt. Interpretiere die Tatsache, dass Bill Gates reicher ist als beide Aldi-Brüder zusammen, als Ausdruck des raffgierigen Volkscharakters. […] Schreie ‚Kein Blut für Öl!’, sobald ein US-Soldat einen Fuß außer Landes setzt. Rufe den kulturellen Notstand aus, wenn McDonald’s eine Filiale in der Dönerwüste Deines Kiezes eröffnen will. Wirf den USA vor, sich in den Nahostkonflikt einzumischen. Wirf ihnen gleichzeitig vor, ihr weltpolitisches Gewicht nicht angemessen für eine Lösung des Nahostkonflikts einzusetzen. Wenn in den USA ein Hurrikan ganze Städte verwüstet und Hunderttausende obdachlos macht, dann mach den Trittin und wedele linkerhand mit dem Kyoto-Protokoll herum, während Du in der Rechten das Megaphon hältst, in das du brüllst: ‚So was kommt von so was!’ Vergleiche Bush mit Hitler. Sei misstrauisch, sei maßlos, sei gnadenlos. Und vergiss nicht, was sie mit den Indianern gemacht haben – hat nicht auch Hitler seinerzeit…?“

Die „Einheit von Theorie und Praxis“, von der Horkheimer sprach, übersetzt sich tatsächlich in eine „krude anti-amerikanische Praxis“, „ohne dass eine echte Theorie dahinter stände“. Einer solchen bedarf es aber auch gar nicht, denn der Antiamerikanismus ist sich selbst genug. Da nützt es auch nichts, leibhaftige Amerikaner zu mieten.

Anmerkungen:
(1) Andrei S. Markovits: Amerika, dich hasst sich’s besser. Antiamerikanismus und Antisemitismus in Europa, Hamburg 2004, S. 187.
(2) Thomas von der Osten-Sacken: Antiamerikanismus, Antisemitismus und antiimperialistische Friedenssehnsucht, in: Thomas Uwer/Thomas von der Osten-Sacken/Andrea Woeldike (Hg.): Amerika. Der „War on Terror“ und der Aufstand der Alten Welt, Freiburg 2003, S. 171.

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